„Ich bin dankbar, dass ich dieses Tier erlegen durfte“

rnFrauen in der Männerdomäne Jagd

Christa, Lisa und Viviana stehen für zwei Generationen von Jägerinnen, die sich nichts bieten lassen - weder von männlichen Jägern noch von Gegnern der Jagd.

Dortmund

, 22.12.2019, 08:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Christa Bentlage musste, als sie ihren Jagdschein machte, immer ein bisschen besser sein als die anderen. Immer etwas mehr leisten - und sich viele dumme Sprüche anhören. Denn die anderen, das waren zu 99 Prozent Männer. Männer, die fanden, dass sich eine Frau bei der Jagd erstmal beweisen muss.

„Frauen in Jagdkursen, das war damals noch absolut exotisch“, erzählt die heute 72-Jährige. Damals heißt vor fast 50 Jahren, im Jahr 1972.

Die Kirchdernerin ist mit der Jagd groß geworden, schon im Kindergartenalter nahmen ihre Eltern sie und ihre Schwestern mit. Einen Sohn gab es nicht in der Familie, also machte ihre ältere Schwester als erste einen Jagdschein. Christa zog einige Jahre später nach.

„Die Männer fühlten sich von den Frauen im Kurs kontrolliert“, vermutet Christa. „Plötzlich waren sie nicht mehr unter sich.“ Seit Jahrzehnten pachten Christa und ihr Mann das Jagdgebiet in Kirchderne. Wenn Jagdsaison ist, laden sie befreundete Jäger in ihr Revier ein. „Trotzdem wollte ein Bekannter mir einmal vorschreiben, wo ich hingehen darf und wohin nicht - in meinem eigenen Gebiet.“

Immer mehr Frauen werden Jägerinnen

Sie schätzt, dass damals nur ein Prozent der Jungjäger Frauen waren. Laut dem Deutschen Jagdverband sind mittlerweile fast ein Viertel der angehenden Jäger weiblich.

Die dummen Sprüche kennen Lisa und Viviana Voss trotzdem noch. Genau wie Christa Bentlage sind die Schwestern mit der Jagd groß geworden, wann immer es ging, nahmen ihre Eltern sie mit. Vor zwei Jahren machten die beiden den Jagdschein.

„Ich wurde einmal gefragt, ob meine Waffe überhaupt schießen kann“, erzählt Lisa, 24 Jahre alt. „Die sehen uns und fragen sich ‚Kann die denn überhaupt mit anpacken?‘“, erzählt Viviana. Die 22-Jährige glaubt aber auch, dass es einen Wandel gibt. Dass mehr Frauen Jägerinnen werden - und weniger Männer ein Problem damit haben.

Bei der Jagd geht es auch um den Respekt vorm Tier

Die drei Frauen müssen sich jedoch nicht nur in der Männerdomäne Jagd durchsetzen. Die drei Frauen wurden nicht nur mit der Jagd groß - sondern auch mit der Ablehnung und dem Unverständnis, das viele Menschen der Jagd entgegenbringen.

Die drei Frauen gehen seit vielen Jahren gemeinsam auf die Jagd. Seit zwei Jahren haben auch Viviana (Mitte) und Lisa (links) einen Jagdschein.

Die drei Frauen gehen seit vielen Jahren gemeinsam auf die Jagd. Seit zwei Jahren haben auch Viviana (Mitte) und Lisa (links) einen Jagdschein. © Marie Ahlers

Doch für die Frauen geht es bei der Jagd nicht um den Spaß am Töten. Mit der Jagd verbinden sie Traditionen, Naturverbundenheit und - so paradox es klingt - Respekt vorm Tier.

Wenn Jäger ein Tier geschossen haben, gehen sie danach nicht einfach zum nächsten Tier über, erklärt Christa, sondern halten einen Moment inne. Viviana erzählt von Ritualen wie dem letzten Bissen, ein Zweig, der dem toten Tier ins Maul gelegt wird. Rituale wie dieses sollen auch eine Wertschätzung zum Ausdruck bringen. „Ich zeige: Ich bin dankbar, dass ich dieses Tier erlegen durfte“, sagt Viviana.

Jagd als Möglichkeit, nachhaltig Fleisch zu konsumieren

„Nachhaltiger kann man Fleisch eigentlich nicht konsumieren“, sagt Lisa. Zum einen schießen Jäger nie mehr Tiere, als sie für den eigenen Bedarf brauchen, erklärt sie. Zum anderen kann das gesamte Tier verwertet werden. Ein Tier, das ein Leben in Freiheit hatte und nicht aus dem Mastbetrieb kommt.

„Ich finde es schade, wenn Leute nur sehen, dass wir Tiere töten“, sagt Viviana. „Und gleichzeitig überhaupt nicht darüber nachdenken, was Massentierhaltung anrichtet.“

Jetzt lesen

Für die drei ist die Jagd auch eine Möglichkeit, mit der Natur in Verbindung zu bleiben, sich vom schnelllebigen Alltag zu erholen und die Gemeinschaft zu genießen. Familien gehen oft seit vielen Jahrzehnten gemeinsam jagen, genau wie die drei Frauen sind viele Jäger in dritter oder vierter Generation unterwegs.

Für die Eltern von Lisa und Viviana, aber auch für Christa und ihren Mann ist die Jagd ein gemeinsames Hobby. Und auch für Viviana steht fest: „Wenn ich mal heirate, dann muss mein Mann ein Jäger sein.“

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt