„Gibt kein Unkraut“: Angelika Wagener lässt (fast) alle Pflanzen stehen

rnGartenserie „Querbeet“

Angelika Wagener stellt aus ihren Wildkräutern einiges her. Ihr Wissen über die Pflanzenwelt gibt die selbsternannte Kräuterhexe in Seminaren weiter. Uns verrät sie ein Pesto-Rezept.

von Alexandra Wachelau

Kleinholthausen

, 02.08.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Den Nachbarn ist mein Garten schon manchmal ein Dorn im Auge“, sagt Angelika Wagener beim Durchschreiten ihrer Gartentür. Der Grund hierfür wird bald sichtbar.

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In einer Ecke wachsen hohe Brennnesseln, auf der Terrasse gedeiht Löwenzahn in den Steinritzen, Girsch und Spitzwegerich sind gleich an mehreren Stellen zu finden – obwohl der Garten einen gepflegten Eindruck macht, stehen fast überall Pflanzen, die in konventionellen Gärten nichts zu suchen haben.

Heilkräuter statt Unkraut

Und das soll auch so sein. Angelika Wagener erfreut sich an der Vielfalt in ihrem 700 Quadratmeter großen Garten, den sie jahrelang komplett der Natur überlassen hat. „Es gibt kein Unkraut. Das ist für mich ein Unwort“, sagt die 71-Jährige. „Es gibt Beikräuter oder Wildkräuter, aber Unkraut ist nichts davon.“

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Angelika Wagener überlässt ihrem Garten der Natur

Angelika Wagener Querbeet
29.07.2020
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Im Teich haben sich von allein Molche angesiedelt. Im Sommer kann Familie Wagener den verschiedenen Libellen-Larven beim Schlüpfen zusehen. © Alexandra Wachelau
Angelika Wagener und ihre Tochter Katja freuen sich über die Tiere, die im Garten ihr Zuhause gefunden haben.© Alexandra Wachelau
Der Pavillon neben dem Teich ist von einem Blätterdach umgeben. Im Sommer bleibt es dort laut Wagener "herrlich kühl". © Alexandra Wachelau
Angelika Wageners Vater hat bei Hoesch gearbeitet und zwei große Waschwannen für den Garten seiner Tochter organisiert. Darin wachsen nun Walderdbeeren, aber auch Löwenzahn oder Knoblauchrauke wachsen in dem alten Waschzuber.© Alexandra Wachelau
Seit vier Jahren pflanzt die 71-Jährige nicht nur Kräuter, sondern auch Gemüse in ihrem Garten. Die Hochbeete hat ihr Sohn gebaut, der sich selbst auch regelmäßig mit der Ernte aus Wageners Garten eindeckt – er macht daraus grüne Smoothies.© Alexandra Wachelau
Tochter Katja Wagener hat einen eigenen Bereich des Garten für sich. Dort sind etwas mehr Dekorelemente zu finden. Hier hat sie auch eine Insektentränke angelegt: eine Schale Wasser mit Murmeln und Steinen.© Alexandra Wachelau
Auch bei schlechtem Wetter ist Angelika Wagener jeden Tag im Garten.© Alexandra Wachelau
Ab und zu wird dann doch der Rasen gemäht. "Sonst kommt die Maschine irgendwann gar nicht mehr durch", sagt Wagener.© Alexandra Wachelau
Neue Pflanzen, die sich nicht von selbst aussähen, kaufen die Wageners ausschließlich im biologischen Handel. Gespritzte oder genveränderte Pflanzen sind im Garten nicht willkommen.© Alexandra Wachelau
Die Zucchinipflanze aus Wageners Hochbeeten fühlt sich so wohl, dass sie kurzerhand durch den Buchsbaum gewachsen ist.© Alexandra Wachelau
In den Gemüsebeeten von Angelika Wagener wird mit dem hauseigenen Kompost und Brennnesseljauche gedüngt.© Alexandra Wachelau
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In jedem Winkel bleibt sie stehen und zählt die Kräuter auf, die sie fleißig weiterverarbeitet: Goldrute, Weißdorn, Johanniskraut und Huflattich werden bei ihr zu Tee.

Girsch, Vogelmiere und Pfennigkraut kommen in den Salat oder aufs Brot. Dann gibt es noch Marmeladen, Limonaden, grüne Smoothies oder Pestos, in denen die „Schätze“ aus ihrem Garten landen. Auch die heilende Wirkung der einzelnen Pflanzen kann sie oft aus dem Stegreif aufzählen.

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Rezept-Tipp: selbstgemachtes Pesto mit Wildkräutern

  • 40 g Kerne oder Nüsse (Pinienkerne, Haselnüsse, Sonnenblumenkerne)
  • 100 ml Öl – am besten Olivenöl
  • eine Zehe Knoblauch (optional)
  • 150 g rohe Kräuter: zum Beispiel Bärlauch, Knoblauchsrauke, Brennnessel, Goldnesselblätter
  • 1 TL Salz und ein wenig Pfeffer
  • Alle Zutaten im Mixer zerkleinern und in Gläser füllen. Ein wenig Öl obenauf gießen und kühl und dunkel lagern. Das Pesto hält sich ungefähr 12 Monate, bei der Zugabe von Parmesankäse verringert sich die Haltbarkeit.

„Wenn mein Mann dann doch mal die Steinrillen sauber macht, muss er mir vorher Bescheid sagen“, sagt Wagener. Denn vorher muss sie ernten. Jedes Kraut hat für sie eine Verwendung. „Girsch ist in anderen Gärten unwillkommen, bei uns kommt er in den Salat“, sagt sie und lacht.

Eigenen Angaben nach verdankt sie dieser gesunden Ernährung ihr gutes Immunsystem, 2006 sei sie das letzte Mal beim Arzt gewesen.

1978 zog Angelika Wagener in das Elternhaus ihres Mannes ein. Seitdem hat sie den Garten grundlegend umgestaltet.

1978 zog Angelika Wagener in das Elternhaus ihres Mannes ein. Seitdem hat sie den Garten grundlegend umgestaltet. © Alexandra Wachelau

Als Nutzgarten betrachtet sie das Grundstück trotzdem nicht: „In erster Linie gehört der Garten der Natur und den Tieren“, sagt sie. Sie ordne sich der Natur unter.

Für Vögel und Insekten lässt sie bewusst Beeren und Samen übrig. Nur den Schnecken gönnt sie dann doch nicht so viel von ihrem Garten: Die werden mit Brennnessel-Jauche oder per Hand vertrieben.

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Auch an anderen Stellen wird der Garten gehegt und gepflegt. In der Mitte liegt ein kleiner Teich, den Tochter Katja Wagener mit ihrem Vater, Dieter Wagener, ausgehoben hat. Vor allem Molche und Libellen sind darin zu beobachten.

Im Pavillon sitzen die Wageners unter einem kühlen Blätterdach.

Im Pavillon sitzen die Wageners unter einem kühlen Blätterdach. © Alexandra Wachelau

Daneben steht ein Pavillon mit Blätterdach – „der stammt noch aus dem Garten meines Vaters“, sagt Angelika Wagener. Obwohl die meisten Pflanzen wachsen können, wie sie möchten, achtet die Rentnerin auf ein gewisses Gleichgewicht im Garten: „In einer Ecke war das Efeu so dominant, dass wir jetzt einen Landschaftsgärtner zum Roden geholt haben“, sagt sie. Nun entsteht an der Stelle ein Bauerngarten.

Wissen vom Vater geerbt und weitergegeben

Ihr Wissen über die Natur hat sie von ihrem Vater gelernt. Ihre Kinder haben diese Erziehung ebenfalls erfahren und unterstützen sie und ihren Garten vollkommen. Ihre Tocher Katja Wagener hat inzwischen einen kleinen Abschnitt des Gartens übernommen und unterstützt ihre Mutter in den Wildkräuter-Seminaren, die Angelika Wagener anbietet.

Katja Wagener interessiert sich vor allem für die Tiere im Garten. Bauschutt und Gehölz bleiben für Mäuse und Igel liegen, es dient als Versteck. Auch seltene Insekten wie Mauerbienen oder den Schwalbenschwanz beobachten Mutter und Tochter im Garten.

Als das Efeu sich zu sehr ausbreitete, wurde gerodet. Nun entsteht hier ein Bauerngarten.

Als das Efeu sich zu sehr ausbreitete, wurde gerodet. Nun entsteht hier eine Art Bauerngarten. © Alexandra Wachelau

Vor vier Jahren hat Wageners Sohn Hochbeete für Gemüse gebaut. Darin kannte sich die Heilpflanzen-Kennerin tatsächlich nicht ganz so gut aus: „Ich sah damals die Notwendigkeit nicht“, sagt Wagener. Auch ihre Arbeit hat sie von einem Gemüsegarten abgehalten, der noch mehr Pflege als ein Wildkräutergarten braucht.

Inzwischen hat sich ihre Meinung geändert und es sind noch mehr Hochbeete dazu gekommen. „Es macht mir großen Spaß, jetzt auch mein eigenes Gemüse zu ernten“, sagt sie. Auch hier hat sie sich schon einiges an Wissen angeeignet und züchtet verschiedene Tomaten-, Kürbis- und Zucchinisorten – so erfolgreich, dass die Pflanzen schon weit über die Hochbeete hinaus gewachsen sind.

So können auch Sie bei unserer Gartenserie mitmachen

Auch Sie können bei unserer Gartenserie „Querbeet“ mitmachen. Melden Sie sich per E-Mail unter dortmund@lensingmedia.de oder rufen Sie uns an unter Tel. 9059 4821.

Die Rentnerin gibt inzwischen ihr Wissen in Wildkräuter-Seminaren weiter. Ab Ende August sind wieder Plätze frei. Anmeldung per E-Mail an: Wagener-Dortmund@t-online.de, die Termine werden individuell ausgemacht.

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