Es sind nicht nur Frische und Regionalität, die die Städter in die Hofläden locken. Es ist auch das ganz besondere Flair beim Einkauf. Wie auf dem Hof Mertin in Dortmund-Grevel.

Dortmund

, 19.05.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist trubelig an diesem Morgen. Auf dem Hof Mertin an der Bönninghauser Straße in Grevel fahren die Autos im Minutentakt vor. „Der Erdbeerkuchen ist gleich weg. Wir brauchen Nachschub“, ruft Bettina Höfer hinter der Theke. „Ich geb‘s weiter“, sagt Agnes Mertin. Zwar hat die 66-Jährige zum Jahreswechsel die Verantwortung für den Hofladen an ihre Schwiegertochter Kristina (27) abgegeben, ganz raushalten will sie sich dennoch nicht. „Ich packe gerne mit an, wenn ich gebraucht werde.“ Schließlich waren es sie und ihr Mann, die das Geschäft, das an einen Tante-Emma-Laden erinnert, vor gut 20 Jahren eröffnet haben.

Hof Mertin in Dortmund-Grevel: So schön kauft es sich auf dem Bauernhof ein

So sieht der Hofladen auf dem Hof Mertin aus. © Christin Mols

Der Grundstein für den Hof Mertin war im 17. Jahrhundert gelegt worden. „Jede Generation hat den Hof anders geprägt“, erzählt Agnes Mertin. Ihre Schwiegereltern seien damals noch komplette Selbstversorger gewesen. Es gab Schweine, Rinder, Geflügel, Gemüse und eine große Obstwiese. Es wurde vieles eingeweckt – „einen Supermarkt brauchte man nicht“. 1980 heiratete die Landwirtin in die Familie Mertin ein, „wir hatten einen Ackerbaubetrieb mit Bullenmast“.

Erdbeeren, Äpfel, Himbeeren, Pflaumen und Kürbisse

Um 1995 kam die Idee des Erdbeeranbaus. Angestoßen durch Agnes Mertins Bruder, der bereits Erdbeeren im Münsterland anbaute. Da man die Bullenmast aufgrund der nahen Wohnbebauung ohnehin nicht hätte erweitern werden können, setzte man fortan auf den Obstanbau und begann auch mit dem Direktverkauf vor Ort. Heute gibt es auf dem Hof Mertin neben Erdbeeren, für die die Familie in der ganzen Region bekannt ist, auch Äpfel, Himbeeren, Pflaumen und Kürbisse zu kaufen.

Hof Mertin in Dortmund-Grevel: So schön kauft es sich auf dem Bauernhof ein

Agnes Mertin (66) hat vor über 20 Jahren die Initiative ergriffen und auf Anraten ihres Bruders den Erdbeeranbau auf dem Hof Mertin vorangetrieben. © Christin Mols

Der Hofladen hat aber weitaus mehr zu bieten. Kunden erfreuen sich an frischen Kuchen, Marmeladen und Fruchtsäften aus eigener Produktion sowie Eiern, Milchprodukten, Wurstwaren, Brot und einer großen Auswahl Weckgläsern mit Eintöpfen und Eingemachtem, die die Familie von anderen Hofläden in der Region zukauft. „Es ist wichtig, dass die Hofläden zusammen- und nicht gegeneinander arbeiten. Unser Brot kommt zum Beispiel von Fischer-Haumann aus Asseln. Dafür bekommen sie von uns Obst.“

Hof Mertin in Dortmund-Grevel: So schön kauft es sich auf dem Bauernhof ein

Was nicht auf dem Hof erzeugt wird, kommt von anderen Hofläden in der Region. © Christin Mols

Im Hofladen herrscht eine besondere Atmosphäre

„Kartoffeln, Äpfel, Erdbeeren und Eier – die hole ich immer hier“, sagt Stammkunde Klaus Blume, „und ab und an gönne ich mir auch ein leckeres Stück Kuchen“. Der Scharnhorster legt großen Wert auf regionale Produkte. „Hier weiß ich, was ich bekomme.“ Neben der Frische und der Güteklasse der Produkte wisse er die besondere Atmosphäre im Laden zu schätzen. „Wir haben immer ein offenes Ohr für unsere Kunden, deswegen dauert es an der Kasse auch manchmal ein bisschen länger“, lacht Bettina Höfer, die seit zehn Jahren Verkäuferin im Greveler Hofladen ist. „Es ist ein bisschen wie in meiner Kindheit, als ich mit dem Kaufladen gespielt habe“, sagt die 52-Jährige trotz des Trubels im Laden sichtlich zufrieden.

Hof Mertin in Dortmund-Grevel: So schön kauft es sich auf dem Bauernhof ein

Auf dem Hof Mertin werden Marmeladen selbst hergestellt. © Christin Mols

Erst kürzlich ist der Hofladen renoviert worden. Seit Söhnchen Julius (1) auf der Welt ist, wünscht sich Chefin Kristina Mertin, dass auch Kunden mit Kinderwagen auf den etwa 40 Quadratmetern genügend Platz beim Einkauf haben. Der Charme eines Tante-Emma-Ladens wurde beihalten, „es wirkt sehr familiär, das war mir wichtig“.

Hof Mertin in Dortmund-Grevel: So schön kauft es sich auf dem Bauernhof ein

Seit Anfang des Jahres 2019 ist Kristina Mertin die Chefin im Hofladen. Söhnchen Julius ist ein Jahr alt. © Peter Bandermann

Leider machten die Supermärkte mit ihren niedrigen Preisen den Hofläden das Leben schwer, sagt Kristina Mertin. „Aber wir versuchen die Kunden mit unserem Frische-Vorteil zu überzeugen.“ Die Produktionskosten für Erdbeeren seien in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, sagt Agnes Mertin. Das liegt nicht nur an den gestiegenen Lohnkosten und hohen EU-Auflagen.

Hummelvölker zur Bestäubung

Der moderne Erdbeeranbau ist eine kostspielige Sache. Damit es auch schon vor Juni köstliche rote Früchte zu ernten gibt, werden bestimmte Sorten in Folientunneln – geschützt vor Bodenfrost und Witterung – angebaut. Hummelvölker bestäuben die Pflanzen, „denn die fliegen im Gegensatz zu Bienen auch bei unter 10 Grad Celsius“, erklärt Friedrich Mertin (37), der nach dem Tod seines Vater 2012 früh in die Verantwortung für den Familienbetrieb kam.

Hof Mertin in Dortmund-Grevel: So schön kauft es sich auf dem Bauernhof ein

Der Hof Mertin von oben. Auffällig sind die weißen Folientunnel für die Erdbeeren, unten im Bild sieht man Apfelbäume. © Peter Bandermann

Agnes Mertin findet es wichtig, dass die Menschen mit dem Besuch des Hofladens wieder etwas mehr Bezug zur Landwirtschaft bekommen. Sie berichtet, dass manchmal Eltern mit ihren Kindern kämen und fragten, ob sie zu den Kühen in den Stall gehen könnten, denn schließlich sei es ja gut, den Kindern mal zu zeigen, wo die Milch herkommt. Wenn Agnes Mertins dann erklären muss, dass im Stall doch aber Bullen stehen, kann sie innerlich nur mit dem Köpf schütteln.

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Sie würde sich wünschen, dass mehr Kunden über das ganze Jahr kommen würden. „Es gibt die typischen Spargelkunden und die typischen Erdbeerkunden. Die kommen nur zu gewissen Zeiten im Jahr, sonst nicht.“ Am Kaufverhalten der jungen Leute erkenne sie, dass Einkaufen in Hofläden zwar aktuell ein großer Trend sei. Die meisten hätten aber unter der Woche kaum Zeit und kämen häufiger am Wochenende. Grundsätzlich sei sie aber sehr zufrieden mit der Entwicklung des Hofladens, der ihr schon vor 20 Jahren „wahnsinnig viel Freunde“ bereitete.

Der Hofladen Mertin, Bönninghauser Straße 5, hat ganzjährig geöffnet – im Januar und Februar allerdings nur an den Wochenenden (Fr. 9-18 Uhr, Sa. 9-16 Uhr). Von März bis Dezember ist der Laden montags bis freitags von 9-18 Uhr und samstags von 9-16 Uhr geöffnet.
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