Herr Schades langer Weg zurück ins Leben

28 Jahre im Knast

Körperverletzung mit Todesfolge, Republikflucht, Diebstähle, Schwarzfahren: Sven Schades Liste ist lang. 28 Jahre saß er dafür mit Unterbrechungen im Gefängnis. Nach dem Knast kamen Schulden, Alkoholsucht, Obdachlosigkeit. Heute lebt der 57-jährige Berliner in Dortmund - und bekommt langsam sein Leben wieder in den Griff. Die Geschichte eines langen Wegs.

DORTMUND

, 20.08.2017, 03:13 Uhr / Lesedauer: 3 min
Herr Schades langer Weg zurück ins Leben

Sven Schade hat in Dortmund eine neue Heimat gefunden und blickt nun positiv, mit einem Lächeln, in die Zukunft.

Vor etwas mehr als einem Jahr kam der Berliner nach Dortmund, um hier von vorne anzufangen. Er wollte dem Staat nach seiner Haft nicht auf der Tasche liegen. Also lebte er auf der Straße, wie die anderen 350 bis 400 Obdachlosen in Dortmund. Was Sven Schade in seinem Leben durchlebt hat, lässt sich in einer Woche nicht erzählen. "Ich könnte ein dickes Buch füllen", sagt er.

Aufgewachsen ist er bei Pflegeeltern in Berlin-Marzahn. Nach einer Ausbildung zum Krankenpfleger arbeitete er zehn Jahre in dem Beruf. Arzt wollte er mal werden. Seine leiblichen Eltern hat er nie kennenlernen dürfen. Im Osten Berlins, in der damaligen DDR, beginnt und endet seine Geschichte.

Flucht in den Westen

"Ich hatte die Schnauze voll von dem DDR-Regime. Wir wohnten damals in einem Hochhaus mit sechs Parteien. Es gab zu wenig Geld und kaum richtiges Essen. Wir bekamen doch bloß den Abfall." Sven Schade hielt es nicht mehr aus. Angetrieben von dem Wunsch, im Westen ein besseres Leben zu führen, versuchte er, über die Grenze zu entkommen. Republikflucht, das war damals in der DDR ein schweres Verbrechen. "Paragraf 213, Absatz 1, Ziffer 2 oder 3 im Strafgesetzbuch der DDR. Dort stand es", sagt Sven Schade.

Sieben oder acht Mal verstieß er gegen dieses Gesetz. An der Grenze wurde er erwischt, immer wieder. Zum Teil provozierte er die Haft sogar. "Ich hatte die Hoffnung, einen ganz bestimmten Anwalt zu bekommen, der für die Ausreise in den Westen zuständig war." Aber dann bekam Schade einen anderen Anwalt. "Ich war damals so blauäugig und dachte, mit dem kommst du auch in den Westen, aber da wurde nichts draus."

Im Jahr 1991 saß der damals 31-Jährige länger ein. Zwölf Jahre. Ein Fremder, so erzählt es Sven Schade, habe seine Freundin an den Brüsten begrapscht. Das habe er sich nicht gefallen lassen und ihm eine gehörige Backpfeife gegeben. Der Fremde stürzte und brach sich das Genick. Die Anklage lautete Körperverletzung mit Todesfolge. "Das Schlimmste an der Haft war die Einsamkeit", sagt Sven Schade heute. Er hofft, nie in den Bau zurück zu müssen. "Ich bin mittlerweile knastmüde und zu alt dafür."

Ein freier Mann

2004, im Alter von 44 Jahren hatte Sven Schade seine Haftstrafen abgesessen. Er war wieder frei. Doch statt sein Leben in Freiheit zu genießen, überforderte es den Berliner. "Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich vollkommen aufgegeben. Von da an ging es bergab." Der heute 57-Jährige musste damals vieles neu erlernen. "Plötzlich gab es keine D-Mark, sondern den Euro, und keine Schalter mehr, sondern diese ganzen Geld- und Fahrkartenautomaten. Alles war neu." Sven Schade schlief von nun an auf der Straße oder in Obdachlosenwohnheimen.

Doch die Gewalt in den Unterkünften und falsche Freunde machten ihm zu schaffen. Sven Schade rutschte ab in die Alkoholsucht, fiel auf Handverträge rein, häufte Schulden an. "Die kann ich heute gar nicht mehr abbezahlen", sagt er. Er wollte raus aus dem Schlamassel.

Überfallen in der Wohnung

Zwischenzeitlich gelang ihm das auch. Da hatte er eine Lebensgefährtin. "Sie hat aber auch getrunken, das funktionierte nicht." Vor fünf Jahren öffnete Sven Schade die Haustür und wurde urplötzlich überfallen. Der Täter wurde nie geschnappt. Seitdem leidet er unter Angstzuständen, schreckt nachts auf. Ohne Licht einzuschlafen fällt ihm schwer.

"Irgendwann habe ich mich an das Bodelschwingh-Haus gewandt." Seit dem 1. Juni 2016 lebt Sven Schade in einer der Unterkünfte dort, in einer Zweier-WG an der Gaststätte "Zur Lenteninsel" in Körne, leistet Sozialstunden bei der Tafel ab. Sozialarbeiterin Brigitte Becker unterstützt ihn. "Das Besondere war, dass er uns bewiesen hat, dass er sein Leben verändern möchte. Er war konsequent", erinnert sie sich.

Blick nach vorn

Brigitte Becker erstellte einen Hilfeplan für die ersten sechs Monate mit Ideen, wie Themen wie Wohnen, Arbeit, Gesundheit und offene Strafverfahren angegangen und verbessert werden sollten. Ein Masterplan in Richtung Zukunft. Für Sven Schade ein enormer Schritt nach vorne. Heute ist der 57-Jährige im dritten Hilfsplan und muss die letzten Sozialstunden leisten und Schulden abbauen. Bald geht es um den Übergang in ein anderes Haus, denn in der "Lenteninsel" kann er nur vorübergehend bleiben.

"Ich bin stolz darauf, was ich heute schaffe", sagt er. "Jetzt ist es an der Zeit, dass Ruhe einkehrt." Sein Wunsch: "Eine eigene Wohnung und eine Lebenspartnerin, mit der ich meine letzten Lebensjahre verbringen kann."

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