„Hast du denn kein schlechtes Gewissen?“ Wenn Frauen in der Familie die Brötchen verdienen

rnEqual Pay Day

Auch 2020 sind Hauptverdienerinnen in Familien noch die Ausnahme. Kerstin Hesche aus Sölde ist so eine Ausnahme. Ein Porträt anlässlich des Equal Pay Days am 17. März.

Dortmund

, 17.03.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ob sie denn kein schlechtes Gewissen habe. Das wollten die meisten Leute von Kerstin Hesche wissen, als sie nach der Geburt ihrer Tochter Ronja wieder anfing, zu arbeiten.

Für die 30-Jährige aus Sölde absolut unverständlich. Im Januar ist sie zum zweiten Mal Mutter geworden. Gerade ist sie noch in Mutterschutz, doch ab Mai wird sie wieder zur Arbeit gehen - und der Vater der Kinder wird sich in Vollzeit um die zwei Kleinen kümmern. So, wie es das Paar auch schon nach der Geburt von Ronja, die heute eineinhalb Jahre alt ist, gemacht hat.

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„Es wird so viel von Emanzipation und Gleichberechtigung geredet“, sagt Hesche, „aber wenn mein Freund einen Tag nach der Geburt wieder arbeiten gegangen wäre, hätte ihn das niemand gefragt.“

Kerstin Hesche ist Fachangestellte für Sozialversicherungen, seit fast zehn Jahren arbeitet sie bei der Berufsgenossenschaft. Ihre Ausbildung hat sie in Dessau gemacht, 2012 wurde ihr die Stelle in Dortmund angeboten. Ihr Freund kam ein Jahr später ins Ruhrgebiet, als Zusteller bei UPS war erstmal nur eine Teilzeit-Stelle drin. Das machte Kerstin Hesche zur Hauptverdienerin.

Freude und Liebe für den Nachwuchs

Dass nun, wo die zwei Eltern sind, der Vater auf die Kinder aufpasst und die Hausarbeit übernimmt, war daher finanziell die vernünftigere Entscheidung. „Miete, Strom, Lebensmittel... es will ja alles bezahlt werden“, sagt Hesche.

Die junge Familie aus Sölde beweist, dass entgegen alter Rollenbilder auch Männer in der Lage sind, sich mit Freude und Liebe um den Nachwuchs zu kümmern. „Mein Freund ist viel ruhiger und geduldiger als ich“, sagt Hesche. „Und ich bin die Pragmatische, die sich um die Sicherheit der Familie kümmert.“

In den meisten Familien ist er der Hauptverdiener

Kerstin Hesche gehört zu den rund 14 Prozent Frauen in Deutschland, die laut dem Medium Welt in ihren Familien die Hauptverdiener sind (Stand: 2017). Rund elf Prozent der Paare in Deutschland verdienen in etwa das Gleiche. In den allermeisten Fällen verdient der Mann mehr.

Im Schnitt verdienen Frauen 21 Prozent weniger als Männer. Weil sie öfter in Teilzeit arbeiten, prekärer beschäftigt sind - oder ganz einfach weniger Geld für dieselbe Arbeit bekommen. Eine Ungleichheit, auf die der jährliche „Equal Pay Day“ aufmerksam machen will.

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Dass sich ihr Familienmodell mit den Rollenbildern beißt, bekommt Hesche häufig zu spüren. Während sie für ihre Entscheidung, keine Elternzeit zu nehmen, Kritik und schiefe Blicke erntete, konnte der Vater der zwei Kleinen sich vor Anerkennung kaum retten. „Er hat alles Positive abbekommen“, erzählt Hesche. „Viele haben ihm gesagt, wie stolz sie auf ihn sind oder meinten ‚Toll, dass du dir das zutraust‘.“

„Habe mir gewünscht, dass es bei meinen Kindern anders ist“

Die junge Mutter stört nicht nur diese Doppelmoral. „Wir wollen auch mal in den Urlaub fahren und nicht jedes Mal Nein sagen müssen, wenn die Kinder im Supermarkt was Schönes sehen.“ Nur indem sie weiterhin ihr volles Gehalt beziehe, könne die Familie gut über die Runden kommen.

Und für ihren Freund habe das ganze auch Vorteile: Er bekomme in Elternzeit mehr Punkte für die Rentenversicherung als früher, als er oft in unsicheren Jobs gearbeitet habe. „Ich finde, es sollte keinen Unterschied machen, wer bei den Kindern bleibt“, sagt sie. Eltern sollten nach Vernunft entscheiden, nicht nach Rollenbildern.

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Hesche glaubt übrigens nicht, dass das Paar in ihrem Familienmodell offener ist, weil es aus der ehemaligen DDR kommt - wo Frauen auch schon berufstätig waren, als in der Bundesrepublik noch viele Familien nach dem Alleinernährer-Modell lebten.

Als Kind habe sie nicht erlebt, dass sich der Vater intensiv um den Nachwuchs kümmerte: „Ich habe mir schon immer gewünscht, dass es bei meinen Kindern anders wird.“

Ungleiche Löhne

Equal Pay Day

  • Bis zum 17. März 2020 haben Frauen in Deutschland umsonst gearbeitet - zumindest statistisch gesehen. 21 Prozent weniger verdienen Frauen, umgerechnet auf das Jahr ergeben sich daraus 77 Tage weniger, an denen Frauen bezahlt werden.
  • Der „Equal Pay Day“ markiert am 17. März nicht nur das Ende dieser 77 Tage, er soll auch bundesweit auf den „Gender Pay Gap“, den großen Unterschied in der Bezahlung von Männern und Frauen aufmerksam machen. Mehr Informationen gibt’s unter www.equalpayday.de.
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