Gewalt gegen Kinder: Diese Fälle haben eine Psychologin besonders bewegt

rnKinderschutz-Zentrum

Psychologin Christine Koslowski hat vielen Dortmunder Kindern nach Gewalterfahrungen geholfen. Jetzt geht sie in den Ruhestand. Hier schildert sie einige ihrer heftigsten Fälle.

Dortmund

, 30.04.2019, 08:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

In ihrer täglichen Arbeit hat Christine Koslowski (65) in menschliche Abgründe geblickt. Die erfahrene Therapeutin schildert Fälle, die sie besonders bewegt haben. Und die auch zeigen, wie sich die Art der Gewalt gegen Jugendliche und unter Jugendlichen in der heutigen Zeit verändert hat:

1. Sexuelle Gewalt im engsten Familienumfeld

Eine Jugendliche war aufgrund „sehr schwerer sexueller Gewalt durch den Partner der Mutter“ lange in Therapie. „Das sind die schwierigsten Fälle, wenn die Gewalt von denen kommt, die Schutz bieten sollen“, sagt Christine Koslowski. Solche Kinder erleiden schwere Traumata. Diese können Ursache vieler Dinge sein, die vom Umfeld häufig als „Verhaltensauffälligkeit“ abgetan werden.

Im Fall des Mädchens war ein Symptom das Ausreißen der Haare. „Einem solchen Kind sagen wir: Das ist eine normale Reaktion deines Körpers auf eine Erfahrung, die verrückt ist.“ Diese Sichtweise sei in diesem Fall ein Schlüssel gewesen.

„Unsere Arbeit ist schwer, aber nicht hoffnungslos. Es gibt Kinder, die unglaublich widerstandsfähig sind“, sagt Christine Koslowski. Ihre Nachfolgerin Nina Gebauer (32) wird den Schwerpunkt auf Traumatherapie in Zukunft noch weiter vertiefen.

2. Gruppenvergewaltigung mit Erpressung

Im Kinderschutz-Zentrum hat Koslowski ein Mädchen nach einer „entsetzlichen Erfahrung“ betreut. Die Jugendliche lernte einen Jungen kennen und traf sich mit ihm in der Hoffnung, dass die beiden ein Paar werden könnten. Doch der Junge lockte sie in eine Falle.

Es kam zu einer Vergewaltigung, an der noch weitere Personen beteiligt waren. „Weil das Mädchen durch Filmaufnahmen unter Druck gesetzt wurde, konnte es sich keine Hilfe holen“, sagt Christine Koslowski. Durch das Filmen der Tat und den Druck über soziale Netzwerke werde die Gewalt häufig noch intensiviert.

Generell habe das Team im Kinderschutz-Zentrum in jüngerer Vergangenheit häufig mit „Grenzverletzungen unter Kindern“ zu tun. Also Fällen ähnlich dem, der zuletzt im Stadtteil Scharnhorst für Aufregung gesorgt hatte. „Hier geht es vor allem um die Frage, wie Eltern und Kitas präventiv geschult werden können“, sagt Christine Koslowski.

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Sie hält viele Eltern für „naiv, leichtgläubig und achtlos“, was den Umgang mit Smartphones und dem Internet angehe. Sie habe erlebt, das Sechsjährige relativ einfach selbst bei Youtube auf sexuell eindeutigen Inhalten landen. „Eltern müssen da mehr begleiten.“

3. Fünfjährige, die Säuglinge versorgen

„Es gibt Familien, die nicht in der Lage sind, kleine Kinder angemessen zu versorgen. Die Kinder bleiben den ganzen Tag in ihren schmutzigen Windeln. Sie bekommen kein Essen zu den Zeiten, zu denen sie es brauche. Sie werden nicht in den Arm genommen, wenn sie Trost brauchen“, sagt die Kinderpsychologin.

Sie berichtet beispielhaft von einem Fall, in dem ein Fünfjähriger Junge seine Schwester im Säuglingsalter versorgen musste. „Vernachlässigung ist nach wie vor ein Problem, das viel häufiger vorkommt, als es zahlenmäßig zu erfassen ist.“

So viele junge Klienten wie noch nie

Viele „Klienten“ im Kinderschutz-Zentrum sind jünger als drei Jahre alt. Fast Rund 500 neue Fälle hat das Team im Jahr 2018 bearbeitet, so viele wie noch nie. 2019 läuft nach bisherigen Zahlen auf 600 Neuanmeldungen zu. Ein weiterer Rekordwert, der zeigt, dass die psychologische Beratungsarbeit gefragt und wichtig bleibt. „Wir bieten Hilfe, wenn das Kindeswohl gefährdet ist - so lange, bis es nicht mehr gefährdet ist“, sagt Christine Koslowski.

Kontakt zum Kinderschutz-Zentrum

  • Kinder und Jugendliche können sich ebenso wie besorgte Eltern oder auch Außenstehende unverbindlich, kostenlos und anonym an das Kinderschutz-Zentrum wenden und einen Gesprächstermin vereinbaren unter Telefon (0231) 20 64 580.
  • Im Kinderschutzzentrum gibt es verschiedene spezialisierte Angebote, etwa für Eltern von „Schreibabys“ oder für Geflüchtete unter 14 Jahren.
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