Notaufnahme des Klinikums und niedergelassene Ärzte rücken zusammen, um Patienten besser zu versorgen. Die Reihenfolge wird nach militärischem Vorbild festgelegt - nicht nach Ankunftszeit.

Dortmund

, 27.04.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kennen Sie den Unterschied zwischen Notfallpraxis und Notaufnahme im Erdgeschoss des Klinikums Dortmund-Mitte? Die Antwort ist einfach, in der Praxis aber kompliziert:

  • Die Notfallpraxis ist im Gebäude des Klinikums an der Beurhausstraße ein Angebot der niedergelassenen Hausärzte in Dortmund mit eingeschränkten Öffnungszeiten.
  • Die Notaufnahme ist ein Angebot des Klinikums Dortmund mit 24-Stunden-Dienst, ebenfalls im Gebäude an der Beurhausstraße.

Auf den ersten Blick ist für einen unter Schmerzen leidenden und gestressten Patienten nicht zu erkennen, ob er sein Problem dem „Notfalldienst niedergelassener Ärzte“ oder der „Notaufnahme“ des Klinikums vorstellen soll. Beide Dienste liegen direkt nebeneinander, haben aber unterschiedliche Öffnungszeiten und Zuständigkeiten. Mit der Folge, dass die meisten Patienten die rund um die Uhr geöffnete Notaufnahme des Klinikums aufsuchen und nicht in die Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte gehen.

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) als Verband der niedergelassenen Ärzte befürwortet deshalb den Aufbau einer „Portalpraxis“. Sie soll die zeitweise nebeneinander arbeitende Notfalldienstpraxis der niedergelassenen Ärzte und die Notaufnahme der Klinik organisatorisch an einem gemeinsamem Empfang vereinen.

„Triage“ am Notfall-Tresen

An einem Tresen arbeitet dann eine speziell ausgebildete, so genannte „Triage“-Fachkraft, die Patienten beim Erstkontakt zuhört, Prioritäten setzt und einteilt:

  • Der Patient mit Fieber und Ohrenschmerzen würde einem niedergelassenen Arzt zugewiesen.
  • Der Patient mit Verdacht auf Herzinfarkt ist ein Fall für die Notaufnahme des Klinikums, weil Lebensgefahr besteht.

Der Triage-Begriff stammt aus der Militär-Medizin: Ärzte und Sanitäter müssen bei einem „Massenanfall von Verletzten“ entscheiden, in welcher Reihenfolge schwerst verletzte Patienten versorgt werden. Diese Prioritäten setzt auch die Fachkraft am Triage-Tresen. In welcher Reihenfolge die Patienten behandelt werden, hängt von der medizinischen Notwendigkeit ab und nicht von der Reihenfolge der Ankunft – oder gar vom Status Kassen- oder Privatpatient.

Die KVWL und das Klinikum müssen in den kommenden Monaten klären, wie sie den Triage-Tresen organisieren, wer für die Prioritäten verantwortlich ist, welche Qualifikation das Personal mitbringen muss und zu welchen Zeiten die niedergelassenen Ärzte ihre eigenen Praxen verlassen, um die Portalpraxis zu besetzen.

Gemeinsames Gespräch

„Mit Interesse“ hat die KVWL einen Bericht über die Arbeit in der Notaufnahme am Klinikum Dortmund-Mitte gelesen. Darin regte der Notarzt Dr. Udo Schniedermeier an, dass niedergelassene Ärzte und das Klinikum enger zusammenarbeiten, damit Patienten besser versorgt werden können. Laut KVWL-Sprecherin Vanessa Pudlo sei ein Gesprächstermin jetzt „in Planung“.

2018 haben 16.274 Patienten die Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte im Klinikum Mitte an der Beurhausstraße besucht. Alle Dortmunder Kliniken zusammen kommen auf mindestens 115.000 Notfall-Patienten. Im Klinikum Mitte kann etwa die Hälfte der in der Notaufnahme behandelten Patienten das Krankenhaus wieder verlassen.

Portalpraxen in ganz NRW

58 von 63 allgemeinmedizinischen Notfallpraxen der Kassenärztlichen Vereinigung sind im Raum Westfalen-Lippe bereits an Krankenhäuser angedockt. Laut Vanessa Pudlo erfüllen 15 dieser Notfalldienstpraxen bereits die Kriterien einer gemeinsam betriebenen „Portalpraxis“. Tendenz: steigend. Vanessa Pudlo: „Krankenhausambulanz und Bereitschaftsdienstpraxis arbeiten hier nicht länger nebeneinander, sondern wirklich zusammen.“

Bis 2022 sollen die Portalpraxen flächendeckend in Nordrhein-Westfalen eingeführt werden. Darauf haben sich im Februar 2019 das NRW-Gesundheitsministerium, die Kassenärztliche Vereinigung, die Ärztekammern, die Krankenhausgesellschaft, die Apothekerkammern und die gesetzlichen Krankenkassen geeinigt.

Auch Apotheken im Boot

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sagte, dass der „Reformbedarf“ wegen der langen Wartezeiten „unübersehbar“ sei. Nordrhein-Westfalen müsse nicht mehr auf den Bundesgesetzgeber warten. Verbessern sollen alle Partner auch die Arzneimittelversorgung im Nacht- und Notdienst. Die ärztlichen Notdienste und die Apotheker-Notdienste sollen besser vernetzt werden. Im Idealfall haben Patienten zu später Stunde kurze Wege auch zu einer Apotheke.

Wann die Portalpraxis in Dortmund eröffnet, steht nicht fest. Aber jetzt werden Gespräche geführt. Ob die Wartezeiten kürzer werden, hängt stark vom Patientenaufkommen und der personellen Besetzung der Portalpraxen ab.

„Das ist sinnvoll“

„Das ist sinnvoll. Da müssen die sich echt was einfallen lassen“, kommentiert die ehrenamtliche Dortmunder Patientenfürsprecherin Rosemarie Liedschulte (73) die Portalpraxis-Pläne. Die Notfallaufnahmen seien häufig überlastet. Veränderte Praxisöffnungszeiten, lange Wartezeiten und eine immer älter werdende Gesellschaft forderten die Notfallsysteme in Zukunft heraus.

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