Ghosting: Wenn sich Beschäftigte in Luft auflösen und einfach nicht mehr zur Arbeit kommen

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Am ersten Arbeitstag einfach nicht erscheinen. Oder von einem Tag auf den anderen nicht mehr zur Arbeit kommen. „Ghosting“ nennt man dieses Phänomen, das auch Dortmunder Firmen kennen.

Dortmund

, 29.01.2019, 04:22 Uhr / Lesedauer: 3 min

Viele Nutzer von Online-Dating-Plattformen dürften es schon erlebt haben: Verabredungen für Treffen werden nicht eingehalten oder aber der Gesprächspartner bricht die Kommunikation ohne jede Vorwarnung ab. Anrufe, E-Mails und SMS bleiben ohne Reaktion. Der andere ist abgetaucht und verschwunden. Einfach so. Als wär's ein Geist gewesen. „Ghosting“ heißt das Phänomen, das erstmals sogar im Konjunkturbericht der amerikanischen Notenbank FED erwähnt wird - und das sich nun auf die Arbeitswelt ausweitet.

Von „einem Trend“ zu sprechen, das ginge Torsten Heese, Personalreferent beim Dortmunder IT-Dienstleister Materna, zu weit. Er sagt aber, das Phänomen tauche im Vergleich zu früher durchaus häufiger auf. Pro Jahr gebe es etwa „zwei bis drei Fälle“, bei denen Interessenten den vereinbarten Vorstellungstermin ohne Absage sausen lassen oder sogar einen Arbeitsvertrag unterschreiben und am Tag X einfach nicht erscheinen. „Hatten wir alles schon“, sagt Heese. Was tun? Viele Möglichkeiten gibt es in der Regel nicht. „Wir versuchen Kontakt aufzunehmen, verzichten aber auf rechtliche Schritte“, sagt Heese. Heißt: Man lässt den Kandidaten ziehen und bemüht sich um einen neuen.

„Wir haben hinterher telefoniert“

Das Beispiel zeigt: „Ghosting“ ist längst nicht auf Branchen beschränkt, in denen traditionell hohe Fluktuation herrscht, etwa bei Friseuren. Inzwischen sind auch Bereiche wie der IT-Markt betroffen, in dem sich durchaus gutes Geld verdienen lässt. Eine entscheidende Rolle spielt der Arbeitsmarkt. „Er hat sich zu einem Bewerbermarkt entwickelt“, sagt Sibylle Hünnemeyer von der Arbeitsagentur Dortmund. Arbeitnehmer und Auszubildende hätten die Möglichkeit, zwischen mehreren Angeboten zu wählen. Hünnemeyer: „Sie haben Optionen, das war nicht immer so.“ Gerade in der IT-Branche, die händeringend nach Fachkräften sucht.

Dass Bewerber wortlos abtauchen, auf gar nichts mehr reagieren und sich jeder Kommunikation verweigern, mag ja zurzeit „in“ sein. Die feine Art ist es nicht. In einer Dortmunder Straßenbaufirma erinnert man sich noch gut an jene Hilfskraft, die zwei Monate lang gearbeitet hatte – und dann Ende vergangenen Jahres Knall auf Fall wegblieb, einfach nicht mehr kam. „Wir haben hinter ihm her telefoniert“, heißt es im Unternehmen. Vergeblich.

„Es wird alles immer unverbindlicher“

Torsten Jannack, Dortmunder Fachanwalt für Arbeitsrecht, sieht im „Ghosting“ ein Phänomen der modernen Gesellschaft. „Verabredungen, Treffen – es wird alles immer unverbindlicher“, bedauert Jannack. Er merke das auch in seinem Beruf. „Da melden sich neue Mandanten an, vereinbaren innerhalb kürzester Zeit einen Termin, tauchen nicht auf und lassen nichts mehr von sich hören.“

Einen anderen Reim macht sich Jannack mit Blick auf den Arbeitsmarkt: Ein solches „Job-Ghosting“ könne auch als Antwort auf das Verhalten mancher Unternehmen verstanden werden, die es ihrerseits nicht für nötig halten, auf Bewerbungen zu reagieren. In Zeiten, in denen sich der Arbeitsmarkt wandle und Bewerbern mehr Wahlmöglichkeiten biete, werde der Spieß auch mal umgedreht, vermutet der Jurist.

Dortmunder erhielt zwei Zusagen – und reagierte nicht

Die Vermutung bestätigt ein 38-jähriger Dortmunder, der auf einen Aufruf der Redaktion bei Facebook reagierte. Ob jemand schon einmal „Job-Ghosting“ betrieben habe, lautete unsere Frage. Der 38-jährige Maschinenbautechniker, der seinen Namen nicht öffentlich lesen möchte, erzählt davon, wie er sich bei zwei Projektdienstleistern beworben habe. Dann habe er erfahren, dass die Firmen wohl untereinander Preisabsprachen treffen, um die Löhne drücken zu können.

Damit sei die Sache für ihn erledigt gewesen. Als er von beiden Unternehmen Zusagen erhielt, habe er aus Verärgerung über deren Gebaren keine Lust mehr gehabt, ihnen zu antworten. Der Dortmunder formuliert es deutlich: „Wenn ich von einem Arbeitgeber verarscht werde, braucht der sich nicht zu wundern.“

Generell sei seine Erfahrung, dass Arbeitnehmer vor allem „ghosten“, weil sie in letzter Sekunde bei einem anderen Arbeitgeber ein besseres Angebot erhalten.

Problem für Unternehmen und Kammern

Zu befürchten haben Arbeitnehmer, die „Ghosting“ betreiben, wenig. Wer einen Vorstellungstermin sausen lässt, dem passiert in der Regel nichts. Was soll der Arbeitgeber auch machen? Selbst im Falle eines frisch unterschriebenen Arbeitsvertrages sei es für Unternehmen schwierig, bei Nicht-Erscheinen am ersten Tag Schadenersatz oder eine Vertragsstrafe geltend zu machen. „Dann muss eine solche Klausel aber auch im Vertrag stehen“, sagt Jannack.

Und wie sieht es auf dem Lehrstellenmarkt aus? Sicher komme es vor, dass Auszubildende auch mal Verträge in gleich zwei Betrieben unterschreiben und sich beim ersten Betrieb nicht zurückmelden, weiß Tobias Schmidt von der Handwerkskammer. „Solche Fälle sind aber selten und werden von uns statistisch nicht erfasst.“

Ärgerlich sind sie dennoch: weil sie bürokratischen Aufwand verursachen. Schließlich werde jeder Ausbildungsvertrag erst von der Kreishandwerkerschaft, dann von der Handwerkskammer geprüft, bevor er seinen Platz in der Lehrlingsrolle finde. Arbeitsrechtler Torsten Jannack plädiert in jedem Fall für eine saubere Lösung: „Entweder anrufen oder schreiben. Ghosting jedenfalls ist keine gute Idee.“

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