Hitlers Spionage-Chef als Namensgeber? Eine Entscheidung über die Canarisstraße naht

rnHistorischer Straßenname

Soll die Canarisstraße, die an den jüdischen Friedhof in Aplerbeck grenzt, umbenannt werden? Der vermeintliche Namensgeber ist höchst umstritten. Die Entscheidung fällt nächste Woche.

Aplerbeck

, 29.11.2018, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Widerstandkämpfer oder ein Feind des demokratischen Gedankens? Über die Rolle von Admiral Wilhelm Canaris in der deutschen Geschichte scheiden sich die Geister. In der Diskussion steht daher schon seit Jahren die Benennung der Canarisstraße in Aplerbeck. Die führt auf die Schweizer Allee und grenzt an den jüdischen Friedhof. Für viele Bürger ist das ein „No Go“.

Ist der hohe Offizier der Wehrmacht und Hitlers Spionage-Chef überhaupt der Namensgeber der Canarisstraße? Oder ist die Straße nach Carl Wilhelm Albert Canaris benannt? Dem Vater von Wilhelm, der Technischer Leiter der Aplerbecker Hütte war? „Genau lässt sich das wohl nicht mehr herausfinden“, sagt Bezirksbürgermeister Jürgen Schädel.

„Wir haben beim Stadtarchiv nachgefragt und dazu nichts Genaues herausgefunden“. Aber jetzt sollen Nägel mit Köpfen gemacht werden. Nachdem das Thema Canarisstraße schon 2009 in der Bezirksvertretung (BV) diskutiert worden war und die Entscheidung fiel, alles zu belassen, wie es sei, wird am Dienstag erneut über die Straße gesprochen. Sie soll ein Legendenschild erhalten, das auf Carl Wilhelm Albert Canaris hinweist und eben nicht auf seinen Sohn, den hohen Offizier Nazideutschlands.

Admiral Canaris war auch Widerstandskämpfer

Man darf gespannt sein, wie diesmal die Entscheidung der BV-Mitglieder ausfällt. Aber warum die Aufregung? Dass Admiral Canaris ein Widerstandskämpfer gewesen sei, das sei Fakt, so Dr. Georg Eggenstein, Vorsitzender des Aplerbecker Geschichtsvereins. Ebenso Fakt sei, dass Canaris aufgrund der Kontakte zum Widerstand verhaftet und Anfang April 1945 von einem SS-Standgericht im Konzentrationslager Flossenbürg zum Tode verurteilt und gehängt wurde.

Hitlers Spionage-Chef als Namensgeber? Eine Entscheidung über die Canarisstraße naht

Wilhelm Canaris war unter Hitler Geheimdienst-Chef, gehörte später aber auch zum Widerstand. © Bundesarchiv

Daneben tauchen immer wieder Gerüchte auf, dass Canaris an der Einführung des Judensterns in Deutschland beteiligt gewesen sei. „Das ist aber geschichtlich nicht zu belegen“, sagt Dr. Georg Eggenstein.

Teile der jüdischen Chabad-Bewegung hatten vor einiger Zeit sogar gefordert, Canaris die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ zu verleihen und den Namen an der Israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem zu verewigen, da Canaris wohl auch einigen jüdischen Bürgern zur Flucht verholfen hatte. Der Antrag wurde jedoch von der israelischen Gedenkstätte zurückgewiesen.

Der Grund: Man könne Canaris den Titel nicht verleihen, denn auch wenn er nicht eigenhändig Juden ermordet habe, trage er als Chef der Abwehr jedoch die Verantwortung für die Ermordung von Juden. Einheiten unter seinem Kommando seien aktiv an der Judenvernichtung beteiligt gewesen.

Straße grenzt an jüdischen Friedhof

Diese Meinung teilt auch der Düsseldorfer Politologe Konstantin Kasakov, der den Anstoß gegeben hat, noch einmal über den Straßennamen nachzudenken. „Die Initiative dazu kam durch eine Twitter-Meldung zum Todestag von Rommel“, sagt Kasakov. „Mich hat das geärgert und ich habe deshalb mal online geschaut, ob es in der Region noch Straßen gibt, die nach Rommel benannt sind und bin auf die Canarisstraße gestoßen.“ Und schlimmer sei, dass ja an diese Straße noch ein jüdischer Friedhof grenze.

Bei Canaris sei es so eine ähnliche Situation wie bei Rommel. „Viele sagen, der war gar nicht so schlimm, der war ja im Widerstand. Aber Fakt ist eben, dass beide Schlüsselfiguren eines verbrecherischen Regimes waren“, sagt Kasakov. „Auch zahlreiche Sozialdemokraten fielen diesem System zum Opfer.“ Kasakov hat daraufhin unter anderem die SPD-regierten Städte Duisburg, Hannover und Dortmund sowie alle anderen Städte mit Canarisstraßen angeschrieben und gefragt, wie sie mit der Problematik umgingen. Geantwortet haben nur die SPD in Duisburg und die in Dortmund.

„Die SPD in Duisburg hat mir geantwortet, dass es zu teuer und zu umständlich sei, den Straßennamen zu ändern“, sagt Kasakov. Die Dortmunder SPD habe geantwortet, dass man klären wolle, ob die Straße nicht nach dem Vater von Wilhelm Canaris, Carl Canaris benannt worden sei. Um aber allen Ungereimtheiten über die Namensgebung der Straße aus dem Weg zu gehen, soll diese jetzt folgendes Legendenschild erhalten:

Canarisstraße

Carl Wilhelm Albert Canaris (1852-1904)

Bergbauingenieur und Industrieller technischer Leiter der Aplerbecker Hütte.

Falls die Mitglieder der Bezirksvertretung in Aplerbeck in ihrer Sitzung am Dienstag (4.12.), neun Jahre nach dem ersten Versuch, die Straße nach Carl Canaris zu benennen, diesmal mehrheitlich dafür plädieren und den Namen Wilhelm Canaris endgültig zu den Akten legen.

„Wir wollen die Straße nach Carl Canaris benannt wissen“, sagt Bezirksbürgermeister Jürgen Schädel stellvertretend für die SPD-Fraktion. „Wir könnten uns das gut so vorstellen“. Egal, wie die Abstimmung der Mitglieder der Bezirksvertretung Aplerbeck auch lauten wird – auf die Anwohner der Canarisstraße kommen keine Kosten zu. Denn Anschrift und der Straßenname bleiben auf jeden Fall.

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