Helmut Kohl ist todkrank - und doch besiegt sein Lebensmut die Angst

rnSterben im Hospiz

Der Evinger Helmut Kohl liegt mit einem nicht therapierbaren Hirntumor im Hospiz. Andere Menschen würden verzweifeln, Kohl indes besitzt nach wie vor Humor. Denn Aufgeben gilt nicht.

Eving

, 25.11.2018, 11:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Tschüssikowski. Man sieht sich“, sagt Helmut Kohl und lacht. Dieser Abschiedsgruß verblüfft im ersten Moment gleich aus zwei Gründen. Zum einen hat eine schwere Erkrankung dem Mann vor Jahren weitgehend das Augenlicht geraubt, sodass der Spruch „Man sieht sich“ mehr als einen Schuss Ironie beinhaltet.

Zum anderen rechnen die wenigsten in dieser Umgebung mit einem herzlichen Lachen: Helmut Kohl liegt seit vergangenem Montag im Lüner Hospiz am „Wallgang“.

Kohls Lebensmut ist beeindruckend

Ganz so überraschend erscheint die ungewöhnliche Verabschiedung angesichts der vorherigen Begrüßung dann aber doch nicht. Denn bereits beim Kennenlernen hatte der 72-jährige Evinger eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er seinen Humor nicht verloren hat.

„Ihr Name ist wirklich Helmut Kohl? So wie der Altkanzler?“, lautete die Frage, die er ungezählte Male in seinem Leben gehört hat. „Natürlich“, kam die prompte Antwort, „wenn schon, dann richtig. Und das, obwohl ich in der SPD bin.“

Beeindruckend, welchen Lebensmut Kohl trotz seiner vorangegangenen Odyssee an den Tag legt. Seit Februar war er einige Male in der Wohnung gestürzt, bei Untersuchungen erkannten die Ärzte Symptome eines Schlaganfalls.

Eine Zeit lang war sogar Sprechen unmöglich

Mehrere Krankenhausaufenthalte folgten, bis im Spätsommer die Diagnose feststand: Metastase am Hirnstamm, vermutlich von einem Tumor an der Niere ausgehend.

Da eine Operation an dieser Stelle des Gehirns nicht möglich war, versuchten es die Mediziner mit Bestrahlungen – doch die Geschwulst ließ sich davon nicht beeindrucken.

Vielmehr war Helmut Kohl stark eingeschränkt; bis heute kann er nicht allein laufen, zwischenzeitlich war auch das Sprechen unmöglich. Doch all die Strapazen sollten vergeblich gewesen sein, denn letztlich hieß es: nicht mehr therapierbar.

Seit einem Jahr ist er verheiratet

Am vergangenen Montag kam der Evinger dann ins Hospiz, wo er – trotz der niederschmetternden Nachrichten – sichtlich aufblühte. Dank der Medikamente kann er inzwischen wieder sprechen, wenngleich ihm die Worte noch etwas schwer über die Lippen kommen.

Helmut Kohl ist todkrank - und doch besiegt sein Lebensmut die Angst

Sonnenstrahlen tauchen das Zimmer von Helmut Kohl in herbstliches Licht. © Michael Schuh

Doch meist sind sie voller Optimismus. Der 72-Jährige spricht von der liebevollen Pflege, die ihm hier zuteil wird; und man spürt, dass er die Sonnenstrahlen genießt, die nicht nur den Park vor dem Fenster, sondern auch sein Zimmer in ein herbstliches Licht tauchen.

Neben dem Bett sitzt Gisela Weiler, seit einem Jahr Helmut Kohls Frau. Ein bisschen kurios ist die Geschichte dieser Ehe schon: Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten, hatten sich aber fast ebenso lange aus den Augen verloren.

Die zwei leben fast wie zu Hause

Bis sie sich vor drei Jahren in einem Evinger Café wiedersahen, fortan viel Zeit miteinander verbrachten und schließlich den Bund fürs Leben schlossen. In Lünen verbringt das Paar nun den ganzen Tag zusammen, vorbei ist der Krankenhausstress. Man unterhält sich, hört Radio, lebt fast so wie zu Hause.

Helmut Kohl ist todkrank - und doch besiegt sein Lebensmut die Angst

Helmut Kohl liegt im Lünener Hospiz Wallgang, wo sich seine Frau Gisela Weiler um ihn kümmert. © Michael Schuh

Vielleicht liegt Helmut Kohls unerschütterlicher Optimismus ja ein Stück weit in seiner Lebensgeschichte begründet. Geboren in Lünen, zog es ihn als jungen Mann nach Eving, wo er längst heimisch geworden ist: „Ich bin ein Evinger Junge.“ Und was macht so jemand beruflich?

Na klar: Jahrzehntelang malochte Helmut Kohl als Elektriker unter Tage. Und dabei wurde ihm eine Kameradschaft zuteil, von der er noch heute zehrt. Überhaupt ist der 72-Jährige geradezu der Prototyp eines Evinger Bergmanns – Taubenschlag, Schrebergarten und SPD-Mitgliedschaft inklusive.

Die Krankheit hat er jeden Tag vor Augen

Zudem engagierte er sich bei der Awo sowie dem VdK und war früher Presbyter der Segensgemeinde. „Der Glaube hilft immer“, sagt der Mann, der sich seiner wohl tödlichen Krankheit durchaus bewusst ist. „Wenn du weißt, dass es zu Ende geht, dann machst du dir natürlich Gedanken. Man versucht, sie zu verdrängen, aber hat sie trotzdem jeden Tag vor Augen.“

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Plötzlich klingelt das Telefon, eine Nachbarin ruft an. Und sofort ist aus dem nachdenklichen wieder der zuversichtliche Helmut Kohl geworden. „Mir geht‘s gut“, spricht er in das Handy. Nein, aufgegeben hat er sich noch lange nicht. „Ich bin doch erst 72, da darf ruhig noch was kommen.“

Die Kumpels kommen zu Besuch

Und dann spricht er über den Wimpel mit dem Aufdruck „Shanty-Chor Dortmund“, der hinter ihm am Knauf des Kleiderschranks baumelt. „Bis vor vier Jahren habe ich da selbst gesungen“, erzählt Kohl – und fügt nicht ohne Stolz an: „Und am Samstag haben der Chor mit fünf Sängern und zwei Akkordeons hier im Hospiz ein Konzert gegeben.“ Seemanns- und Weihnachtslieder. Helmut Kohl strahlt.

Das ist aber nicht der einzige Besuch, den der 72-Jährige bekam. Auch Weggefährten aus den anderen Vereinen hatten sich angesagt. „Die Kumpels kommen“, beschreibt es der Evinger kurz und knapp. Auch ans Bett gefesselt, ist er ein waschechter Bergmann geblieben.

Hospiz am Wallgang in Lünen

Ein Ort der Gastfreundschaft

  • Der Begriff „Hospiz“ stammt vom lateinischen „hospitium“ und bedeutet „Herberge“ oder „Gastfreundschaft“.
  • Hospize haben es sich zur Aufgabe gemacht, unheilbar Kranke in ihrem letzten Lebensabschnitt zu begleiten.
  • Im Lüner Hospiz am Wallgang stehen den Gästen zwölf Einzelzimmer zur Verfügung. Ziel des Hospizes ist es, das Leben der Gäste nach gewünschten Ritualen und Gewohnheiten zu gestalten.
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