„Viele massiv belastet“: Tausende Dortmunder gehen bei der Pflege von Angehörigen an ihre Grenzen

rnHäusliche Pflege

Wenn Partner oder Eltern Hilfe brauchen, stehen Angehörige in der Verantwortung. Tausende Dortmunder pflegen einen geliebten Menschen - oft über die Grenze der Belastbarkeit hinaus.

Dortmund

, 27.01.2020, 14:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Zahl von pflegenden Angehörigen ist in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt. In Dortmund gibt es hochgerechnet auf die bundesweite Gesamtzahl von 1,8 Millionen Pflegebedürftigen, die zu Hause betreut werden, rund 13.000 Menschen, die einen Angehörigen pflegen.

„Das ist der größte Pflegedienst der Nation“, sagt Johannes Koßmann, Leiterin des Angehörigen-Gesprächskreises der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft im Wilhelm-Hansmann-Haus. Alzheimer und Demenz zählen mit rund 8000 Betroffenen in Dortmund zu den häufigsten Gründen für Pflegebedürftigkeit im Alter.

Zahl der pflegenden Angehörigen ist um 25 Prozent gestiegen

Die KKH Kaufmännische Krankenkasse vermeldete zuletzt einen Anstieg von 25 Prozent bei den pflegenden Angehörigen. Andere Kassen beobachten Ähnliches. Die Ursache dafür liegt im Umbau der drei Pflegestufen in fünf Pflegegrade im Januar 2017. Seitdem werden mehr Leistungen durch die Krankenkassen anerkannt, die häufig schon vorher von Angehörigen oder Freunden erbracht wurden.

Das bedeutet: Die Zahl war möglicherweise auch schon vor 2017 ähnlich hoch und wird nur jetzt erst im Gesundheitssystem anders abgebildet.

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Wilfried Minz ist einer der 13.000 Dortmunder. Seine Frau hat mit nur 57 Jahren die Diagnose Alzheimer erhalten. Seit August 2019 lebt sie in einer Wohngemeinschaft im Dortmunder Nordosten. „Nachdem es lange ein schleichender Prozess gewesen ist, ging es sehr schnell“, sagt er.

Die Diagnose einer Krankheit kann schnell in die Überforderung führen

Nach der Diagnose versuchte er mithilfe von anderen Verwandten, die Pflege zu organisieren und das mit seinem Beruf im Außendienst zu vereinbaren. „Das war körperlich und nervlich oft zu viel. Ich musste aufpassen, dass ich nicht selbst unter die Räder komme“, sagt Wilfried Minz.

An Alzheimer erkrankte Menschen verlieren in bestimmten Phasen der Krankheit ihren Schlafrhythmus – und ihre Partner müssen sich anpassen. Hinzu kommen Verwirrung und Aggressivität aus der Überforderung heraus. Das alles passiert zusätzlich zur medizinischen Pflege, die notwendig wurde.

Der Platz in der Wohngemeinschaft hat Wilfried Minz‘ Leben und das seiner Frau zum Positiven verändert. Sie lebt unabhängig, aber medizinisch abgesichert, in einem eigenen Zimmer. Ihr Mann kann sie 24 Stunden am Tag besuchen.

Ehepaare verlieren ihren Alltag

Durch die Krankheit ist nichts mehr wie vorher. Aber manches bleibt. „Meine Frau war Friseurin. Ich lasse sie mir weiter die Haare schneiden, und das baut sie unglaublich auf“, sagt Wilfried Minz.

Er hat gelernt, damit zu leben, dass seine Ehefrau sich durch die Krankheit zurückentwickelt. „Sie ist wie ein Kind. Manchmal möchte sie, dass ich ihr nur eine bestimmte Sache vom Einkaufen mitbringe“, erzählt Wilfried Minz.

„Im Moment ist das Vanille-Schoko-Pudding mit Eierlikör-Geschmack. Und dann bringe ich ihr das mit. Wenn ich richtig punkten möchte, packe ich noch einen Babybel-Käse dazu“, sagt er.

Der Brechtener spricht im Wilhelm-Hansmann-Haus offen über seine Situation. Denn er weiß, dass hier Menschen sitzen, die seine Situation verstehen.

In einem Dortmunder Gesprächskreis sitzen Erkrankte und Angehörige gemeinsam am Tisch

Der Angehörigen-Gesprächskreis ist ein Forum für Sorgen und konkrete Fragen zu Pflegegraden. Angehörige sitzen oft gemeinsam mit Erkrankten gemeinsam an einem großen Tisch und lachen ziemlich viel. Es geht um nasse Windeln und Katheter. Aber eben auch um Kleingärten, gemeinsame Urlaube oder die allgemeine Weltlage.

Zu einem Treffen Mitte Januar sind 15 Menschen ins Wilhelm-Hansmann-Haus gekommen. Ihre Geschichten zeigen: Jede Situation ist anders.

Eine Frau mit Alzheimer-Diagnose berichtet davon, wie sich das Verhältnis zu Freunden verändert hat. „Manche wissen nichts mehr mit mir anzufangen, so als wäre ich ansteckend“, sagt sie.

Ein Ehepaar Anfang 80 hat gerade einen Umzug hinter sich gebracht, um gemeinsam mit der Krankheit zu leben. Einige Plätze weiter sitzt eine Frau, deren Mann sich weigert, Hilfe anzunehmen. Sie hat sich von ihm getrennt und ist ausgezogen.

Tochter muss mit der Demenz der Mutter umgehen

Neu in der Runde ist eine Frau Mitte 40, deren Mutter ihr von deren Partner „einfach vor die Füße geworfen wurde“ und die jetzt einen Weg finden muss, mit fortschreitender Demenz umzugehen.

Nachdem sich die Erkrankung zuletzt verschlimmert hat, hat sie ganz einfache Fragen wie: „Was kann ich jetzt noch mit ihr machen? Wie kann ich kommunizieren?“ In der Selbsthilfegruppe bekommt sie Antworten.

Viele bleiben in ihrem Schicksal immer noch allein

Es geht in Gesprächskreisen wie dem von Johanna Koßmann auchum die Begleitung auf dem Weg zu einem oft unausweichlichen Schritt: Als Angehöriger zu erkennen, wann man es nicht mehr allein schafft. „Viele sind massiv überlastet und merken das gar nicht, weil das Augenmerk auf dem zu Pflegenden liegt“, sagt Johanna Koßmann.

Deshalb ist sie froh, dass die Aufmerksamkeit für das Thema häusliche Pflege zugenommen hat. Wohlfahrtsverbände, soziale Einrichtungen, Kirchen, Kommunen: Viele bieten mittlerweile Pflegekurse, Urlaubsreisen oder Treffen mit Titeln wie „Freiraum“ oder „Atempause“ an.

Zugleich bleiben immer noch Tausende Menschen in ihrem Schicksal allein. „Es gibt mehr als uns bekannt sind. Viele wissen nichts von den Angeboten“, sagt Johanna Koßmann.

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