Hannibal-Mieterin Steffi G. (65) vor dem geräumten Hochhaus-Komplex. Sie habe ihre Wohnung geliebt, sagt sie. © Stephan Schütze
Gerichtsprozess

Hannibal-Räumung: „Sie haben uns regelrecht rausgeworfen“

Am 6. Oktober entscheidet das Verwaltungsgericht, ob die Hannibal-Räumung 2017 rechtens war. Es geht auch um Schadensersatz. Steffi G. (65) erlebte die Räumung - und trauert der Wohnung nach.

Steffi G. hielt es zunächst für einen Scherz, als ihre Kinder riefen: „Mama, du wirst gleich evakuiert.“ Sie eilte ans Fenster ihrer Wohnung, weit oben im Hannibal-Hochhaus.

Unten sah sie überall Blaulicht. Polizei, Feuerwehr und Evakuierungsbusse standen bereit. Kurz darauf klopfte es an ihrer Tür. Sie öffnete. Polizisten in schweren Schutzwesten marschierten in ihre Wohnung. „Es war wie in einem schlechten Film“, erinnert sich die 65-Jährige an diesen 21. September 2017.

An diesem Tag mussten über 750 Mieter kurzfristig den Hannibal II in Dorstfeld verlassen. Die Stadt Dortmund ließ das Hochhaus räumen. Der Grund: erhebliche Brandschutzmängel. Die Mieter wussten davon nichts, wie Steffi G. erzählt: „Niemand hat vorher mit uns gesprochen.“

Damals hatte sie gerade ihren letzten Arbeitstag in ihrer alten Stelle, freute sich auf einen neuen Job. Ein neuer Lebensabschnitt sollte beginnen. Doch nach dieser Räumung widerfuhren ihr in vier Folgejahren Strapazen und Schikanen, wie sie es ausdrückt.

Schnelle Evakuierung, defekter Aufzug

Das habe bereits an jenem Tag begonnen, als sie alles einpacken musste: „Sie haben uns regelrecht rausgeworfen!“ Ihr Bargeld steckte sie noch ein. Aber wie sollte die Einrichtung der Wohnung nach unten kommen? Wie sollte sich das so schnell bewerkstelligen lassen ohne Aufzug, der während der Evakuierung defekt war? Sie fragte die Polizisten nach Hilfe beim Tragen. Doch die Beamten winkten ab, erzählt sie. Dafür seien sie nicht zuständig, hätten sie gesagt.

Ihren Mietvertrag hat Steffi G. seitdem nicht gekündigt. Sie hofft, irgendwann wieder zurückkehren zu können. „Es war meine Traumwohnung“, erzählt die ehemalige Grundschullehrerin. „Die Aussicht war wunderbar. Ich schaute auf das gesamte Stadtgebiet. Was will man denn mehr?“

Ein wenig Hoffnung gibt ihr der neue Eigentümer, der Frankfurter Finanzinvestor Forte Capital, der für diesen Herbst den Beginn der Sanierung ankündigte. Doch: Es dauert wohl mindestens drei Jahre, bis die Arbeiten abgeschlossen sind.

Am 6. Oktober entscheidet derweil das Gelsenkirchener Verwaltungsgericht, ob die Räumung 2017 überhaupt gerechtfertigt war. Es stehen sich die Stadt Dortmund und der damalige Eigentümer Lütticher 49 Properties gegenüber, der zur Gesellschaft Intown gehört. Der Berliner Eigentümer klagte gegen die Kommune – und will erreichen, dass die Räumung und das Nutzungsverbot als unverhältnismäßig eingestuft werden.

Anstehender Prozess: Schadensersatz für Mieter?

Beim Prozess geht es auch um die Frage, gegen wen sich die Schadenersatzansprüche der Mieter richten – gegen die Stadt oder den damaligen Eigentümer.

„Bis heute ist dafür niemand zur Verantwortung gezogen worden“, sagt Markus Roeser, wohnungspolitischer Sprecher des Mietervereins Dortmund auf Anfrage.

Für die Betroffenen ergab sich nach der Zwangsräumung viel Aufwand: Umzug, Kosten, Organisatorisches. „Das sind alles Sachen, für die man Schadensersatz kriegen kann“, so Roeser. Die Höhe wiederum ergebe sich individuell – je nachdem, ob die Betroffenen etwa bei Bekannten oder in einem Hotel unterkamen. Und was sonst für Schäden reklamiert werden können.

Steffi G. zum Beispiel war nach der Räumung zunächst im Ausland beruflich tätig, wo sie in einer möblierten Wohnung unterkam. Danach waren von der Stadt vermittelte Übergangswohnungen ihr Zuhause.

Es ist den den vergangenen vier Jahren allerdings großer Schaden in der Wohnung von Steffi G entstanden. Denn im Hannibal-Komplex kam es in dieser Zeit zu etlichen Einbrüchen – auch bei ihr. Wie oft, weiß Steffi G. nicht mal mehr zu sagen: „Das kann man gar nicht mehr zählen.“

Vorher: In diesem Zustand verließ Steffi G. damals ihre Wohnung © Steffi G. © Steffi G.

Ihr Kühlschrank und der Herd seien geklaut worden, ebenso die Elektronik. Den Schaden hat sie fotografisch dokumentiert. Ihre Bildersammlung zeigt, wie es vor und nach den Einbrüchen aussah.

Auch ihre Möbel wurden zerstört – mit der Axt, wie sie vermutet: „Das war Vandalismus pur!“ Nach dem ersten Einbruch war die Tür zerstört. Es dauerte ein halbes Jahr, bis die Tür mit einer Holzfaserplatte verriegelt wurde. „Bis dahin gingen da alle rein.“ Mittlerweile sei wieder alles aufgebrochen worden. „Ich verlange, dass sie die Wohnung wieder schließen.“

Nachher: So sah es nach den Einbrüchen in der Wohnung aus. © Steffi. G © Steffi. G

Auch Tauben dringen in das Gebäude ein

Zwar werde die Immobile von einem Wachdienst überwacht, aber das reiche nicht aus, sagt Steffi G.: „Dieser arme Typ ist für alle Wohnungen verantwortlich.“ Seine Aufgabe bestehe auch darin, auf die Tauben zu achten. Denn die Vögel dringen regelmäßig in den verwaisten Wohnkomplex ein, so Steffi G.: „Die Wohnungen sind teilweise zugeschissen.“ Ihre eigene Wohnung sei jedoch nicht so sehr betroffen.

Vor etwa drei Wochen nun hat sie die restlichen Sachen zusammengepackt. Bisher hat die Mieterin alles zurückgelassen. Nun will sie das Hab und Gut aus dem Hannibal holen, bevor noch mehr Schaden entsteht. Egal, wie das Gerichtsverfahren ausgeht: An eine schnelle Rückkehr glaubt Steffi G. nicht.