Gutachten belastet Klinik

DORTMUND Schwere Vorwürfe hatten Ärzte gegen die Mutter eines schwerkranken Kindes erhoben: Sandra Tiefenhoff (32) stand im Verdacht, ihren Sohn Nik (4) vergiftet zu haben. Nun entlastet ein Gutachten die Mutter - und bringt einen anderen Verdächtigen ins Spiel.

von Von Andreas Wegener

, 04.04.2008, 19:42 Uhr / Lesedauer: 1 min
Gutachten belastet Klinik

Entlastet: Sandra Tiefenhoff mit Sohn Nik.

Zwei von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebene Gutachten ergaben jetzt, dass die Anschuldigungen offenbar auf Schlamperei im Labor und bei der Behandlung des Kindes basieren. „Das ist seelische Grausamkeit, was man mir und meinen Kindern angetan hat. Angeblich ging es den Behörden um das Wohl des Kindes – doch damit hatte das alles nichts zu tun“, sagte die 32-Jährige am Freitag. Das Uniklinikum Essen, in das der seit seiner Geburt schwer behinderte Nik nach einem stationären Aufenthalt im Klinikum Dortmund überwiesen worden war, hatte sich im November an die Ermittler gewandt.

Im Urin des Jungen fanden die Mediziner Rückstände eines Antidepressivums für Erwachsene, an seinen entzündeten Wunden bakterielle Erreger, die die Mutter ihm angeblich mit Speichel zugefügt haben soll. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen versuchten Totschlags, da aber kein dringender Tatverdacht bestand, beantragte die Behörde keinen Haftbefehl. Dennoch hatten die Anschuldigungen für Sandra Tiefenhoff weit reichende Folgen – auf Antrag des Jugendamtes verbot ihr das Familiengericht, ihren Sohn zu sehen.

Mangelnde Hygiene wahrscheinlich

Ende Februar lag die erste Expertise eines Rechtsmediziners zu dem Medikament im Körper des Kindes vor: „Der Gutachter konnte eindeutig ausschließen, dass der Wirkstoff jemals im Urin vorhanden war“, erklärte die ermittelnde Staatsanwältin Carola Jakobs. Jetzt liegt auch das Gutachten eines Bakteriologen vor: Danach ist die Ursache der Blutvergiftung des Kindes mit hoher Wahrscheinlichkeit mangelnde Hygiene bei der Behandlung. Die Verunreinigung an den venösen Zugängen sei möglicherweise auf nicht richtig desinfizierte Hände des medizinischen Personals zurückzuführen. Eine absichtliche Injektion der Erreger sei dagegen „höchst unwahrscheinlich“, bescheinigt der Experte .

Die Staatsanwaltschaft will in der kommenden Woche entscheiden, ob das Ermittlungsverfahren eingestellt wird. Unter Umständen muss sich das Klinikum Dortmund wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten. „Jetzt ist endlich herausgekommen, dass ich immer die Wahrheit gesagt habe“, erklärte Sandra Tiefenhoff gestern. Sie erwägt jetzt Schadensersatzklagen.

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