Hochzeit und Galgenhumor – Deniz Yücel erzählt in Dortmund von seiner Zeit im Gefängnis

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Deniz Yücels Inhaftierung wurde zum Politikum und verschlechterte die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei. Am Freitagabend erzählte er im Dietrich-Keuning-Haus davon.

Dortmund

, 30.11.2019, 15:34 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Saal des Dietrich-Keuning-Hauses ist am Freitagabend voll mit Menschen. Sie sind gekommen, um dem Journalisten Deniz Yücel zuzuhören, der wegen der Ausübung seines Berufs zum „Spielball internationaler Politik" geworden ist, wie er selbst sagt. Rund 800 Zuschauer sind es nach Angaben des Moderators Aladin El-Mafaalani. Das seien so viele wie noch nie beim „Talk im DHK". Wobei Talk in diesem Zusammenhang eigentlich das falsche Wort ist. Ein wirkliches Gespräch gibt es nicht. Was aber in diesem Fall überhaupt nicht schlimm ist - im Gegenteil.

Denn Deniz Yücel erzählt einfach und beginnt damit direkt, als er auf der Bühne Platz nimmt. Aladin El-Mafaalani merkt belustigt an, dass es ihn heute eigentlich gar nicht brauche. Er soll recht behalten. Deniz Yücel, der Mann, der 2017 zum Politikum wurde, braucht keinen Moderator.

Der Türkei-Korrespondent der Tageszeitung „Welt“ wurde 2017 in Istanbul festgenommen. Wegen seiner Berichterstattung über den E-Mail-Leak linksgerichteter türkischer Hacker wurde dem heute 46-Jährigen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Datenmissbrauch und „Terrorpropaganda“ vorgeworfen.

367 Tage saß er in Untersuchungshaft - neun Monate davon in Isolationshaft. Im Gefängnis arbeitete er weiter, verfasste Texte und schmuggelte sie nach draußen. „Ich war getrieben vom unbedingten Willen, zu zeigen: Ihr kriegt mich nicht klein."

Seine Lesereise ist eine Dankestour

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bezeichnete den Journalisten als „Agentterrorist". Diesen Titel trägt auch Yücels Buch, das er am Freitagabend eigentlich vorstellen möchte. Darin beschreibt er seine Zeit im Gefängnis und die Umstände seiner Inhaftierung. Schlussendlich liest er nur ein Kapitel vor. Es ist das über seine Heirat im Gefängnis.

Hochzeit und Galgenhumor – Deniz Yücel erzählt in Dortmund von seiner Zeit im Gefängnis

In seinem Buch beschreibt Yücel seine Zeit im Gefängnis und die Umstände seiner Inhaftierung. © Schaper

Ein besonderer Moment, nicht nur, weil es seine Hochzeit war, sondern auch, weil er ihm neue Hoffnung in der Tristesse des Gefängnisalltags eingehaucht habe. Genauso wie der Zuspruch aus Deutschland. Seine Lesereise sei auch so etwas wie eine Dankestour für die Anteilnahme und Solidarität, die ihm entgegengebracht wurde, sagt Yücel.

Zu wissen, dass er nicht vergessen wird, habe ihm geholfen, die Einsamkeit der Einzelhaft durchzustehen, erzählt er. Offensichtlich ist es aber auch sein Galgenhumor. „Nur alleine auf den Sportplatz zu dürfen, weil ich keinen Kontakt zu anderen Häftlingen haben durfte, hatte auch seine Vorteile. Ich habe immer gewonnen."

Yücels Erzählungen sind ein Plädoyer für den Rechtsstaat

Immer wieder muss das Publikum deswegen lachen, aber auch weil der Umgang der Türkei im Fall Yücels an Absurdität nicht zu überbieten ist, weil der Zustand der Justiz und die Einflussnahme der Regierung so fernab dessen ist, was in Deutschland selbstverständlich ist. Seine Erzählungen sind ein Plädoyer für den Rechtsstaat.

Den gibt es in der Türkei aktuell nicht. Immer noch sitzen zahlreiche Journalisten im Gefängnis. Dass er ins Visier des türkischen Staatsapparates geraten würde, sei für ihn abzusehen gewesen, sagt er. Schon einige Wochen vorher seien Journalisten busseweise verhaftet worden. „Es wäre falsch gewesen, zu gehen. Es ist unsere Aufgabe als Journalisten, den Mächtigen auf die Finger zu schauen", sagt Yücel. Im Gefängnis hätten so viele gute Journalisten gesessen. „Wir hätten die beste Zeitung der Türkei machen können."

Verhaftungen seien in der Türkei die höchste Form der Auszeichnung für Journalisten, ergänzt er sarkastisch. „Werden Journalistenpreise in Deutschland eher selten vergeben, sind sie in der Türkei damit sehr großzügig."

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