Corona

Gesundheitsamt überfordert: Schulen sollen nun Kinder in Quarantäne schicken

Muss mein Kind in Quarantäne? Das erfahren Eltern in Dortmund nicht mehr auf dem üblichen Weg vom Gesundheitsamt - sondern vom Schulleiter. Die Stadt sagt, man komme bei all den Corona-Fällen nicht hinterher.

Eigentlich müsste es Post vom Gesundheitsamt geben. Ist jemand corona-positiv, schickt die Stadt Dortmund einen „Quarantänebescheid“, der amtlich klarstellt: Sie müssen zuhause bleiben. Doch: Bei Schülern ist der Ablauf plötzlich anders.

Das geht aus einer E-Mail hervor, die die Stadt offenbar vor wenigen Tagen an die Schulen verschickt hat. Die sollen jetzt selbst die Kommunikation mit den Eltern und corona-positiven Schülern übernehmen. Im Gesundheitsamt selbst sei das „nicht mehr leistbar“.

Gesundheitsamt kommt nicht mehr hinterher

Damit reagiert die Stadt erneut auf die enorm gestiegenen Fallzahlen. Lag die Inzidenz vor den Ferien noch unter 10, schnellte sie kurz nach Beginn des neuen Schuljahres auf über 160 hoch. Bei Schülern beträgt sie mehr als 500. Zu hoch, als dass man im Gesundheitsamt noch Sitzpläne durchschauen könne, heißt es in der internen Mail an die Schulen.

Müssen also jetzt die Lehrer allein entscheiden, wer gefährdet ist und wer in Quarantäne soll? Nein, erklärt Amtsleiter Dr. Frank Renken: „Wir fragen, wie die Bedingungen in dieser Klasse oder am betroffenen Tisch sind. Es werden vier bis fünf Fragen gestellt, damit man einen Überblick hat, was eigentlich los ist.“

Wichtige Fragen: Frühstück? Maske? Sport?

Haben die Kinder die ganze Zeit über Masken getragen oder sie abgesetzt, zum Beispiel zum Frühstücken? Haben die Kinder gesungen oder Sport getrieben? Wie ist gelüftet worden? Wer saß in welcher Stunde wo? Haben sich – zum Beispiel für Gruppenarbeiten – die Konstellationen geändert? All das spielt eine Rolle.

Sitzpläne müssen die Lehrer ohnehin anfertigen, schon seit 2020. Für die Beurteilung, wer innerhalb eines 1,50-Meter-Radius‘ war, sind nun aber stärker die Schulen in der Pflicht. Sehr zum Ärger der Verantwortlichen.

Schulleiter: „Wir sind doch keine Mediziner“

„Wir sind doch keine Mediziner. Wir sind nicht die Stelle, die über eine Quarantäne entscheiden sollte“, unterstreicht ein Schulleiter aus Dortmund. Und ein anderer fügt hinzu: Es sei ähnlich wie bei der Einführung der flächendeckenden Tests im Unterricht, zweimal pro Woche.

Da habe man auch bestätigen sollen, dass alles korrekt durchgeführt worden sei. Obwohl man das fachlich gar nicht gekonnt habe. Im Laufe der Corona-Zeit sei immer mehr auf Schulleitungen und Lehrer abgewälzt worden. Dabei beteuert die Stadt Dortmund: Man tue, was man könne.

Stadt: „Schule einziger Bereich, in dem wir es genau machen“

„Wir gehen da nicht völlig pauschal ran, eben weil es Schule ist“, erläutert Gesundheitsamts-Chef Renken: „Das ist der einzige Bereich, in dem wir es noch so genau machen.“ Schon in der vergangenen Woche hatte Renken gesagt, dass Corona-Neuinfizierte nun eigenständig ihre Kontaktpersonen anrufen und zum Testen schicken sollen.

Das liegt nicht nur an den gestiegenen Fallzahlen, sondern auch am reduzierten Personal. Zwar habe man immer noch mehr als 100 Mitarbeiter in der Kontaktnachverfolgung. Aber eben nur noch knapp halb so viele wie während der zweiten und dritten Welle. Derzeit kommen täglich zwischen 150 und 200 neue Coronafälle hinzu.

Im Idealfall muss nur ein Schüler in Quarantäne

Die Vorgabe vom Land NRW lautete bisher: Nur der Sitznachbar eines corona-positiven Schülers müsse in Quarantäne. Und selbst davon nimmt Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) mittlerweile Abstand.

„Wir haben das für uns trotzdem etwas abgewandelt“, sagt Dortmunds Gesundheitsamts-Leiter Renken: „Wir fragen trotzdem, wie die Bedingungen in der Klasse sind. Und wenn die Antworten supergut ausfallen, muss vielleicht nur der positiv getestete Schüler in Quarantäne.“

Das würde Ministerin Gebauer ohnehin gerne pauschal einführen. Allerdings ohne Nachfrage bei den Schulen und ohne Abwägung.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Jahrgang 1977 - wie Punkrock. Gebürtiger Sauerländer. Geborener Dortmunder. Unterm Strich also Westfale.
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Björn Althoff