Grabsteine unter der Schnettkerbrücke in Dortmund geben Rätsel auf

rnUngewöhnlicher Fund

Unter der Schnettkerbrücke zwischen der Dortmunder Innenstadt und Dorstfeld kann man an mehreren Stellen Grabsteine und deren Rohlinge finden. Sie erzählen ganz unterschiedliche Geschichten.

Dortmund

, 06.10.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bei einem Streifzug durch das Gelände unter der Schnettkerbrücke fällt zwischen Emscher, Bahngleisen und der A40 neben liegengelassenem Müll und Bierflaschen auch noch etwas anderes auf: Auf einer Betonfläche direkt unter der Brücke liegen Teile eines zerbrochenen Grabsteins, mit einer Inschrift. Zwei deutlich lesbare Namen, Geburts- und Todesdaten.

Nicht nur macht der an dieser Stelle unerwartete Anblick ein makaber-mulmiges Gefühl, er wirft auch eine Reihe von Fragen auf. Woher kommen die Grabsteinteile? Wo haben sie ursprünglich gestanden? Und was machen sie jetzt gerade hier, unter einer Autobahnbrücke, zwischen Kleingartenanlage und Bahnschienen?

Grabsteine sind kein beliebtes Diebesgut

Dass auf Dortmunder Friedhöfen Grabsteine entwendet werden, ist laut Stadtpressesprecher Christian Schön „absolut ungewöhnlich“. „Es kommt hin und wieder zu Diebstählen von Grabmalteilen aus Metall“, sagt er. Etwa Schrifttafeln, Vasen, Leuchten und auch einzelne Buchstaben aus Grabsteinbeschriftungen. Die Steine selbst bleiben laut Schön aber meist an Ort und Stelle.

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Bei einem Besuch, den die Friedhofsverwaltung des nahe gelegenen Südfriedhofs der Fundstelle der Grabsteine abstattete, wurde trotzdem schnell klar: Der zerbrochene Stein stammt tatsächlich vom Südfriedhof.

Direkt von einem Grab entwendet worden ist er aber nicht. Stattdessen gehörte er zu einer Grabstätte, die schon im Jahr 2017 aufgelöst wurde.

Neben liegengelassenen Bierflaschen findet man auch direkt unter der Brücke in Dortmund Teile von Grabsteinen.

Neben liegengelassenen Bierflaschen findet man auch direkt unter der Brücke Teile von Grabsteinen. © Rebekka Wölky

„Wahrscheinlich ist der Stein damals aus einem Container entnommen worden, in dem die Grabmale zum Abtransport gesammelt wurden“, vermutet Schön.

Besonders außergewöhnliche Grabmale bleiben erhalten

Normalerweise gehen Grabmale, die nach dem Ende der Ruhezeit eines Grabes – die beträgt in der Regel 20 bis 30 Jahre – nicht durch Angehörige abgeräumt werden, in die Verfügungsgewalt der Friedhöfe Dortmund über.

„Im Jahr 2019 waren das circa 2.500 Grabmale auf den städtischen Friedhöfen“, sagt Schön. Diese müssen vor Weiternutzung des Grabes abgeräumt werden. „Abräumen“ bedeutet in diesem Fall, dass die Grabmale ein wenig feierliches Ende auf einer Mülldeponie finden. Die Umarbeitung zu einem neuen Grabmal oder zu Mauersteinen sei zu aufwendig, sagt Schön.

Im öffentlichen Raum gefundene Grabsteine würden laut EDG-Sprecher Matthias Kienitz in einer Brecheranlage zerkleinert und dann zum Beispiel bei Straßenbaumaßnahmen verwendet.

Auf Friedhöfen ist die EDG für die Entsorgung aber nicht zuständig. Diese Arbeiten werden über Ausschreibungen vergeben. Besonders außergewöhnliche Steine bleiben aber erhalten. Einige stehen sogar unter Denkmalschutz.

Ruine und Grabsteinrohlinge am Leierweg

Unter der Schnettkerbücke lässt sich noch eine andere Entdeckung machen: In einer Verlängerung des Leierwegs gibt es im Unterholz Reste, beinahe eine kleine Ruine, eines ehemaligen Steinmetzbetriebs, der in der Vergangenheit auch für den Südfriedhof tätig war.

Bei den dort noch heute im Unterholz liegenden und mit Graffiti besprühten Steinen handelt es sich daher wohl um Grabstein-Rohlinge.

Der ehemalige Steinmetzbetrieb in Dortmund liegt an einem Spazierweg. Von diesem aus ist die Schnettkerbrücke gut zu sehen.

Der ehemalige Steinmetzbetrieb liegt an einem Spazierweg. Von diesem ist die Schnettkerbrücke gut zu sehen. © Rebekka Wölky

Wie der Betrieb zur Zeit seines Bestehens hieß, ist unklar. Die Friedhofsverwaltung und Christian Schön halten aber einen Zusammenhang mit einer ganz bestimmten Grabstätte auf dem Südfriedhof für möglich. Hier liegen der Steinmetzmeister Heinrich Fussbahn (1911-1995) und seine Ehefrau Elisabeth (1913-1998) begraben. „Auf dem Grabstein steht: ,Er setzte vielen einen Stein – und dann bekam er selber ein‘n‘“, so Schön.

Ob in dem Spazierweg am Leierweg tatsächlich besagter Heinrich Fussbahn tätig war, konnte bislang nicht abschließend geklärt werden. Ebenso die Frage, wer den neueren Grabstein unter der Schnettkerbrücke abgelegt hat und warum.

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