Tierschützer der Arche90 retteten vier Hunde aus einer Messie-Wohnung in Dortmund-Hörde. Sie hatten ein Jahr lang kein Tageslicht gesehen. Aber nicht nur die Tiere brauchten Hilfe.

Dortmund

, 26.06.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Helfer der Dortmunder Tierschutzorganisation Arche90 treffen bei ihren Einsätzen immer häufiger auf Menschen mit Verwahrlosungstendenzen. „In den vergangenen drei Wochen haben wir zehn Hunde aus Wohnungen geholt. Alle Fälle waren gleich. Sie gingen einher mit massiver Verwahrlosung der Tierhalter“, berichtet Arche-Sprecherin Gaby Bayer.

Auf einen besonders krassen Fall stieß das Arche-Team am vergangenen Freitagabend. Eine 19-jährige Frau hatte um Hilfe gebeten. Ihre alleinlebende Mutter könne sich nicht mehr um die zwei Hunde in ihrer Wohnung kümmern.

Geruch von Kot und Urin

Im Flur des Mehrfamilienhauses in Hörde empfing die Helfer der Geruch von Urin und Kot. „Dementsprechend sah die Wohnung aus“, sagt Gaby Bayer. „Man konnte keinen Schritt machen, ohne in Müll, alte Kleidung und Lebensmittelreste, Urin und Kot zu treten, der seit Monaten nicht mehr weggemacht worden war.“ Die Rollläden waren heruntergelassen, der Strom war abgeschaltet.

In der Wohnung stand eine weinende, magere, ungepflegte Frau, die sagte, sie könne nicht mehr. Die 50-Jährige lebte in all dem Dreck mit ihren Hunden. Cue (Malteser-Mischling) und Bonny (Jack-Russel-Mischling) hatten zwar genug zu fressen – sie ernährten sich wohl vorwiegend von den Resten aus den zahlreichen Pizzakartons, vermutet Bayer. Doch während ihr Frauchen tagsüber in einer Tankstelle arbeitete, hatten die beiden zwei und zweieinhalb Jahre alten Hunde laut Arche90 seit einem Jahr kein Tageslicht mehr gesehen. Ihr Geschäft verrichteten sie in der Wohnung.

Zwei weitere Hunde

Zudem stellte sich heraus, dass die beiden Hunde Nachwuchs bekommen hatten, der auch im Haushalt lebte. Die sieben Monate alten Welpen „Johnson“ und „Peppi“ waren noch nie vor der Tür.

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Verwahrloste Wohnung

Die Tierschutzorganisation holte vier Hunde aus einer verwahrlosten Wohnung in Hörde. Die Halterin war mit ihrem Leben überfordert. Arche90 hat den Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt eingeschaltet..
26.06.2018
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Die Tierschutzorganisation Arche90 holte am Freitag vier Hunde aus einer Messie-Wohnung in Hörde. Die Halterin war mit den Tieren und mit ihrem Leben überfordert. Arche90 hat den Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt eingeschaltet.© Arche90
Die Tierschutzorganisation Arche90 holte am Freitag vier Hunde aus einer Messie-Wohnung in Hörde. Die Halterin war mit den Tieren und mit ihrem Leben überfordert. Arche90 hat den Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt eingeschaltet.© Foto Arche90
Die Tierschutzorganisation Arche90 holte am Freitag vier Hunde aus einer Messie-Wohnung in Hörde. Die Halterin war mit den Tieren und mit ihrem Leben überfordert. Arche90 hat den Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt eingeschaltet.© Foto Arche90
Einer der vier Hunde, ein Jungtier, in der verwahrlosten Wohnung.© Arche90
Malteser-Mischling Cue hat laut geschrien, als Arche-Helfer mit ihm auf die Straße traten. Die Reizüberflutung war nach einem Jahr ohne Tageslicht und Auslauf zuviel für ihn. © Foto Arche90
Zwei der Hunde in der verwahrlosten Wohnung.© Foto Arche90

Für das Arche-Team war schnell klar: Hier brauchen nicht nur die Tiere Hilfe. Am Montag hat Arche90 den Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt eingeschaltet, nicht das erste Mal in den letzten Monaten. Bayer: „Tierschutz muss auch Menschenschutz sein.“

Von Reizen überflutet

Die vier Hunde überließ die Frau der Arche. Als Folge der langen Isolation im Dunkeln schrie Malteser-Mischling Cue fürchterlich, als die Helfer mit ihm auf die Straße traten. „Er war einfach völlig überflutet von den Reizen“, erzählt Gaby Bayer. „Diese Schreie werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“ Seit 1990 fährt sie Einsätze für Arche90 und dachte, sie hätte schon alles gesehen. „Aber diese Situation hat selbst mich geschockt“, sagt sie.

In den Augen von Bayer ist angesichts der Verwahrlosungstendenzen die Politik gefragt: „Das sind unsere vergessenen Menschen. Sie brauchen dringend Hilfe von Fachleuten.“ Stadtsprecherin Katrin Pinetzki bestätigt auf Anfrage, dass sich die Fälle von Verwahrlosung auch aus Sicht des Sozialpsychiatrischen Dienstes häufen – mit und ohne Tiere.

Arche90 hat die Elterntiere vorläufig in einer Tierpension untergebracht. Um die Welpen kümmert sich ein anderer Tierschutzverein. Wer sich für die Hunde interessiert, kann eine Nachricht mit Angabe von Name und Telefonnummer auf dem Info-Band der Arche hinterlassen (Tel: 0231 – 87 53 97) oder eine Mail an info@arche90 schreiben. Die Hunde sind weder Alltagseindrücke gewohnt noch stubenrein. Die Arche sucht dringend weitere Helfer und Pflegestellen. www.arche90.de
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