Hunderte Dortmunder stehen vor einem „brandgefährlichen“ Winter

rnArmut in Dortmund

Die Frage, wo sich wohnungslose Menschen im Herbst und Winter aufhalten und wo sie übernachten können, ist in diesem Jahr dringlicher denn je. Viele sind in Sorge. Doch es gibt Hoffnung.

Dortmund

, 09.10.2020, 14:10 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist eine positive Nachricht, die Anfang Oktober von der Diakonie in Dortmund gesendet worden ist. Im Wichernhaus in der Nordstadt können sich Wohnungslose seitdem wieder tagsüber aufhalten.

Organisiert wird dies vom Team des Brückentreffs der Diakonie. Bis zu 20 Gäste dürfen sich in den Räumen an der Stollenstraße gleichzeitig aufhalten. Das ist erstmals seit März möglich, als wegen der Corona-Pandemie alle Treffpunkte geschlossen wurden und bis heute größtenteils noch nicht wiedereröffnet sind.

Wohnungslose bekommen einen geschützten Raum zurück

„Für die Menschen, die sich auch während der Pandemie täglich an uns wenden, ist ein geschützter Ort, an dem sie sich aufhalten können, sehr wichtig. Deswegen freuen wir uns nun sehr, dass wir in Dortmund wieder einen Aufenthaltsraum anbieten können“, sagt Thomas Bohne, Leiter der ambulanten Wohnungslosenhilfe der Diakonie.

Der Treff im wohl auch langfristig nicht mehr für Kulturveranstaltungen nutzbaren Wichernhaus gibt zumindest einem Teil der Dortmunder Wohnungslosen ein Stück Tagesstruktur zurück.

Tagesstruktur ist zusammengebrochen - mit schwer wiegenden Folgen

Denn die Tatsache, dass Obdachlosigkeit in Dortmund sichtbarer geworden ist, geht auf den Zusammenbruch der bis März gewohnten Strukturen zurück. Das beginnt bei den geschlossenen öffentlichen Toiletten und reicht bis zur Situation, dass Menschen aktuell eine Stunde vor dem Gast-Haus an der Rheinischen Straße für eine Tüte mit Brot anstehen müssen.

Ein Mensch ohne festen Wohnsitz hat sein Lager vor einem Kiosk in Dortmund aufgeschlagen.

Ein Mensch ohne festen Wohnsitz hat sein Lager vor einem Kiosk in Dortmund aufgeschlagen. Die Zahl dieser Schlaflager in der Öffentlichkeit hat in der Dortmunder Innenstadt zugenommen. © Felix Guth

Was die Übernachtungsstellen für Wohnungslose angeht, waren schon vor der Corona-Krise viele Veränderungen angestoßen worden. Bereits 2018 hatte die Stadtverwaltung das Konzept gegen Wohnungslosigkeit an steigende Zahlen angepasst.

Netz der Übernachtungsstellen ist auf dem Vor-Corona-Stand

Die Männerübernachtungsstelle an der Unionstraße ist vergrößert worden. Die Unterkunft für Frauen ist kürzlich in neue Räume an der Nortkirchenstraße in Hörde umgezogen.

Im Stadtteil Barop wird die neue Notschlafstelle für junge Erwachsene entstehen und damit die stark frequentierte Einrichtung „Sleep In“ in Körne entlasten. Betreiber wird das Unternehmen European Homecare sein.

Jetzt lesen

Allerdings gibt es nach wie vor eine große Zahl an Menschen, die keinen Zugang zu den Übernachtungsstellen haben. Dies ist etwa dann der Fall, wenn eine Stadt außerhalb Dortmunds als letzter Wohnsitz angegeben ist. Denn die Kosten für eine Übernachtung müssen über das Sozialamt abgewickelt werden. Oder die Wohnungslosen müssen sie selbst tragen.

Jetzt lesen

Bodo Pütter vom Verein Bodo sagt: „Wir behandeln das Thema nicht symptomatisch, sodass jeder, der auf der Straße lebt, auch ein Bett bekommt, sondern nach Kostenträgern. Das führt dazu, dass Einrichtungen oft nicht voll sind, weil der Zugang nicht zur Verfügung steht.“

Winter ist für viele Menschen auf der Straße „brandgefährlich“

Der nahende Winter sei für Menschen auf der Straße „brandgefährlich“, so Pütter. Denn der Gesamtzustand, in dem die Wohnungslosen in die kalte Jahreszeit gehen, sei schlechter als ohnehin schon.

Jetzt lesen

In einer Art öffentlichem Hilferuf hatten mehrere Initiativen und Vereine zuletzt auf die Dringlichkeit des Problems hingewiesen. Offenbar mit Erfolg: Der Stadtrat hat am Donnerstag (8.10.) die Einrichtung einer provisorischen Zelt-Lösung für die Essenausgabe und als Tagesaufenthalt beschlossen.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt