Gewalt gegen Frauen: Es gibt einen Ausweg aus dem Teufelskreis

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Immer mehr Frauen zeigen prügelnde Partner an und bitten um professionelle Hilfe. Im Interview erklärt Claudia Ebbers von der Frauenberatungsstelle, warum Frauen aber auch lange schweigen.

Dortmund

, 24.01.2019 / Lesedauer: 5 min

Bei der Dortmunder Polizei steigen seit 2015 die Strafanzeigen nach „häuslicher Gewalt“. In den meisten Fällen schlagen Männer zu - oder sie vergewaltigen die Lebenspartnerin. 2017 zeigten die Opfer mehr als 1600 Fälle an. Doch nur ein Bruchteil der Gewaltopfer sucht Hilfe. NRW will das Dunkelfeld aufhellen und mit einer Studie ermitteln, warum Gewaltopfer mit Strafanzeigen zögern. Die 42-jährige Sozialpädagogin und Fachberaterin für Psychotraumatologie, Claudia Ebbers von der Dortmunder Frauenberatungsstelle erläutert im Interview mit Redakteur Peter Bandermann, warum Frauen ihr Leid lange ertragen, bevor sie um Hilfe bitten.

Frau Ebbers, die Zahl der angezeigten Gewalttaten in der Familie steigt. Die Frauenberatungsstelle berät immer mehr Frauen, die Hilfe suchen. Aber es gibt immer noch eine große Zahl unbekannter Fälle. Woran liegt das?

Im Strafrecht gibt es inzwischen gute Veränderungen, die Frauen Mut machen. Sie trauen sich zu, Schläge und Vergewaltigungen anzuzeigen. Aber bis die in den Gesetzen vorgenommenen Veränderungen wirken, vergeht viel Zeit. Die Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 strafbar. Zuletzt wurde das Sexualstrafrecht im Jahr 2016 reformiert. Das ermöglicht mutmachende Botschaften. Frauen trauen sich, schneller als sonst eine Tat anzuzeigen oder Hilfe zu suchen.

Das Innenministerium und das Gleichstellungsministerium wollen das Dunkelfeld ausleuchten und ergründen, warum Frauen trotz drastischer Gewalterfahrungen schweigen. Haben Sie eine Erklärung?

Die Dunkelziffer ist sehr hoch, weil das Thema sehr stark mit Scham besetzt ist. Der Täter ist dem Opfer nicht fremd. Er stammt aus dem nahen sozialen Umfeld. Deshalb ist die Angst bei den betroffenen Frauen noch einmal größer.

Häufig ist von einem Teufelskreis die Rede. Wie sieht der aus?

Oft stehen Frauen finanziell und emotional in einer Abhängigkeit zum Täter. Jahrelang haben sie schon psychische Gewalt erfahren. Sie wurden gedemütigt und klein gehalten und in diese Abhängigkeit gedrängt. Das führt zu Handlungs- und Wehrlosigkeit. Das Gewaltopfer traut sich nicht zu, aus eigener Kraft da raus zu kommen und hat auch keine Vorstellung davon, wie man sich helfen lassen kann.

Die Frauenberatungsstelle gibt es seit über 40 Jahren. Im Team arbeiten fünf Spezialistinnen. Für das Jahr 2019 bereitet die Beratungsstelle eine große Kampagne über sexualisierte Gewalt vor.

Warum gelingt Frauen nicht schon nach dem ersten Faustschlag oder der ersten Vergewaltigung der Ausstieg, bevor sie in den Teufelskreis einsteigen?

Männer führen sie geschickt in diesen Teufelskreis hinein. Nach dem ersten Schlag heißt es bei einer Aussprache: „Das tut mir so leid.“ Sie zeigen Reue. Die Frau schöpft Hoffnung und nimmt die Schuld auch auf sich, wenn der Mann sagt: „Hättest du das und das nicht getan, dann wäre ich nicht ausgerastet.“ Der Frau wird also die Schuld zugesprochen. Sie übernimmt die Verantwortung und denkt sich: „Wenn ich mich jetzt verändere, dann passiert das nicht mehr, dann wird alles gut.“ Da herrscht ein großer Anpassungsdruck. Aber: Die Schuld liegt allein beim Täter.

Wenn eine Frau Hilfe sucht und auf den Ausstieg hofft: Welche Gefühle erkennen Sie?

Frauen erleben ein sehr starkes Angst-Gefühl: Egal, wohin ich gehe, egal, wohin ich flüchte, egal in welchem Frauenhaus ich bin - er findet mich überall. Sie finden kein Gefühl von Sicherheit.

Ist diese Angst berechtigt?

Es gibt Täter, von denen eine große Gefahr ausgeht. Deshalb müssen wir gut überlegen, wo wir die Frauen unterbringen können. Manchmal muss es sogar ein anderes Bundesland sein, aber das ist selten. Das führt zu Kontaktabbrüchen im gesamten sozialen Umfeld - genau das macht es dann auch so schwer.

Pro Jahr bitten etwa 1200 Frauen die Frauenberatungsstelle in Einzelgesprächen um Hilfe. Anlässe sind häusliche Gewalt, Trennung, Scheidung, sexualisierte Gewalt, Essstörungen, Psyche, Gesundheit.

Damit gehen gewalttätige Männer als Sieger hervor.

Man könnte das anhand des vorherigen Beispiels denken, weil Frauen viel auf sich nehmen müssen, um Sicherheit zu erlangen. Aber seit die Polizei per Gesetz die Gewalttäter aus der Wohnung verweisen kann, hat sich die Situation für Frauen deutlich verbessert.

Wer schlägt?

Gewalt in der Familie gibt es in jedem Alter und in jeder sozialen Schicht. Auch die Herkunft spielt dabei keine Rolle. Wir machen aber die Erfahrung, dass es Frauen, die eigentlich gut im Leben stehen, die selbstbewusst sind und einen guten Job haben, schwer fällt, über ihre Rolle als Gewaltopfer zu sprechen. Wenn ihre Männer einen angesehen Beruf haben, denken sie sich: „Das glaubt mir doch keiner, dass der diese Seite hat. Der weiß sich immer gut auszudrücken, und hat ein gutes Standing bei allen Freunden“. Sie trauen sich nicht, das auszusprechen. Dazu kommt, dass sie einen tiefen Absturz befürchten, wenn sie reden. Der Lebensstandard wird aufgegeben, sie müssen sich eine andere Existenz aufbauen.

Welche Strategie nutzen die Täter, um das Schweigen zu kultivieren?

Männer wollen unerkannt bleiben. Sie drohen deshalb unumwunden: „Wenn du gehst oder redest, dann wird es so richtig brenzlig für dich.“ Wenn Frauen die Taten öffentlich machen, sollen sie also mit einer noch größeren Eskalation rechnen. Diese psychische Gewalt ist nicht so offensichtlich wie die körperliche Gewalt, aber sie wirkt mindestens genauso stark.

Wie weit kann so ein Leidensweg führen?

Es gibt Frauen, die lassen sich das nicht ein zweites Mal gefallen. Andere wehren sich erst nach dem vierten oder fünften Vorfall. Manche Frauen verfügen schon nach einem einmaligen Polizeieinsatz über die Kraft, da rauszukommen. Sie haben ein gutes soziales Umfeld und sind auch deshalb handlungsfähig. Wir kennen aber auch mehrjährige Prozesse. Denn Frauen können viel aushalten und tun alles dafür, dass die Gewalt nicht nach außen dringt. Weil sie sich so sehr dafür schämen.

Gewalt hinterlässt Spuren. Wie sind Platzwunden und Blutergüsse zu erklären?

Weil der Mann gewalttätig ist. Aber um die Folgen von Gewalt zu verheimlichen, nehmen Frauen die Schuld auf sich und erfinden Ausreden wie „Ich habe mir aus Versehen die Tür vor den Kopf geschlagen. Bin manchmal einfach etwas tollpatschig“.

Die Zahl der angezeigten Straftaten nach Gewalt in der Familie steigt. 2015: 1328 Fälle. 2016: 1423 Fälle. 2017: 1634 Fälle. 2018: noch nicht ausgewertet. Die Zahlen gelten für die Städte Dortmund und Lünen. In nicht allen Fällen sind Männer die Täter.

Wenn eine Frau akut Hilfe sucht: Wie gehen Sie in der Beratungsstelle vor?

Wichtig ist zu wissen: Was braucht die Frau? Ist eine ärztliche Versorgung wichtig? Müssen wir einen Antrag auf Wohnungszuweisung stellen? Die Suche nach einer Wohnung ist allerdings schwierig geworden. Um individuell helfen zu können, müssen wir wissen, wie sich die Gewalt aufgebaut hat. Vielen Frauen müssen wir das Gefühl geben, dass nicht sie die Schuld tragen, sondern dass der Mann der Täter ist. Das braucht viel Zeit, wenn eine Frau über viele Jahre diese Demütigungen erfahren hat. Und es kommt vor, dass eine Frau die erlittene psychische und körperliche Gewalt erst nach mehreren Beratungsgesprächen offenbart. Häufig fließen viele Tränen, gerade dann, wenn intime Tabuthemen angesprochen werden. Wichtig ist: Es gibt nicht den einen Weg aus der Gewalt. Wir unterstützen sie darin, ihren eigenen Weg aus der Gewalt zu finden.

Ist es wichtig, dass Frauen die Polizei einschalten?

Wir ermutigen die Frauen dazu, die Polizei einzuschalten, um für Sicherheit für sich und auch die Kinder zu erhalten.

Hilfe im Notfall:
  • Bei akuter Gewalt oder Bedrohung: Polizei-Notruf Tel. 110. Anrufen können Gewaltopfer und Zeugen.
  • Frauenberatungsstelle: Märkische Straße 22-218, 44141 Dortmund, Tel. 0231 / 52 10 08 (Montag bis Freitag 9 bis 12 Uhr). Die Beratung ist kostenlos.
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