WM-Finale 1954: Deutschland gegen Ungarn. 60 Millionen hören Herbert Zimmermanns Radio-Reportage. Menschen drängen vor Fernsehgeräte in Kneipen. Nur Heinz Hiller aus Bodelschwingh nicht.

Dortmund

, 10.07.2018, 13:01 Uhr / Lesedauer: 4 min

Juni 1954: Heinz Hiller arbeit als junger Geselle im Elektrogroßhandel Natorp. Es läuft die Fußball-WM in der Schweiz. 16 Mannschaften spielen in vier Gruppen die Vorrunde. Nach einem 4:1 gegen die Türkei im ersten Spiel der Gruppe 2, verliert die Bundesrepublik gegen Ungarn 3:8.

Ein Entscheidungsspiel, nochmals gegen die Türkei, muss die Entscheidung für den Einzug ins Viertelfinale bringen: 7:2. Die noch junge Bundesrepublik im Fußballfieber. Erst recht nach den Siegen über Jugoslawien im Viertel- und einem 6:1 gegen Österreich im Halbfinale.

"Heinz willst du dahin fahren?"

Heinz Hiller will das Finale mit seinen Freunden in der Halle des Reitervereins an der Deininghauser Straße ansehen. Da steht während der acht live übertragenen Spiele ein kleiner Fernseher. "Bei Radio Restel in Oestrich hätte man auch noch gucken können", erzählt er. Ansonsten: Fehlanzeige. "Privat hatte keiner einen Fernseher", sagt Hiller.

Sein Chef hat eine Karte für das Finale in Bern. "Heinz, willst du dahin fahren, hat er mich an einem Morgen gefragt", erzählt Hiller. "Er konnte nicht. Warum, wieso, weshalb, kann ich bis heute nicht sagen."

64 Jahre später: Heinz Hiller sitzt auf der Terrasse seines Hauses in Bodelschwingh. Auf dem Rasen im Garten ein sechs Meter hoher Fahnenmast: Die BVB-Fahne und die deutsche Flagge wehen im seichten Wind. Auf dem Tisch liegen Erinnerungsstücke. Hiller trägt das 54er WM-Trikot. Nicht das Original, aber auch schon ein paar Jahrzehnte alt. "Mit schwarzen Kordeln am Ausschnitt", erzählt er stolz. Die jüngere Retro-Kollektion habe weiße. Heinz Hiller ist Fachmann. Und sein Gesicht strahlt.

Trikots, Schals und Fahnen gab es 1954 noch nicht

3. Juli 1954, 23.30 Uhr: Heinz Hiller steigt in den Bus des Reiseunternehmens Paul Rosenkranz. Mit an Bord vielleicht 40 Fußballbegeisterte, "alle aus dem Ruhrpott". Die Fahrt kostet 89 D-Mark - eine Übernachtung auf der Rückfahrt inklusive.

"Den Reisepreis hätte ich als junger Geselle gar nicht bezahlen können", sagt Heinz Hiller. Vielleicht die Eintrittskarte. Der Stehplatz beim Finale im Berner Wankdorfstadion kostet gerade 7,50 D-Mark. "Ein unbeschreibliches Glück, dass ich das erleben durfte", sagt Hiller rückblickend auf das Geschenk seines Chefs.

Die Gruppe reist, wenn man so will, in Zivil. Trikots, Schals, Fahnen – all das ist noch nicht üblich. Und Euphorie klingt auch nach 64 Jahren anders: "So richtig Hoffnung, dass wir gewinnen, hatten wir nach dem 3:8 in der Vorrunde nicht", erzählt Heinz Hiller. "Wir wollten die deutsche Mannschaft trösten."

Zuschauerin verpasst Hiller mit Regenschirm Striemen auf dem Rücken

Bern am Mittag des 4. Juli. "Wir kamen vielleicht ein, zwei Stunden vor dem Anpfiff an." Es regnet in Strömen. Für einen Schweizer Franken kauft Heinz Hiller ein Programmheft. Kein Hochglanz, aber mit allen Ergebnissen der Vorrunden und Ausscheidungsspiele.Heute steht es mit Stockflecken in einer Vitrine des Deutschen Fußballmuseums. Auf dem Tisch der Terrasse in Bodelschwingh liegt der Leihvertrag.

17 Uhr im Wankdorfstadion: William Ling aus England pfeift das Spiel an. Schnell geht Ungarn durch Puskás (6.) und Czibor (8.) in Führung. Dunkle Wolken hängen über dem Oberland. Tage später wird Heinz Hillers Mutter fragen, wo die Striemen auf seinem Rücken herkommen. "Da erinnerte ich mich an eine Frau, die mir vor Aufregung mit ihrem Regenschirm immer auf den Rücken geschlagen hat. Während des Spiels habe ich es nicht gemerkt", erzählt er und lacht.

Herbert Zimmermann fesselt die Zuhörer

Dicht drängen sich die Zuschauer auf der Stehplatztribüne. Heinz Hiller denkt positiv. "Ich hab gedacht, bis zur Halbzeit müssen wir das 0:2 aufholen." Schon zwei Minuten nach Czibors Tor verkürzt Max Morlock zum 1:2. Acht weitere Minuten später gleicht Helmut Rahn aus. Das Spiel zieht sich hin. Es schüttet in Bern. Auf den vier Millionen Fernsehern in Deutschland sind die Bilder verschwommen. Herbert Zimmermann fesselt die Zuhörer an den Radiogeräten mit seiner Reportage.

Die 84. Minute: „Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern, keiner wankt, der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Es ist schwer, aber die Zuschauer, sie harren aus", kommentiert Zimmermann. "Wie könnten sie auch – eine Fußball-Weltmeisterschaft ist alle vier Jahre und wann sieht man ein solches Endspiel, so ausgeglichen, so packend." Heinz Hiller erinnert sich: "Ab dem 2:2 wurde jeder Vorstoß bejubelt."

Feier auf der Rückreise im beschaulichen Rahmen

Hans Schäfer und József Bozsik liefern sich auf der linken deutschen Angriffsseite ein packendes Duell. Bozsik verliert den Ball, Schäfer flankt, die Ungarn wehren ab, kommentiert Zimmermann aufgeregt. "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“

Eine Hörfunklegende. "Es war ein unbeschreiblicher Jubel", erinnert sich Heinz Hiller. Sechs Minuten später holt das deutsche Team die Weltmeisterschaft. Vier Tage später wird der Geselle 20 Jahre alt – schon jetzt ein Lebensereignis.

Natürlich ist der Jubel groß. Auf der Rückreise feiert die Reisegruppe aus dem Ruhrpott im Hotel. Im Rahmen: "Viel Geld hatten wir alle nicht", erzählt Hiller. "Wir haben nicht viel getrunken und sind nicht ausgetickt wie einige heute."

Weltmeisterschaft in Frankreich als Ersatz für Schlittenhunderennen

Jahre später macht Heinz Hiller sich selbstständig. In der Freizeit kennt er den roten Ascheplatz von Germania Westerfilde. Nach der WM 1974 wird er Stammgast im Westfalenstadion und holt sich eine BVB-Dauerkarte. Vorher habe er samstags gearbeitet und keine Zeit gehabt, erzählt er.

Die nimmt sich Heinz Hiller später jedoch auch für seine Lebensträume: 1984 besteigt er den Kilimandscharo, zwei Jahre später durchquert er die Sahara. "Du hast immer kalte Füße", sagt seine Frau, als er eine Hundeschlittenfahrt durch Alaska plant.

"Als Ersatz habe ich dann die Fußball-WM in Frankreich 1998 besucht." Paris, Lens, Montpellier – die Stationen der deutschen Nationalmannschaft. Mit dem BVB ist er in europäischen Stadien mittlerweile ohnehin zuhause: "Auxerre, Manchester oder Rom – mit unserem Fußballgott Jürgen Kohler" erinnert er sich. "Als wir in Rom waren, ist der Petersdom voller gelber Schals schon ein Ereignis."

Bleibende Erinnerungen an das Wunder von Bern

Auf der Terrasse in Bodelschwingh, am Tag nach Heinz Hillers 84. Geburtstag: Er freut sich über sein Geschenk, das neue Trikot seiner Borussia für die kommende Saison. Stolz trägt er den 54er WM-Dress.

"Es ist alles kommerzieller geworden", sagt er. Auf dem Tisch liegen eine Kopie des Programmhefts für einen Schweizer Franken und der Buchungsbeleg für die Busreise zum "Wunder von Bern" für 89 D-Mark.

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