Häusliche Gewalt in Dortmund: „Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen“

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Die Einsätze wegen häuslicher Gewalt steigen in Dortmund im Moment noch nicht an. Doch das, befürchten Experten, könnte eine trügerische Ruhe vor dem Sturm sein.

Dortmund

, 04.04.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Dortmunder Frauenhaus hatten sie wegen der Corona-Krise bereits in der vergangenen Woche mit einem „gigantischen Ansturm“ gerechnet. Der „blieb dann aber aus“, sagt Eva Gruppe vom Frauenhaus.

Auch am Mittwoch hatten sie noch einen Platz frei. Im Moment warten sie dort auf Frauen und deren Kinder, die aus den eigenen vier Wänden fliehen, weil der Druck und die Gewalt dort zu groß werden. Denn das Risiko dieser Menschen, zu Opfern von häuslicher Gewalt zu werden, steigt mit jedem Tag, in denen sie wegen der aktuellen Situation zuhause nah beieinander sind, an.

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Und beim Frauenhaus weiß man aus Erfahrung zwei Dinge: Je länger ein Ausnahmezustand dauert, desto deutlicher werden sich dessen Folgen zeigen. Und auch, dass sich die tatsächlichen Folgen erst am Ende dieser Krise zeigen werden.

Hilfe wird sich oft erst später geholt

Die Erwartungshaltung des Dortmunder Frauenhauses deckt sich mit den Erfahrungen des Weißen Ringes. Die Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer macht sich aktuell angesichts der Corona-Krise große Sorgen, was die Entwicklung von häuslicher Gewalt angeht.

„Wir müssen“, sagt der Bundesvorsitzende des Weißen Ringes, Jörg Ziercke, „mit dem Schlimmsten rechnen“. Die Corona-Krise zwinge die Menschen, in der Familie zu bleiben. Hinzu kämen Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit. Diese Spannung könne sich in Gewalt entladen, so Ziercke weiter.

Beim Weißen Ring kenne man das Problem, in deutlich kleinerer Variante, von den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr. Auch dann steigen die Fälle häuslicher Gewalt an. Doch die Meldungen gehen erst später ein – vermutlich, weil die Opfer, wenn sie annähernd 24 Stunden mit dem potentiellen Täter auf engem Raum zusammen sind, sich nicht trauen, Hilfe zu holen. Das geschieht dann erst später.

„Zuhause allzu oft kein sicherer Ort“

In Dortmund gibt es einen Runden Tisch gegen häusliche Gewalt. Die Mitglieder wissen, dass das „Zuhause allzu oft kein sicherer Ort“ ist. Und auch sie gehen davon aus, dass in der aktuellen Situation das Risiko steigen kann, Opfer zu werden. Denn aktuell könnten die, denen Gewalt droht, den Tätern ständig ausgeliefert sein.

Gewalt muss kein Schicksal sein

Markus Brauckmann wiederum berät Männer, die sich helfen lassen wollen, nicht gewalttätig zu werden. Brauckmann macht das für den SKM in Dortmund und Hamm. Brauckmann glaubt, dass die Befürchtungen im Moment zurecht groß sind, dass aufgrund der aktuellen Situation die häusliche Gewalt steigt.

Aber er findet auch, dass es kein Schicksal sein muss, das in diesen Tagen „automatisch mehr Gewalt in Familien entsteht“. Die Beratungsanfragen an das SKM Dortmund e. V. seien in den letzten Tagen nicht signifikant gestiegen. Dennoch sei es nach wie vor möglich, sich Rat zu holen. Telefonate seien jederzeit möglich.

Sorge vor einer Ansteckung?

Im Dortmunder Frauenhaus vermutet Eva Grupe einen weiteren Grund, warum es im Moment verhältnismäßig ruhig ist: „Vielleicht zögern Frauen im Moment auch, sich Hilfe zu holen, weil wir eine Gemeinschaftseinrichtung sind und sie sorgen haben, sich mit dem Coronavirus anzustecken?“ Die Sorge sei – im Moment – unbegründet, das Frauenhaus hat seine Hygienemaßnahmen deutlich erhöht, der Schutz vor Corona habe „oberste Priorität“.

Was passiert, wenn ein Krankheitsfall auftritt, weiß Grupe im Moment noch nicht. „Das müssen wir dann mit dem Gesundheitsamt beraten.“ Die Zimmer seien Einzelzimmer, im Zweifelsfall würden sich auch andere Lösungen finden.

„Zögern Sie bitte nicht, holen Sie sich Hilfe und rufen Sie die Polizei“, sagt Grupe. Wenn ein Mann in den eigenen vier Wänden gewalttätig wird, muss er das Zuhause verlassen – und nicht die Frau und potentiell die Kinder. Und im Zweifelsfall stünde das Frauenhaus weiterhin offen.

Ruf nach „solidarischer Nachbarschaft“

Ziercke vom Weißen Ring wiederum findet, dass auch Außenstehende in diesen Wochen aufmerksam sein sollten und Anzeichen und Warnsignale von häuslicher Gewalt erkennen können sollten: „Wenn Sie den Verdacht haben, dass eine Person im Bekanntenkreis oder aus der Nachbarschaft von häuslicher Gewalt betroffen sein könnte, bieten Sie Hilfe an, indem Sie Informationen über Beratungsstellen und Hilfeeinrichtungen zur Verfügung stellen.“ Auch er findet, im Zweifelsfall sollte die Polizei gerufen werden.

Ein Appell, den so ähnlich auch der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt formuliert: Er ruft zu einer „solidarischen Nachbarschaft“ auf, die nicht wegschaut, Zivilcourage zeigt und Unterstützung anbietet.

Polizei verzeichnet bisher keinen Anstieg

Die Dortmunder Polizei wiederum sagt auf Anfrage, dass es seit Beginn der Corona-Krise und dem damit geltenden Kontaktverbot keine Veränderungen gegeben habe, was die Zahlen von häuslicher Gewalt in Dortmund und Lünen gegeben habe. 4 bis 5 Fälle gebe es im Schnitt am Tag, diese Statistik habe sich noch nicht geändert.

Hoffen auf ein schnelles Ende

Im Frauenhaus in Dortmund warten sie ab und hoffen aus verschiedenen Gründen, dass die Krise bald vorbei ist: Um die Zahl der Opfer niedrig zu halten.

Weiter, um irgendwann wieder neue Kapazitäten im Frauenhaus zu bekommen, denn aktuell könne auch niemand ausziehen, weil der Wohnungsmarkt brach liegt.

Und letztlich auch, damit die ökonomischen Folgen für die gesamte Gesellschaft nicht so schlimm werden, wie aktuell befürchtet wird. Denn auch das Frauenhaus bestreitet seine Arbeit zu einem großen Teil aus Spenden. Und die fließen in schlechten Zeiten deutlich weniger als in guten.

Kontakt

Frauenberatungsstelle Dortmund: Tel. (0231) 521008; www.frauenberatungsstelle-dortmund.de Frauenhaus Dortmund: Tel. (0231) 800081; www.frauenhaus-dortmund.de Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: Tel. (08000) 116 016; www.hilfetelefon.de weisser-ring.de Beratung für Männer, die Opfer häuslicher Gewalt sind: Ev. Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe- und Lebensfragen Dortmund: Tel. (0231) 8494480 Beratungsstelle für Männer, die Sorge haben, gewalttätig zu werden: Tel. (0176) 300 400 89 oder per Mail: brauckmann@ksd-sozial.de

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