Der Boom auf dem Fahrradmarkt hat Folgen: Zweiräder werden immer schicker und teurer – und von ihren Besitzern trotzdem immer noch erstaunlich schlecht gesichert. Diebe machen leichte Beute.

Dortmund

, 12.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Werner Blanke glaubte sich im falschen Film. Gegen 22.30 Uhr mit dem Zug aus Berlin am Hauptbahnhof angekommen, sah Blanke, wie sich ein Unbekannter auf dem Vorplatz an seinem Fahrradschloss zu schaffen machte. „Die Spirale war schon aufgesägt." Pech für den vermeintlichen Fahrraddieb: Blanke ist nicht nur Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs in Dortmund (ADFC), sondern auch ehemaliger Polizeibeamter. Er packte den verdutzten Mann am Oberarm und übergab ihn, Hände auf dem Rücken, der Bundespolizei.

So viel Glück, einen Dieb auf frischer Tat zu erwischen, haben nur wenige. Die meisten sehen ihr Rad nie wieder. Nach einem Aufruf unserer Redaktion in den sozialen Medien meldeten sich spontan dutzende Leser. Lukas Achenbach etwa schreibt, ihm seien innerhalb von vier Wochen zwei Räder gestohlen worden. „Allerdings war ich so naiv und hab' sie zwei Mal vor dem Haus angekettet.“

Ihrem Mann seien innerhalb von zwei Jahren gleich fünf Räder abhanden gekommen, ärgert sich Katrin Lungwitz. „Egal, mit welchem Schloss das Fahrrad gesichert war.“ Eine Erfahrung, die auch Tomas Fojcik machen: Um 19 Uhr vor einem Fitnessstudio an der Hansastraße abgestellt, war sein E-Bike nach dem Training futsch, das Schloss aufgeknackt. Derlei Beispiele gibt es viele. Und längst nicht jeder Fahrradklau landet bei der Polizei.

Die meisten Räder verschwinden in der Innenstadt

2770 Meldungen über Fahrraddiebstähle haben die Beamten 2018 in Dortmund aufgenommen. Das sind 7,41 Prozent mehr als im Vorjahr 2017 mit 2579 Anzeigen. Einen Unterschied zwischen herkömmlichen Rädern und Elektrorädern (E-Bikes) macht die Statistik nicht. Die Aufklärungsquote ist gering. 2018 lag sie - ähnlich wie in den Jahren zuvor - bei 7,18 Prozent. „Es gibt keine Tatortspuren, meistens keine genau Tatzeit und daher oft auch keine Zeugen - das ist das Problem“, sagt Polizei-Sprecherin Nina Vogt. Geklaut wird, wo Diebe die vermeintlich schnellste Beute und das geringste Entdeckungsrisiko vermuten.

Immer mehr Fahrraddiebstähle in Dortmund – wie Sie ihr Fahrrad schützen

DerBereich rund um den Hauptbahnhof bietet Fahrraddieben eine erkleckliche Auswahl. Viele Räder sind nur ungenügend gesichert. © Oliver Schaper

Besonders leicht wird es Langfingern offenbar in der City gemacht: 745 Anzeigen nahmen die Beamten 2018 in der Polizeiwache Mitte auf. Ihre Kollegen von der Wache Nord hatten es mit 331 Anzeigen zu tun – der Bereich rund um den Hauptbahnhof gilt bei Dieben ebenfalls als ertragreiches Pflaster. Auch die Universität gehört laut Statistik zu den Hochburgen der Fahrraddiebe: Insgesamt 192 Fälle notierten die Beamten in der Hombrucher Wache.

Diebe schlagen in der Regel dort zu, wo sich entweder wenig Menschen aufhalten oder so viele, dass das Treiben eines Einzelnen in der Masse untergeht. Geklaut wird nahezu überall: aus Hinterhöfen, Kellern und Garagen. Abstellplätze an Schwimmbädern werden ins Visier genommen, selbst Schulen mit Fahrradkäfigen bieten keine 100-prozentige Sicherheit, weiß der ADFC-Vorsitzende Blanke. Nicht ohne Grund haben die ADFC-Helfer bei BVB-Spielen rund ums Stadion Fahrradwachen installiert. Mal seien es Banden, ein anderes Mal Gelegenheitstäter und Drogenabhängige, die mit eilig gestohlen Rädern und Einzelteilen ihren Konsum finanzieren. „Am meisten begehrt sind Räder, die neu aussehen“, sagt Blanke.

Stahlbügelschlösser sollen Diebe abhalten

Der Verlust eines älteren Rades, das kaum noch Wert besitzt, mag den Beklauten schon weh tun. Wie sehr muss es erst schmerzen, wenn plötzlich das schicke, neue E-Bike weg ist, das nach Angaben von Fahrrad-Experte Matthias Mühr bis zu 9000 Euro kosten kann? Auch ADFC-Mann Blanke ist immer wieder erstaunt, wie leichtfertig Radler mit ihrem guten Stück umgehen. Profidiebe haben Schlösser je nach Qualität innerhalb von 30 Sekunden bis drei Minuten geknackt – wobei drei Minuten schon viel seien. „Hände weg von Billigschlössern!“, warnt Blanke.

Stattdessen empfiehlt er Radfahrern, Stahlbügelschlösser zu nutzen, die schon wegen ihrer Massivität schwer aufzubrechen seien. Preis: rund 90 Euro. Darüber hinaus, so Blankes weiterer Tipp, sei es sinnvoll, Fahrrad und E-Bike nicht nur mit einem, sondern gleich drei Schlössern unterschiedlicher Bauart zu sichern. Der Grund liegt nahe: „Diebe brauchen dann verschiedenes Werkzeug und vor allem mehr Zeit – und die haben sie nicht.“ Die Chance, dass sie von vornherein abwinken, sei ungleich größer. Allerdings räumt Blanke ein, „dass letztlich kein Schloss unknackbar ist.“ Hochwertige Schlösser aber böten deutlich mehr Widerstand.

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Werner Blanke vom ADFC schwört auf schwere, massive Stahlbügelschlösser. Blanke hat vor Jahren einen Dieb auf frischer Tat erwischt. © Oliver Schaper

Sinnvoll sei auch eine Codierung unterhalb des Sattels. Sie wird u.a. vom ADFC ausgeführt und beginnt mit den Anfangsbuchstaben des jeweiligen Wohnortes, etwa DO. Danach folgen eine fünfstellige Kennziffer für die Straße, in der ein Fahrradbesitzer wohnt, die Hausnummer sowie der erste Buchstabe seines Vor- und Nachnamens sowie das Jahr der Codierung.

Ein Fahrradklau könne so zwar nicht verhindert werden, räumt Blanke ein. „Aber die Wahrscheinlichkeit sinkt um 30 Prozent.“ Entsprechend größer sei umgekehrt auch die Chance, dass ein Rad an seinen Eigentümer zurückgeführt werde. „Räder mit einer Codierung lassen sich schwerer absetzen und helfen der Polizei bei den Ermittlungen“, erklärt Blanke. Wer etwa auf dem Flohmarkt nach einem gebrauchten Vehikel suche, sei gut beraten, sich vor dem Kauf eine Quittung zeigen zu lassen. „Immer“, sagt Blanke.

Zu wenig bewachte Stellplätze in der City

Die Stadt will innerhalb der nächsten drei Jahre 1000 neue Fahrradstellplätze installieren. Bewacht werden derzeit lediglich die rund 440 Plätze in der Dobec-Station am Hauptbahnhof. Für Blanke ohnehin „das beste aller Mittel gegen Fahrradklau“. Leider gebe es zu wenige bewachte Plätze in Dortmund, die Stadt müsse da aktiver werden. Immerhin sollen am Mengeder Bahnhof und an der Endhaltestelle der U 47 in Aplerbeck bald „Fahrradkäfige“ mit je 40 Plätzen gebaut werden. Sie werden zwar unbewacht sein, dafür aber mit einem Schließsystem gesichert, sagt Tiefbauamtschefin Sylvia Uehlendahl.

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In der Dobec-Radstation am Hauptbahnhof gibt es rund 440 bewachte Fahrradstellplätze. Zu wenig, findet der ADFC. © Oliver Schaper

Ebenfalls in Planung ist ein 100 Plätze großes Fahrrad-Parkhaus in Rathausnähe. Doch die Anlage mitten in der City wird noch Jahre auf sich warten lassen. Wer einen halbwegs sicheren Platz für sein teures E-Bike sucht, bleibt vorerst auf Selbsthilfe angewiesen. Dabei sind gerade solche Stellplätze notwendiger denn je, zumal die Stadt die Bürger zum Fahrradfahren animiert.

Offenbar mit Erfolg. Das las sich bereits am Andrang beim jüngsten „E-Bike-Festival“ im April in der City ab. „Die Nachfrage ist gigantisch“, gibt Matthias Mühr zu Protokoll, Mitinhaber des Fachgeschäftes „das Rad“. Bis zu 70 Prozent aller verkauften Räder seien E-Bikes. Deren Besitzer sind in aller Regel bereit, für die Sicherung ihres fahrbaren Untersatzes etwas tiefer ins Portemonnaie zu greifen. Ein gutes Schloss, sagt Mühr, sei „kaum unter 80 Euro zu haben.“ Ein „sehr gutes Schloss“, etwa ein Faltschloss mit Gelenkkonstruktion, schlage mit rund 160 Euro zu Buche. Codierungen, Rahmennummern oder Chipsysteme, die die Örtlichkeit eines Rades erfassen: Kann man alles machen, findet Mühr. „Das Beste aber ist immer noch die mechanische Sicherung.“

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Ein gutes Schloss, sagt Matthias Mühr, Mitinhaber des Geschäftes "das Rad", sei nicht unter 80 Euro zu haben. © Oliver Schaper

Manchmal bleibt Kommissar Zufall eben doch der beste Helfer. Vor Wochen erwischte die Polizei einen 32-Jährigen in der Nordstadt, als der ein teures Fahrrad für 40 Euro an einen 46-Jährigen verkaufen wollte. Die Polizei kontrollierte beide Männer – und staunte nicht schlecht: im Keller des Käufers standen 22 teilweise hochwertige Räder und 37 Laufräder. Wie sich herausstellte, hatte einer der Männer die Räder in Münster geklaut sie per Zug zum Weiterverkauf an seinen Kompagnon nach Dortmund gebracht. Das Ende vom Lied: zwei Strafanzeigen wegen mehrfachen Fahrraddiebstahls und Hehlerei.

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