"Ihr gehört vergewaltigt und umgebracht"

Hass-Post an Flüchtlingshelfer

Seit Dezember 2015 unterstützen die "Flüchtlingspaten Dortmund" 120 Kriegsflüchtlinge. Bisher unbehelligt. Nach einer Demonstration gegen Abschiebungen erhält der Vereinsvorstand neben Fragen und Kritik auch drastische Hass-Post. Die Flüchtlingshelfer schalteten die Polizei ein.

DORTMUND

, 28.09.2017, 01:20 Uhr / Lesedauer: 2 min
"Ihr gehört vergewaltigt und umgebracht"

Sigrid Czyrt (vorn), Volker Töbel (rechts), Professorin Birgit Kröner-Herwig (2. von links) und Professor Heinz Herwig von den Flüchtlingspaten zeigen eine der Hass-Mails. Von solchen Inhalten lassen sich die Ehrenamtlichen nicht abschrecken.

Zu Ämtern begleiten, bei der Wohnungssuche helfen und als Mensch da sein - ihre Arbeit erledigen die ehrenamtlichen Helfer des Ende 2015 gegründeten Vereins „Flüchtlingspaten Dortmund“ im Stillen. Seit der Teilnahme eines Vereinsmitglieds an einer Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan ist die Ruhe vorbei.

Neben kritischen Fragen und Kritik erhielt der Vorstand der Flüchtlingspaten eine Virus-Attacke auf einen Computer und E-Mails voller Hass:

„Ihr gehört vergewaltigt und umgebracht“ „Dreckige Schweine seid ihr Hurensöhne“ „Ihr habt uns diesen Abschaum ins Land geholt“ „Leute wie Sie sollte man in die Psychiatrie bringen“

Demo gegen "zweite Verurteilung" durch Abschiebung

Der Hintergrund: Am 12. September wurden acht afghanische Männer von Düsseldorf aus mit einem Flugzeug nach Kabul abgeschoben. Darunter vier Männer aus NRW, die wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und räuberischen Diebstahls schuldig gesprochen worden sind. Den Transport hatte das Bundesinnenministerium organisiert.

Die Flüchtlingspaten bezeichnen eine Abschiebung von Straftätern nach Afghanistan als „zweite Verurteilung“, weil das Land nach offizieller Aussage des Auswärtigen Amts nicht sicher sei. Sie machen Menschenrechte geltend.

Abschiebungen nach Afghanistan werden aktuell kontrovers diskutiert. Sigrid Czyrt und Volker Töbel vom Vorstand der Flüchtlingspaten waren selbst nicht bei der Demonstration am 12. September in Düsseldorf, sitzen aber am anderen Ende der Leitung, an der nach Medienberichten über den Protest am Flughafen die E-Mails eingegangen sind.

Sigrid Czyrt wollte gerade auf eine E-Mail antworten, als das elektronische Postfach immer mehr Eingänge auflistete – und der Computer abstürzte. Nach einem Neustart identifizierte ein Antivirenprogramm schädliche Software.

"Man hat das Gefühl, einer großen Gefahr ausgesetzt zu sein"

Geblieben ist der Hass, deren Absender mit dem Transparent „Flüchtlingspaten Dortmund – Abschiebung stoppen“ im Internet schnell die E-Mail-Adresse des Vereins ermitteln konnten. „Zuerst kam mir diese Härte so unwirklich vor. Im ersten Moment hat das auch Angst ausgelöst, weil es eine Schwelle überschritten hat und persönlich gedroht wurde.

Man hat das Gefühl, einer großen Gefahr ausgesetzt zu sein“, beschreibt Sigrid Czyrt ihre erste Reaktion. Für die Beratungsstelle „Back Up“ von Opfern rechtsextremer Gewalt ist das nicht neu.

Flüchtlingspatin stellt Strafanzeige wegen Kommentaren

Nahid Farshi, Vorsitzende des im April 2015 gegründeten Vereins „Projekt Ankommen“, kennt Bedrohungen aus der Startphase ihres Vereins. Ziel von rassistischen Kommentaren sei auch die Facebookseite des Projekts gewesen. Wie bei den Flüchtlingspaten löschen auch die Administratoren aus dem Projekt Ankommen schnell beleidigende und rassistische Kommentare.

Sigrid Czyrt hat Strafanzeige gestellt. Ob Sätze wie „Ihr gehört umgebracht und vergewaltigt“ tatsächlich strafbar sind, ist juristisch zu prüfen. Nicht jeder unter die Haut gehende Satz ist strafbar. Zu klären ist auch, ob der Name des Absenders tatsächlich existiert oder von einem Unbekannten benutzt wird. Auf eine Anfrage unserer Redaktion rief der Absender der Hass-E-Mail zurück und sagte: „Mach dich mal nicht so dick, sonst kriegst du was in die Fresse, bis das Blut spritzt.“

Rückzug würden Täter als Sieg quittieren

Von Wut, Hass und Bedrohungen sind auch Gewerkschafter betroffen, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzen. „Weiter Gesicht zeigen und nicht verunsichern lassen“, rät DGB-Chefin Jutta Reiter. Einen Rückzug würden die Täter als Sieg quittieren. Jutta Reiter: „Man muss Betroffenen den Rücken stärken. Wenn sie merken, dass viele Unterstützer hinter ihnen stehen, dann wird das als hilfreich empfunden.“

Polizeisprecher Oliver Peiler bittet die Empfänger solcher Hass-Mails, in jedem Fall eine Strafanzeige zu erstatten: „Das versetzt uns in die Lage, die Strafbarkeit zu prüfen und erste Ermittlungsansätze zu verfolgen. Die Absender dieser Diffamierungen wähnen sich häufig in der Anonymität und damit sicher vor Strafverfolgung. Eine trügerische Sicherheit, denn in Einzelfällen konnten die Urheber ermittelt und zur Verantwortung gezogen werden. Wir raten dazu, sämtliche Daten zu sichern und uns als Beweismaterial zur Verfügung zu stellen.“

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