Ein städtischer Bericht listet auf, wo die meisten übergewichtigen Kinder wohnen. Body-Shaming auf Kosten des Steuerzahlers? Die ungewöhnliche Rangliste hat einen ernsten Hintergrund.

Dortmund

, 03.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Es ist eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Liste, die da im städtischen Sozialbericht zu finden ist - und sie hat einen ernsten Hintergrund: Die Tabelle zeigt, wie viel Prozent der Kinder in den einzelnen statistischen Unterbezirken Dortmunds übergewichtig sind. Die Zahl schwankt innerhalb der Stadt zwischen 4 und 25 Prozent. Bereits zum Zeitpunkt der Einschulung kommt Übergewicht in Dortmund wesentlich häufiger vor als im Landesdurchschnitt von NRW. Basis der Daten sind die Schuleingangsuntersuchungen des Gesundheitsamts.

Experten gehen davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen sozialem Status und Übergewicht gibt. Je niedriger der Status ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit von ungünstiger Ernährungsweise und mangelnder körperlicher Bewegung.

Den höchsten Anteil an übergewichtigen Kindern hat der Stadtteil Nette. Hier wiegt jeder vierte junge Bewohner (25,7 Prozent) zu viel – das ist das Doppelte des stadtweiten Durchschnitts (13,1 Prozent).

Bei vielen wichtigen Sozialdaten geht es für Nette abwärts - auch bei der Gesundheit

Warum Nette? Der Sozialbericht weist für den Stadtteil im Westen Dortmunds noch andere besorgniserregende Zahlen aus. Nette falle „negativ aus dem Rahmen“, heißt es an einer Stelle. Seit 2007 ist der Anteil an Transferleistungsempfängern um 800 gestiegen und liegt bei deutlich überdurchschnittlichen 26,8 Prozent. Der Anteil an Kindern unter 15 Jahren, die auf Transferleistungen angewiesen sind, lag bei der Erhebung 2017 sogar bei 44,8 Prozent. Vergleichbare Entwicklungen zeigen sich in Bövinghausen/Westrich, Jungferntal/Kirchlinde und Bodelschwingh/Westerfilde.

Insgesamt überschreiten 19 von 39 Unterbezirken bei der Quote der Kinder mit Übergewicht oder Adipositas den Durchschnitt für ganz Dortmund. Hinter Nette folgen Derne/Hostedde/Kirchderne/Grevel (21,9), Nordmarkt (19,8), Bövinghausen/Westrich (17,8) sowie Lindenhorst/Eving II (17,3), Deusen/Huckarde und Hörde (je 16,6).

Den niedrigsten Anteil an übergewichtigen Kindern gibt es im Bereich Höchsten/Holzen/Syburg mit 3,8 Prozent. Deutlich unterdurchschnittliche Werte gibt es auch im Unterbezirk Westfalenhalle (4,9), Brackel (6,4) und Menglinghausen (6,8).

In Dortmund gibt es rund 79.000 Menschen mit Übergewicht

Der dortmundweite Anteil an übergewichtigen Kindern ist gegenüber dem Sozialbericht von 2007 zwar von 13,4 auf 13,1 Prozent gesunken.

Die Zahlen sollen aufzeigen, wo es soziale Schieflagen gibt. Im Sozialbericht heißt es: „Einen starken Einfluss auf das Ess- und Bewegungsverhalten in der Familie haben neben genetischen insbesondere soziale und soziokulturelle Faktoren.“ Als Ursachen genannt werden „veränderte familiäre Strukturen, ethnische Zugehörigkeit oder ein niedriger sozialer Status“.

Es gibt bereits seit einigen Jahren pädagogische Einrichtungen und Projekte, die sich in Dortmund mit dem Thema Ernährung befassen. Die Prävention in Kindergärten und Schulen ist erklärtes Ziel des Gesundheitsamts. Es gibt einen Handlungsleitfaden für Schulen, um das Essen im Schulkiosk und in der Cafeteria gesünder zu machen. Auch verschiedene private Projekte haben sich diesem Ziel verschrieben.

Die Zahl der übergewichtigen Kinder bleibt auf hohem Niveau - besonders in sozial schwächeren Stadtteilen

Der Anteil an übergewichtigen Kindern in Dortmund ist laut dem Gesundheitsamt „weiterhin auf hohem Niveau“. Besonders hoch sind die Anteile in den sogenannten „Aktionsräumen“. Darunter werden 13 Gebiete zusammengefasst, in denen es einen hohen Anteil an Empfängern von staatlichen Leistungen sowie soziale Benachteiligung gibt. In 9 von 13 Aktionsräumen ist der Anteil höher als im Stadtschnitt.

Wer übergewichtig ist, riskiert nach Einschätzung der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung eine Reihe von Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems sowie orthopädischer und psychischer Erkrankungen. Besonders bei Kindern und Jugendlichen könne Übergewicht zu einer ernstzunehmenden Gesundheitsstörung werden, so die Bundeszentrale. Die Welt-Gesundheitsorganisation WHO bezeichnet Adipositas als das größte chronische Gesundheitsproblem.

Sozialbericht soll „Daten für Taten“ liefern

Übergewicht und Adipositas werden über den Body-Mass-Index (BMI) berechnet (Körpergewicht geteilt durch das Quadrat der Körpergröße). Bei Erwachsenen sprechen Experten ab einem BMI von 25 von Übergewicht, ab 30 von Adipositas (Fettsucht). Bei Kindern gibt es eine differenziertere Berechnung nach sogenannten Perzentilenkurven.

Der im April veröffentlichte Sozialbericht 2018 ist eine umfassende Zusammenstellung von Daten zu Bevölkerungszahl, -zusammensetzung, Erwerbstätigen, Transferleistungsempfängern sowie zur Situation von Jugendlichen, Behinderten und Geflüchteten.

Laut Sozialdezernentin Birgit Zoerner ist der Bericht „zentrale Grundlage zur zielgenauen Bekämpfung sozialer Ungleichheit“ und liefere „Daten für Taten“. Der bisher letzte Sozialbericht stammt aus dem Jahr 2007.

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