Im Sommer 2018 wurden schicke Pläne zur Neugestaltung des Gebäudekomplexes Hannibal II vorgestellt. Die sind nun Geschichte - und die Zukunft des riesigen Dortmunder Hochhauses ist offen.

Dortmund

, 31.05.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Sommer 2018 schien für den Hannibal II in Dorstfeld eine vernünftige Zukunft in Reichweite zu kommen. Rund ein Jahr lang war zuvor alles eine einzige Katastrophe gewesen.

So lange stand der 28.000 Quadratmeter große Wohnkomplex, der aus acht Hochhäusern mit insgesamt 412 Wohnungen besteht, schon leer. Die Stadt Dortmund hatte das Gebäude wegen erheblicher Brandschutzmängel im September 2017 räumen lassen. 753 Menschen verloren innerhalb von Stunden ihre Wohnungen.

Der Hannibal-Besitzer Intown, ein unübersichtliches Firmenkonstrukt aus Israel, hatte nach der Räumung deren Notwendigkeit angezweifelt und dagegen geklagt. Und ansonsten wenig getan, um die nun wohnungslosen Mieter zu unterstützen. Die kamen in Notunterkünften unter, bei Freunden und Verwandten. Die Stadt Dortmund hatte einen Krisenstab eingerichtet – und hat Millionen ausgegeben, um das alles koordiniert zu bekommen.

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Dann aber, am 14. August 2018, stellten Stadt und Intown konkrete Sanierungspläne für den 1975 von der Dogewo erbauten Hannibal vor. Das Unternehmen hatte zuvor den städtischen Baudezernenten Ludger Wilde über die Pläne informiert – und überließ es dann dem städtischen Spitzenbeamten, Einzelheiten vorzustellen.

Wohnungszuschnitte sollten verändert, der Eingangsbereich von der West- auf die Ostseite verlegt werden. Und das komplette Erdgeschoss, in dem Wohnungen untergebracht sind, sollte quasi eine Ladenzeile werden. Von einem Cafè war die Rede, einem Fahrraddienstleister, einem Waschsalon... Es hörte sich alles ganz wunderbar an. Oder, wie es Dezernent Wilde formulierte: „Das klingt spannend.“

„Es klingt eher positiv“

Intown-Sprecher Robert Döring, damals auch in Dortmund dabei, war zurückhaltender. Zwar hatte sein Chef Sascha Hettrich, der damalige Geschäftsführer von Intown, die erstaunlichen Pläne dem Dortmunder Dezernenten vorgestellt. Bei der anschließenden Pressekonferenz wollte Sprecher Döring aber keine Einzelheiten erläutern.

„Wir nennen noch keine Details, solange uns keine Baugenehmigung vorliegt“, sagte der Sprecher damals auf Nachfrage. Skeptisch zeigte sich indes der Mieterverein. Dessen Geschäftsführer Rainer Stücker sagte damals unserer Zeitung: „Wir kennen die Qualität der Pläne nicht. Es klingt eher positiv. Die Frage ist aber: Werden sie auch realisiert werden?“

Kein Wort mehr von den schicken Plänen im Bauantrag

Sie werden, so viel steht heute fest, nicht realisiert werden. Nach Recherchen dieser Redaktion hat das Unternehmen inzwischen Abstand davon genommen, den Hannibal II so zu modernisieren, wie es angekündigt worden war.

Ein Bauantrag für die Modernisierung, der ursprünlich Ende 2018 bei der Stadt eingehen sollte, ging Mitte April 2019 bei der Stadt ein. Er entsprach formell nicht den Maßstäben, die ein Bauantrag haben soll – und wurde von der Stadt zurückgewiesen.

Intown begründet das mit der zum Jahreswechsel gültig gewordenen neuen Landesbauverordnung, durch die „auch eine Vielzahl von Bauantragsformularen geändert“ worden sein. Der Antrag, so sieht es Intown, sei weiterhin gültig.

In diesem Bauantrag ist von den schmucken Plänen aus dem Sommer 2018 de facto nichts mehr übrig. Keine Rede mehr ist darin von Wohnungs- oder Eingangsbereichänderungen, von Café oder Waschsalon. Die Frage, ob sich das Unternehmen von den damaligen Plänen verabschiedet habe, beantwortet Intown wie folgt: „Ja.“

Weiter heißt es: „Im Interesse einer für die Mieterschaft tragbaren Miete sind die ursprünglichen Planungen und Konzeptideen weiter detailliert worden.“

„Schaumschlägerei“

Für den Sprecher des Dortmunder Mietervereins, Dr. Tobias Scholz, sind die Pläne aus dem Sommer 2018 damit „Schaumschlägerei, die lediglich dazu diente, Stadt und Öffentlichkeit zu blenden“. Mit dem Wissen von heute könne man sich jetzt auch erklären, warum sich Intown damals geweigert habe, die Pläne öffentlich zu machen.

Jetzt sei weiterhin komplett offen, was überhaupt mit dem Hannibal II passiere. Denkbar ist für Scholz auch ein Verkauf des Hannibals, wenn denn der Bauantrag formgerecht eingereicht wird und die Stadt ihm stattgibt. „Mit einem genehmigten Bauantrag, der den Brandschutz regelt, lässt sich das Gebäude viel leichter verkaufen als ohne“, so Scholz.

Zwar hatte Sascha Hettrich in seiner Funktion als Geschäftsführer in der Vergangenheit mehrfach öffentlich betont, dass sein Unternehmen ein Bestandshalter sei und nicht verkaufe. Doch auch das ist mittlerweile Makulatur: Inzwischen hat sich Intown von weiteren hochproblematischen Immobilienbeständen in Hannover und Schwerin getrennt.

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Als der Hannibal II im September 2017 zwangsgeräumt wurde, war der Gebäudekomplex wirtschaftlich mit weiteren Immobilien in Meckenheim, Duisburg und Wuppertal durch einen Kredit verbunden: 17,6 Millionen Euro bei der Berliner Hyp. Wäre die den Hannibal besitzende Intown-Tochter Lütticher 49 Properties damals in die Insolvenz geschickt worden, wären damit vermutlich auch die weiteren Immobilienstandorte verloren gewesen.

Doch die millionenschwere Grundschuld ist laut Grundbuch im Mai 2018, kurz nach Verkündigung der hochtrabenden Pläne, komplett getilgt worden. Warum das damals geschah, will Sprecher Döring nicht erläutern: „Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir zu dieser Frage keine Stellung nehmen werden.“

Mit einem Millionenkredit im Grundbuch wäre der Hannibal, so viel kann man wohl sagen, ebenfalls unverkäuflich.

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