Hier bedeuten Elterntaxis eine Gefahr für Schüler von vier Schulen

rnVerkehrschaos

Morgens herrscht Chaos in der Wohnstraße, an der vier Schulen liegen. Ausgerechnet die Eltern gefährden die Kinder auf dem Schulweg. Vor Ort entstanden jetzt Ideen, die helfen könnten.

Kreuzviertel

, 10.10.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Claudia Streblow-Poser begleitet ihre neunjährige Tochter jeden Morgen zur Schule. Sie tut das, obwohl die Familie direkt gegenüber wohnt. Aber die wenigen Meter zur Kreuz-Grundschule empfindet die Mutter als zu gefährlich.

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Das Überqueren der Kreuzstraße ist zu den Stoßzeiten selbst für Erwachsene eine Herausforderung. „Für uns steht fest, dass wir unsere Tochter bis zum Ende ihrer Grundschulzeit bringen werden“, sagt Professorin Claudia Streblow-Poser.

Hier bedeuten Elterntaxis eine Gefahr für Schüler von vier Schulen

Marc Jochheim vom Kommissariat für Unfallprävention und Opferschutz der Polizei ermahnt einen Vater, der seine Kinder „ausnahmsweise" mit dem Auto zur Schule gebracht hat. © Susanne Riese

Morgens vor Unterrichtsbeginn und mittags herrscht Chaos vor den vier Schulen an der Kreuzstraße. Schuld daran sind vor allem die vielen Eltern-Fahrzeuge, die – oft in Zeitnot auf dem Weg zur Arbeit – gnadenlos Lehrerparkplätze, Halteverbotszonen, Bushaltestellen und sogar Fahrradstellplätze zustellen, um „mal eben schnell“ ihre Kinder abzuladen – natürlich so nahe am Schulgebäude wie möglich.

„Die Lkw sind nicht das Problem“

Nachdem viel über den Schwerlastverkehr in dem Wohnviertel diskutiert wurde, schlugen die Schulleiter jetzt Alarm: Die Lkw seien gar nicht so schlimm. „Das wirkliche Problem sind die Elterntaxis“, sagt Dr. Dennis Draxler, Schulleiter des Leibniz-Gymnasiums.

Seine Kolleginnen Vera Gelissen von der Kreuz-Grundschule und Heike Raffalski von der benachbarten Johannes-Wulff-Förderschule stimmen ihm zu. Sie kämpfen seit Jahren gegen die Autoflut, die allmorgendlich auf die Schulen zuströmt.

Die Polizei kenne das Problem von vielen anderen Schulen, so Frank Wolff von der Direktion Verkehr. Wie Wanderprediger seien die Kollegen an Schulen unterwegs, sagt Polizeisprecher Peter Bandermann. Fortschritte gebe es wenige.

Hier bedeuten Elterntaxis eine Gefahr für Schüler von vier Schulen

Vertreter von Polizei und Stadt berieten mit Elternsprechern und Schulleitungen über Lösungsvorschläge. © Susanne Riese

Jetzt diskutierten Vertreter von Polizei, Stadt und Elternschaft die gefährliche Lage live im morgendlichen Elterntaxi-Chaos.

Rund die Hälfte der 305 Schüler der Kreuz-Grundschule werden mit dem Auto gebracht und abgeholt, schätzt Schulleiterin Gelissen. „Daraus ergibt sich ein Teufelskreis, denn selbst Familien, die in der Nähe wohnen, trauen sich nicht, ihre Kinder zu Fuß loszuschicken.“

Die Elterntaxis stehen auf dem Haltestreifen für die Busse der Förderschule und an den normalen Bushaltestellen. Sie fahren am Schulgebäude vorbei über einen schmalen Weg zum Lehrerparkplatz und verstopfen dort die Einfahrt und den Weg für die kleinen Schüler. In der morgendlichen Dämmerung sind riskante Wendemanöver zu beobachten. „Das ist hier morgens die Hölle“, bringt es Sabine Halsband, Elternvertreterin für die Grundschule und das Gymnasium, auf den Punkt.

Rückstau, Rangieren und Rücksichtslosigkeiten

Zum Leibniz reist ein Großteil der 940 Schüler mit dem ÖPNV an oder kommt mit dem Fahrrad. Doch auch dort sind fürsorgliche Eltern ein Ärgernis. „Sie fahren auf den Lehrerparkplatz und blockieren den Weg für Lehrerfahrzeuge.“ Dann stauen sich die Pkw über den Bürgersteig weit zurück auf die Straße.

Am Straßenrand halten minütlich Autos und spucken Schüler aus. „Da geht auch schnell mal eine Autotür auf“, sagt Dennis Draxler; eine heikle Sache für Radfahrer und Fußgänger.

Wobei die Kreuzstraße trotz des hohen Verkehrsaufkommens keinen Unfallschwerpunkt bildet, wie die Statistik der Polizei zeigt. Doch niemand will warten, bis etwas passiert. Deshalb suchten die Vertreter der Schulen jetzt gemeinsam mit den Verkehrsexperten der Polizei und dem Tief- und Ordnungsamt der Stadt nach Lösungen.

Folgende Maßnahmen wurden besprochen:

  • Die Verkehrswacht bildet 15 bis 20 Schüler des Gymnasiums und einige Eltern zu Verkehrshelfern aus, früher Schülerlotsen genannt. „In der Startphase würden wir die Helfer begleiten“, sagt Polizeihauptkommissar Frank Wolff. Dennis Draxler will nach den Herbstferien eine Liste mit Interessenten für den Job zusammenstellen. Im Idealfall könnten die Schülerlotsen dann nach der Ausbildung durch die Verkehrswacht noch in diesem Jahr starten.
    „Die Kombination aus Grund- und weiterführender Schule hier ist ideal“, sagt Wolff. Die älteren Schüler können Verantwortung übernehmen für die jüngeren. Und auf Eltern machten Appelle von Schülern erfahrungsgemäß wesentlich mehr Eindruck als ein Bußgeld.
  • Die Stadt prüft, ob die Einrichtung eines Zebrastreifens in Höhe der Förder- und Grundschule sowie im hinteren Abschnitt der Kreuzstraße möglich ist, obwohl das in Tempo-30-Zonen eigentlich nicht vorgesehen ist. Zebrastreifen würde zwar nicht gegen die Elterntaxis helfen. „Aber die Kinder kämen wenigstens sicher über die Straße“, sagt Elternvertreterin Sandra Königsmann.
  • Raser sind kein Problem in der Tempo-30-Zone. „Wie auch, hier kann man gar nicht schnell fahren“, sagt Elternvertreterin Königsmann. Trotzdem könnte ein zweites Dialogdisplay, das den Fahrern blinkend „Danke“ oder „Bitte langsam“ signalisiert, nicht schaden, meint Stadtsprecher Maximilian Löchter.
  • Eine neue Schranke vor der Einfahrt zum Förderschul-Lehrerparkplatz könnte die Einfahrt Unberechtigter verhindern.
  • Appelle an Eltern, auf den Taxidienst zur Schule zu verzichten, sollen anhalten und über E-Mail-Verteiler, Projekttage und auf Klassenversammlungen unermüdlich verbreitet werden.

Wer dennoch das Auto nutzt, soll die kleinen Passagiere abseits der Schule am Neuen Graben oder an der Kuithanstraße aussteigen lassen – dort gibt es einen geeigneten Parkplatz. An mehreren Stationen marschiert ein sogenannter „Walking Bus“ los, der die Kinder sicher ins Schulgebäude führt.

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