Hendrik Münz (39) betreut Unfallopfer in Dortmund und überbringt Todesnachrichten

rnNotfallseelsorge

Wenn Hendrik Münz zu einem Einsatz gerufen wird, ist etwas Schlimmes passiert. Der Dortmunder betreut Menschen, die Angehörige verloren oder Furchtbares gesehen haben. Trotzdem mag er den Job.

Dortmund

, 18.01.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eigentlich wollte Hendrik Münz beim Pressetermin über seine Arbeit reden. Doch irgendwie passierte es, dass der Journalist am Tisch vom Thema abkam und plötzlich vom Tod eines Freundes erzählte. Und Pfarrer Münz hörte nur zu. Bis sich der Journalist fragte, wie das Gespräch eigentlich so abschweifen konnte.

Hendrik Münz ist sehr gut darin, einfach zuzuhören. Dazusein für die Menschen, die ihn brauchen. Das klappt auch erstaunlich gut, wenn man ihn vorher gar nicht kannte. Sogar wenn man ihm eigentlich gar nichts erzählen wollte. Der 39-Jährige ist es als Notfallseelsorger gewohnt, dass fremde Menschen ihm ihr Herz ausschütten.

Eine schlechte Todesnachricht kann lange nachwirken

„Es ist unsere Aufgabe, ganz viel zuzuhören“, sagt Münz: „Sehr oft ist es auch so, dass wir die Leute einfach nur in den Arm nehmen.“ Zusammen mit rund 150 anderen Geistlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern ist er für Dortmunder da, die Angehörige verloren haben.

„Wenn eine Todesnachricht schlecht überbracht wird, kann das sehr lange nachwirken“, sagt Münz: „Die Leute speichern genau die Worte und die Gestik ab.“ So passiere es, dass manchen Menschen auch Jahrzehnte nach einem Verlust noch die Tränen kommen. Ernste psychische Erkrankungen können resultieren.

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Früher habe es das Thema Notfallseelsorge praktisch nicht gegeben, erzählt der Pfarrer. „Guten Tag Frau Sowieso, leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Mann verstorben ist. Es gab einen Unfall, herzliches Beileid, auf Wiedersehen.“ So habe die Polizei vor 40 bis 50 Jahren schlechte Nachrichten an der Haustür übermittelt.

Stattdessen möchten die Experten die Betroffenen heutzutage auf eine schlimme Nachricht vorbereiten. Bestenfalls begleite man die Angehörigen zuerst zur Couch, falls sie als Schockreaktion umkippen. Nicht selten bleiben die Seelsorger stundenlang und vermitteln anschließend noch Kontakte zu weiteren Hilfsangeboten.

Die normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis

Wichtig sei es, den Menschen zu vermitteln, dass sie mit ihrem Schicksalsschlag nicht alleine sind. Hendrik Münz sagt: „Unser Standardsatz im Bereich Trauma bei einem schlimmen Unfall ist: Ihre Reaktion ist die normale Reaktion eines normalen Menschen auf ein unnormales Ereignis.“

Dass Hendrik Münz in diesem Job gelandet ist, hat er der Feuerwehr und einem jugendlichen Kompromiss zu verdanken. „Als bei uns die Jugend-Feuerwehr gegründet wurde, wollte ich gerne rein, weil ich mich für die Technik interessierte“, so der 39-Jährige. Im gleichen Jahr sollte er in den Konfirmandenunterricht: „Wo ich absolut nicht reinwollte.“

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Dann gab es in der Familie eine Vereinbarung, die er heute „Joint Venture“ nennt: „Wenn ich artig zum Konfirmandenunterricht gehe, darf ich zur Jugend-Feuerwehr.“ Im Laufe des Konfirmandenunterrichts stellte sich raus, dass ihm das kirchliche Engagement doch gefiel. Im Endeffekt konnte Hendrik Münz gleich zwei Hobbys zum Beruf machen.

Die Notfallseelsorger betreuen Unfallbeteiligte und kriegen grausige Anblicke bei Feuerwehr-Einsätzen zu sehen: „Natürlich ist das belastend. Man erlebt, wie zerbrechlich das Leben ist, aber auch was für ein Geschenk es ist“, sagt Hendrik Münz. Trotz des Leids mache er den Job gerne: „Wir bekommen von den Leuten auch sehr viel Dankbarkeit zurück.“

Vortrag

Pfarrer Hendrik Münz spricht am Donnerstag (16.1.) in der Dasa am Friedrich-Henkel-Weg 1-25 über seinen Beruf. Ab 18 Uhr berichtet er im Rahmen der Ausstellung „Pia sagt Lebwohl“ von der Arbeit mit Tod und Trauer. Der Eintritt ist frei.
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