Hartz-IV-Empfänger hasst Dortmund: „Am liebsten würde ich jedem hier auf die Fresse hauen“

rnShow „Hartz, Rot, Gold“

Stephan aus der RTL2-Serie „Hartz, Rot, Gold“ schiebt all seine Probleme auf Dortmund. Dass es vorher schlechter lief, vergisst er dabei gerne. Die Dienstags-Folge war flach - aber amüsant.

von Daniel Reiners

Dortmund

, 11.03.2020, 04:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Stephan öffnet an diesem Morgen sein viertes Bier vor der Kamera. Das sei eine erfreuliche Quote, läge er doch normalerweise um diese Uhrzeit mindestens beim achten.

Der gebürtige Bremerhavener wohnt seit drei Monaten in Dortmund und wird im Rahmen der RTL2-Sendung „Hartz, Rot, Gold“ von einem Kamerateam bei seinem aktuellen Anliegen begleitet: Er möchte, so stellt die Sendung es zumindest dar, auf Wunsch seiner Freundin in Dortmund eine Existenz aufbauen - und vom Alkohol loskommen.

Freundin Nicole (34) stammt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und wollte wieder hierhin zurück, da es in Nordrhein-Westfalen mehr Feiertage gebe. „Da hat man endlich mal wieder Zeit für Freizeit“, sagt die Hartz-IV-Bezieherin.

Hartz-IV-Empfänger Stephan ist Dortmunder Wohnung zu ordentlich

Vier Wochen lang hatte der gelernte Landschaftsbauer in freiwilliger Obdachlosigkeit in einem Dortmunder Wald in der Nähe des Zoos in einem Zelt übernachtet. Jetzt hat ihm das Amt eine Wohnung im Stadtteil Huckarde gestellt, die in der RTL2-Inszenierung durchaus gehoben wirkt.

Hier fühle sich der Protagonist aber nicht zuhause. Es sei einfach zu ordentlich: „Ich bin so eine ordentliche Wohngegend nicht gewohnt. Am wohlsten fühle ich mich unter anderen Hartz-IV-Empfängern und in kleineren Buden. Da sind die Menschen einfach herzlicher.“

Um die Kosten des Umzugs von Bremerhaven, wo das Paar bis vor drei Monaten gelebt hat, auszugleichen, hatte Stefan in der Vergangenheit durch Betteln in der Innenstadt und an Haustüren versucht, seine Finanzen aufzustocken. Das Resultat hätte ihn aber enttäuscht: „Die Menschen hier sind einfach nicht hilfsbereit. Ich hasse die Stadt, ich hasse die Leute. Am liebsten würde ich jedem hier auf die Fresse hauen.“

Schon nach drei Monaten gibt es Ärger

Als Zuschauer der Sendung kann man sich die Frage stellen, wie das Verhältnis von Entertainment zu inhaltlich relevanten Fakten in der Inszenierung der Geschichte des jungen Paares wohl sein mag: Man braucht kein Theater-Regisseur zu sein, um zu erkennen, dass den Aussagen des offensichtlich alkoholabhängigen Protagonisten ein dramaturgisches Konzept zugrunde liegt.

Das geht in die Richtung: Zuerst stelle ich mich als den asozial Unreflektierten dar, um dann meine traurige Hintergrundgeschichte preiszugeben und anschließend meine gefühlvoll-herzensgute Seite zu zeigen.

Im Fall von Stephan: Er nähme alle die (selbst so empfundenen) Strapazen in Dortmund gerne für die Liebe zu seiner Freundin auf sich. Um so unterhaltender, dass es schon nach drei Monaten in Dortmund zum Stunk kommt, und Nicole am liebsten wieder zurück in den Norden möchte.

Um sich dieser neuen Situation anzunehmen, bedarf es für Stefan keiner weiteren Erklärungsgründe: Die unsterbliche Liebe alleine reicht ihm selbstverständlich aus.

Ob es für die beiden tatsächlich bald wieder zurück nach Bremerhaven geht, lässt die Folge vom Dienstag offen.

Ein flacher Dramaturgiebogen auf RTL2-Realityshow-Standardniveau kann einen gewissen Unterhaltungswert bieten - gerade, wenn man selbst aus Dortmund kommt und seine Heimatstadt im Fernsehen sieht. Ansonsten bleibt aber nicht viel Projektionsfläche für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Armut in Deutschland.

Trotzdem wünscht man irgendwie Nicole und Stefan am Ende doch alles Gute. Und ist vielleicht sogar gespannt, ob es für die beiden in Dortmund oder doch in Bremerhaven weitergeht.

Die nächste Folge „Hartz, Rot, Gold“ läuft am Dienstag (17.3.) um 20:15 Uhr auf RTL2
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