Im Kirchlinder Wohnpark (hier ein Archivbild) wurden die pflegebedürftigen Senioren der Wohngemeinschaft von einem mobilen Impfteam geimpft, die im Betreuten Wohnen nicht. © Schütze (A)
Impf-Chaos

Im Erdgeschoss des Altenzentrums wird geimpft – darüber nicht

Die Seniorenresidenz Augustinum ist nicht die einzige Alten-Einrichtung in Dortmund, die von der Stadt kein komplettes Impfangebot vor Ort bekommt. Dahinter offenbart sich ein größeres Problem.

In der Dortmunder Seniorenresidenz Augustinum herrschen große Unruhe und Unverständnis darüber, dass die 224 Bewohner im Gegensatz zu denen in vollstationären Pflegeeinrichtungen nicht in der ersten Impfrunde dabei sind. Die Stadt hat es abgelehnt, den meist über 80-jährigen Bewohnern, darunter auch pflegebedürftige und demente Personen, ein Impfangebot vor Ort zu machen – weil diese im Augustinum in eigenen Wohnungen leben und damit „nur“ ambulant gepflegt werden.

Diese Argumentation betrifft nicht nur das Augustinum, sondern auch andere Senioren-Einrichtungen in Dortmund. Sogar solche, die beides unter einem Dach anbieten: vollstationäre Pflege und alternative Wohnformen für Senioren.

Dazu gehört auch der „Kirchlinder Wohnpark“, der von der Wunsch GmbH betrieben wird. Im Erdgeschoss ist eine Wohngemeinschaft mit zwölf Plätzen untergebracht, in der ersten und zweiten Etage sind 37 Einheiten für betreutes Wohnen. „Die Vulnerabilität beider Personengruppen ist vergleichbar, beide werden vom selben Personal betreut“, sagt Christoph Becker, dessen Mutter im Betreuten Wohnen untergebracht ist.

Verwaltungstechnisch sinnfrei

Anfang Januar wurden Personal und Bewohner der Wohngemeinschaft von einem mobilen Impfteam geimpft – die Bewohner im Betreuten Wohnen hingegen nicht. Sie wurden auf den „baldigen Start“ des Impfzentrums verwiesen. Sie sollen sich selbst um einen Impftermin bemühen und sich zum Impfzentrum auf Phoenix-West begeben.

Für Christoph Becker, selbst Verwaltungsjurist, ist das Vorgehen der Stadt rechtlich fragwürdig und verwaltungstechnisch sinnfrei. Auch er hat wie schon der Heimbeirat des Augustinums die Patientenbeauftragte des Landes NRW, Claudia Middendorf, eingeschaltet, die das Problem am Mittwochabend (27.1.) in einer Runde mit NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann ansprechen will.

Von „Unsinn“ und einem „organisierten Missstand der Versorgung“ sprechen auch Ellen Kummer und weitere Mitbewohner der Parkresidenz Am Rosengarten in Körne. Sie haben einen Hilferuf an Oberbürgermeister Thomas Westphal geschickt.

Verschiedene Regelungen

In den mehr als 50 Wohneinheiten Am Rosengarten ist die Caritas Partner für das Servicewohnen. Sie steht den Bewohnern Tag und Nacht zur Seite. Die Senioren, so Ellen Kummer „sind in deutlich gehobenem Alter, teils gebrechlich und beweglich eingeschränkt“. Alle haben ein Schreiben zur Vereinbarung eines individuellen Impftermins erhalten. Jeder soll individuell zum Impfzentrum „pilgern“.

Tobias Berghoff, Geschäftsführer der Caritas-Altenhilfe, bestätigt, dass es bei der Caritas verschiedene Regelungen gibt: „Wir haben angegliederte Wohnungen, wo wir die Bewohner mit impfen, und andere, bei denen sich die Bewohner selbst organisieren müssen.“ Das hänge von der Zahl der verbundenen Wohnungen ab.

Aus Restdosen mitgeimpft

So sei die Impfung der Mieter in den zehn altengerechten Wohnungen im Altenzentrum St. Antonius möglich gewesen, bei den Mietern der 30 Wohnungen im Altenzentrum St. Ewaldi nur zum Teil und bei den Mietern der 43 heimverbundenen Wohnungen im Wohn- und Pflegezentrum St. Barbara gar nicht, so Berghoff. Man habe die Mieter nur mit impfen dürfen, wenn von den Impfdosen für die Bewohner der stationären Pflege etwas übrig geblieben sei, was man sonst hätte ungenutzt entsorgen müssen.

Für Tobias Berghoff ist klar: Für Senioren, die in betreuten Wohnformen leben, „braucht es eine Lösung. Da sind viele, die sich nicht mehr bewegen können.“ Und was sei mit denjenigen, fragt er, „die keine Angehörigen haben und gar nicht mobil sind? Wer impft die denn?“ In Dortmund gebe es viele über 80-Jährige. Berghoff: „Da braucht es eine Impfstruktur, die klärt, wer diese Menschen aufsucht, oder zumindest eine Anlaufstelle bei der Stadt, an die sie sich wenden können.“

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle