Fast 100 Jahre wurde auf der Zeche Kaiserstuhl in der Nordstadt Kohle gefördert. Heute vor 125 Jahren ereignete sich dort eines der schwersten Unglücke der Dortmunder Bergbaugeschichte.

Nordstadt

, 19.08.2018, 04:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die augenfälligste Erinnerung an die Geschichte der Zeche Kaiserstuhl neben einigen Straßennamen in der Nordstadt gibt es auf dem Ostfriedhof: Ein eindrucksvolles Gräberfeld erinnert dort an eines der schwersten Grubenunglücke der Dortmunder Bergbaugeschichte, das sich vor genau 125 Jahren auf der Zeche Kaiserstuhl ereignet hat.

Die Explosion an „Flöz 0“

Der 19. August 1893 ist ein Samstag. Die Morgenschicht auf der Zeche Kaiserstuhl geht dem Ende entgegen. Doch viele der Bergleute, die an diesem Tag angefahren waren, sollten das Tageslicht nicht wiedersehen. Etwa gegen 11.15 Uhr ertönt ein dumpfer Knall, das Grubenlicht erlischt. Ausgehend von „Flöz 0“ lässt eine Schlagwetter-Explosion das gesamte Bergwerk erzittern. Für viele Kumpel in unmittelbarer Nähe des Explosionsortes gibt es kein Entrinnen. 52 sind sofort tot.

Die Rettungsarbeiten laufen sofort an, doch sie sind schwierig. Giftige Rauchschwaden ziehen noch durch die Stollen, ein Teil der Strecke ist eingestürzt. Trotzdem können bis zum Abend 52 Leichen, 16 Schwer- und ein Leichtverletzter geborgen werden. Die Verletzten werden auf mit Stroh ausgelegten Karren ins Luisenhospital und das Johanneshospital gebracht. Doch acht von ihnen sind nicht zu retten, sterben an ihren schweren Brandverletzungen.

Menschen strömen über die Bornstraße

Die Nachricht von dem Unglück verbreitet sich in der Nordstadt und darüber hinaus wie ein Lauffeuer. Viele strömen zum Zechengelände zwischen der Bergmann- und Glückaufstraße. Herzzerreißende Szenen spielen sich ab. „Die ganze Bornstraße bis zur Zeche war von jammernden und klagenden Menschen angefüllt“, berichtet die Tageszeitung Tremonia in ihrer Ausgabe vom 21. August. Schon am Wochenende hatte sie in zwei Extrablättern über das schreckliche Unglück informiert.

Angehörige suchen auf dem Zechengelände unter den aufgebahrten Leichnamen nach ihren Verwandten. Doch viele Opfer des Unglücks sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Ein Bergmann wird noch vermisst.

Trotzdem wird schnell die Bestattung der Unglücksopfer organisiert. Sie soll am 22. August, einem Dienstag, um 16 Uhr stattfinden. Auf dem Ostfriedhof wird dazu ein Massengrab ausgehoben. Auf Leichen- und geschmückten Leiterwagen werden die Toten vom Zechengelände in einem Trauerzug über die Bornstraße, den Schwanenwall und die Kaiserstraße zum Ostfriedhof gefahren.

An vielen Häusern entlang der Strecke hängen mit einem Trauerflor geschmückte Fahnen. An den städtischen Gebäuden wehen die Flaggen auf halbmast, an den Kirchtürmen hängen große schwarze Flaggen.

Ein langer Trauerzug zum Ostfriedhof

„Ungeheure Menschenmengen“, so wird berichtet, nehmen an dem Trauerzug teil, der von den Knappenvereinen, der Feuerwehr und Abordnungen verschiedener Vereine angeführt wird. Geistliche begleiten die Särge der nach Konfessionen getrennten Verunglückten.

Auf dem Friedhof hat sich ebenfalls eine große Menschenmenge versammelt. Ein evangelischer, ein katholischer und ein altkatholischer Geistlicher sprechen an dem Massengrab, in das die Särge hinabgesenkt werden. Noch heute zieren sie neben einem Denkmal für die Opfer der Unglücks 48 Grabkreuze. Weitere Bergleute wurden auf Friedhöfen in ihren Heimatorten etwa in Brackel, Wambel, Kirchderne und Lindenhorst beigesetzt.

Immer wieder schwere Unglücke auf Zeche Kaiserstuhl

Es war nicht das erste Unglück auf der Zeche Kaiserstuhl, die aus der Zeche Westphalia hervorging. Aus dem 1871/72 an der Bornstraße abgeteuften Schacht Westphalia III wurde später der Schacht Kaiserstuhl I und damit die Keimzelle der ab 1892 selbstständigen Zeche Kaiserstuhl 1. Zwei weitere Schächte entstanden 1891 und 1911, außerdem weiter östlich ab 1891 drei Schächte der Zeche Kaiserstuhl 2 auf dem Gelände der Westfalenhütte.

Ab 1899 gehörte Kaiserstuhl zu den Hoesch-Bergwerken, lieferte Kohle für die Koksproduktion in der angeschlossenen Kokerei Kaiserstuhl und damit Brennstoff für die Hochöfen der Westfalenhütte.

Schon 1882 hatte es auf Kaiserstuhl I eine Schlagwetter-Explosion mit sieben Toten gegeben. 20 Tote forderte eine weitere Schlagwetter-Explosion am 22. Dezember 1897, acht Tote eine Explosion am 20. Februar 1917. Am 8. August 1920 starben 31 Bergleute bei einem Seilfahrt-Unglück, drei durch „Kohlenfall“ auf der Zeche Kaiserstuhl II am 6. August 1932. Und bei einem Brand im Hauptschacht von Kaiserstuhl I kamen am 16. Januar 1943 42 Bergleute ums Leben.

Kohleförderung wird 1966 eingestellt

1944 musste der Betrieb der Zeche schließlich nach schweren Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg vorübergehend eingestellt werden. Doch schon bald nach Kriegsende 1945 lief die Kohleförderung wieder an. Ab Mitte der 1950er-Jahre wurden die Zechen Kaiserstuhl 1 und 2 mit einer Belegschaft von mehr als 6600 Beschäftigten zum Verbundbergwerk. Die Förderung lief nun allein über die Schächte von Kaiserstuhl II auf der Westfalenhütte, bis 1966 die Förderung in Folge der Kohlekrise ganz eingestellt wurde.

Übrig von Kaiserstuhl blieb nur die Kokerei, die bis 1991 Koks produzierte und dann durch die Großkokerei Kaiserstuhl II abgelöst wurde. Die damals modernste und umweltfreundlichste Kokerei der Welt hatte aber nur acht Jahre Bestand. Am 12. Dezember 2000 gingen auch hier die Öfen aus. Kaiserstuhl war endgültig Geschichte.

Zur Zahl der Opfer des Grubenunglücks vom 19. August 1893 gibt es unterschiedliche Angaben. Sie schwanken zwischen 60 und 62 Todesopfern. Auf dem Gelände der Zeche Kaiserstuhl, I entstanden Anfang der 1970er Jahre das Westfalen-Einkaufszentrum (WEZ) und das Erlebnisbad „Tropamare“, das 1984 nach einem Chlorgas-Unfall geschlossen wurde. Das WEZ wurde 2008 nach gründlichem Umbau neu eröffnet. Auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums markiert noch heute eine sogenannte „Protegohaube“, die den Austritt von Grubengas verhindern soll, die Lage von Schacht 1 der Zeche. Auf dem Gelände der Westfalenhütte verschwanden 2006 die letzten Zechengebäude, 2014 wurde der Kohleturm der Großkokerei Kaiserstuhl gesprengt. Die Zukunft des alten Kokerei-Geländes ist noch offen.
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