Mobbing an Dortmunder Schulen, Fridays-for-Future-Demos in der City, weil Klima-Aktivistin Greta Thunberg Panik macht, und so weiter: Alles Quatsch, meint unser Autor.

Dortmund

, 20.05.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die nächtlichen Raser auf dem Ostwall und das Haus, das in Hörde in die Luft fliegt. Rempeleien am Hauptbahnhof, das Mobbing in den Schulen. Auch Feinstaub und Stickoxide, die die Gesundheit der Anwohner der Brackeler Straße gefährden. Wir kennen diese Schlagzeilen. Furchtbar, diese Zeiten. Hätte es früher nicht gegeben. Oder: Vielleicht doch?

Ein Schulfreund hat mich besucht. Wir haben uns Jahrzehnte nicht gesehen. Über was reden zwei Grauköpfe nach so langer Zeit? Über die Schule natürlich. Über Klassenkameraden und was aus ihnen wurde. Über die Streiche, die man damals spielte. Über Studienräte, die wir ärgerten und die uns ärgerten. Unvermittelt erzählte mein Gast aber auch von einer bösen Erinnerung.

Er war damals planmäßig dran, nach Schulschluss den Schulhof zu säubern. Und wie das so vorkommt: Den Einsatz hat er verschlampt. Die Strafe folgte. Er wurde nachmittags zu einem unserer Lehrer bestellt, der den Ruf auffallender Strenge und Härte hatte. „Er ging mit mir alleine in einen Arbeitsraum. Ich musste mich ihm gegenüber auf einen Stuhl setzen. Dann hat er mich zusammengeschlagen“.

Prügel und Rohrstock. Backpfeifen und Backenkniffe. Kopfnüsse und Rippenstöße. Das war das Erziehungs-Repertoire in Ruhrgebiets-Schulen noch bis ins Jahr 1973. Dann erst wurde das Züchtigungsrecht der Lehrer gesetzlich abgeräumt. Seit dem Jahr 2000 ist die gewaltlose Erziehung Teil unseres Rechtssystems und hat den schändlichen Rest preußischer Obrigkeitskultur auf der Müllhalde entsorgt. Das gezielte Zuhauen durch beamtete Schlägertypen wäre heute Körperverletzung. Strafgesetzbuch § 223. Gibt bis zu fünf Jahren Haft.

Die aus Dortmund stammenden Wissenschaftler Heinz Krüger und Hans Jürgen von Wensierski haben 1984 in einem Buch aufgeschrieben, wie es den „Wilden Engeln vom Borsigplatz“ in den jungen Jahren der Republik ergangen ist. Sie zitieren Ludwig Mann, Jahrgang 1940: Wegen jeder Kleinigkeit habe es in der Schule mit dem Rohrstock „Senge gegeben“ - und wenn sie zu Hause davon erzählten, gab es noch eine Tracht Prügel als Nachtisch. „Die Lehrer hatten immer recht“.

Gewalt erzeugt Gewalt. Nicht weniger heftig keilten die Schüler untereinander oder in der Öffentlichkeit. „Banden gab es immer“, erzählen die Engel vom Borsigplatz, und dass „Steine und Pfeile flogen“, wie „wir die Hüttemannstraße sicher im Griff“ hatten und wie sie in Eving eine Dampfwalze klauten. Vor dem Capitol-Kino machten sie Bambule, „da wurden Autos umgekippt“. Berittene Polizei griff ein. „Ich hab damals einen Schlag mit dem Gummiknüppel auf den rechten Arm gekriegt.“

Die Rückschau zeigt: Heute beklagte Gewalt, das Mobben und Drohen sind keine beängstigende Neuerscheinung des 21. Jahrhunderts. Sie waren immer da, vielleicht in anderen Formen, aber nicht weniger brutal. Weder die Zeiten noch das gesellschaftliche Klima waren besser. Im Gegenteil.

Eine andere Altlast macht das deutlich: Der damals rußverdreckte, mal gelb, mal rötlich schimmernde Himmel über der Stadt. Die 8,6 Kilo Staub, die mit jeder Tonne Roheisen bei Hoesch produziert wurden. Die vier Millionen Tonnen Schwefeldioxid, die die Hochöfen pro Jahr in die Luft des Reviers schleuderten und die beängstigend hohen Raten bei Leukämie, Krebs und Rachitis. Die Babys des Ruhrgebiets waren im Schnitt leichtgewichtiger und kleiner als die Neugeborenen im Münster- oder Sauerland. „Westdeutschlands Kohlenkellerkinder“ müssten jeden Tag „ein kleines Pompeii“ durch „die Exkremente der Industrie“ erdulden, schrieb der „Spiegel“. Nachzulesen in einer bemerkenswerten Analyse in der Ausgabe 33/1961.

Da hatte jemand die Idee, das Schwarze nicht immer noch schwärzer zu malen. Sondern auf die Prinzipien Mut, Verantwortung und Änderungsbereitschaft zu setzen. Es war ein Politiker. „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“, rief Willy Brandt im gleichen Jahr. Das alte Industriegebiet zwischen Duisburg und Dortmund hat eine raue Vergangenheit gehabt. Aber wir haben gelernt, dass Brandts Strategie gewirkt hat. Sein Blauer-Himmel-Weckruf wurde zu einer Erfolgsstory.

Auf dem Davoser Wirtschaftsforum forderte eine schwedische Klimaaktivistin die Mitmenschen auf, angesichts der drohenden Gefahren in „Panik“ zu verfallen. Sorry, Greta Thunberg: Nicht „Panik“, nicht „Angst“ sind die Antworten auf gesellschaftliche Missstände, auf Herausforderungen der Zukunft im Allgemeinen oder auch des Klimawandels im Besonderen. Entscheidend ist die Zuversicht, dass die Welt besser werden kann. So, wie es mit den Regeln an unseren Schulen passierte. Und mit dem Himmel über der Ruhr.

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