Einsamkeit gilt mittlerweile als Epidemie. Weil sie krank macht, weil sie sich ausbreitet. In einem Dortmunder Pastoralverbund hat man etwas dagegen.

Huckarde

, 05.10.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Rund 50 Prozent der Haushalte in Dortmund sind Single-Haushalte. Viele Menschen, die alleine leben, wollen das auch so, sie sind nicht einsam. Doch mindestens ein Drittel dieser Alleinlebenden leiden unter der Situation. Sie sind einsam. Das weiß Christina Gäbel, Gemeindereferentin des Pastoralverbundes „Am Revierpark“ aus den Statistiken der Stadt Dortmund. Sie sucht nun Menschen, die Einsamen etwas von ihrer Zeit schenken möchten.

Einsamkeit ist längst ein Problem geworden. Sie wurde in Deutschland zuerst von den Maltesern als Epidemie bezeichnet: aus humaner Sicht, weil diese Menschen unverschuldet leiden, aus gesellschaftlicher Sicht, weil Einsamkeit zu seelischen Krankheiten führt und damit das Gesundheits-System belastet. Während in Berlin seit Mai 2019 über die Einführung eines Einsamkeitsbeauftragten diskutiert wird, hat Großbritannien bereits seit 2018 eine Einsamkeits-Ministerin. Damit reagiert die Politik auf Erhebungen des Roten Kreuzes. Danach geht die Zahl der Menschen mit nur einem Sozialkontakt pro Monat ins Hunderttausendfache.

Einsamkeit wird erst noch erforscht

Einsamkeit ist ein Phänomen, dessen Erforschung erst am Anfang steht. Laut Christina Gäbel rätselt die Sozialforschung gerade über erste Ergebnisse, die besagen, dass Deutsche im Durchschnitt drei Einsamkeitsphasen in ihrem Leben haben. Im Alter von 30, im Alter von 50 und dann wieder ab 75 Jahren. Einsamkeit im Alter gilt als das größere Problem, weil diese Menschen sich kaum aus eigenem Antrieb aus der Situation lösen können. „Niemand sagt: Hallo, ich bin einsam, bitte helft mir“, berichtet Brigitte Duve von der Caritas. Im Gegenteil. Einsamkeit ist ein klassisches Tabu-Thema. Laut Brigitte Duve hat ein einsamer Mensch Angst davor, ein „Selbst schuld“ zu hören, wenn er seine Einsamkeit anspricht.

Immer mehr Menschen vereinsamen - in diesem Stadtteil will man nicht länger zusehen

Immer allein: Einsamkeit ist längst zu einer weitverbreiteten Krankheit geworden. © dpa

In Huckarde soll das anders sein. Der Pastoralverbund, die Caritas und das Seniorenbüro haben sich vernetzt, um Menschen aus ihrer Einsamkeit zu holen. Sie suchen Menschen, die Zeit haben, ein bis zwei Stunden pro Woche mit einsamen Menschen zu verbringen. Das Programm „Menschen treffen Menschen“ hört sich nach Besuchsdienst an, soll aber ein „Besuchsdienst plus“ sein, meint Rena Beuchel vom Seniorenbüro.

Anmeldungen aus allen Richtungen

Natürlich können bei den Treffen Vorlesen, Spielen oder einfach Quatschen im Mittelpunkt stehen, das Netzwerk hofft aber auch auf gemeinsame Konzertbesuche oder Ausflüge. Selbstverständlich können sich auch von Einsamkeit Betroffene selbst für den Besuch anderer Menschen melden. „Das wäre eine Win-Win-Situation“, sagt Christina Gäbel.

Die Huckarder können auf Erfahrungen ähnlicher Projekt zurückgreifen. Die 88-Jährige Marie Przybilla freute sich dank der Zeitschenker der St. Katharina-Gemeinde in Unna über Gesellschaft: „Ich war mir anfangs nicht sicher, man bekommt ja Besuch von einem Fremden. Aber es hat sofort gefunkt.“ Auch die Zeitschenker sind Menschen, die ehrenamtlich Senioren besuchen. Marie Przybilla wünschte sich von „ihrem“ Zeitschenker einen Spielenachmittag und bekam ihn.

Nicht nur für Senioren

Das Huckarder Netzwerk ist offen für Anmeldungen aus allen Richtungen. Die 80-Jährige, deren Bekannte mittlerweile alle verstorben sind, oder der 40-Jährige, der gerade erst in die Gemeinde gezogen ist und noch niemanden kennt, alle dürfen das Angebot anfragen.

Wer sich von der Vorstellung angesprochen fühlt, anderen Menschen aus der Isolation zu helfen, wird vom Netzwerk umfassend unterstützt. Wie das geht, erfahren Interessierte am 9. Oktober (Mittwoch) um 19 Uhr in der St. Urbanus-Kirche, Marienstraße 9. Dort bekommen sie alle Informationen über die Fortbildungen, die sie erwarten. Sie lernen zum Beispiel, Gespräche zu beginnen und in Gang zu halten. Außerdem erfahren sie wichtige Details, wie die Tatsache, dass sie voll versichert sind, wenn sie fremder Leute Wohnungen besuchen.

Teilnehmer sollen zueinander passen

Die ehrenamtlichen Besucher müssen sich auch keine Sorgen machen, dass sie „irgendwem“ zugeteilt werden. Die Netzwerk-Mitarbeiter wollen zueinander passende Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Deshalb werden alle Beteiligten, die Betroffenen und die Ehrenamtler, detailliert befragt.

Es bleibt aber noch ein Problem: Menschen sind deshalb einsam, weil sie isoliert sind, keinen Kontakt nach außen haben. Wie erfahren sie von dem Angebot? Neben der Pressearbeit legt das Netzwerk Werbung in allen Geschäften, Arztpraxen und anderen Räumen aus.

Bei den ersten Treffen in den Wohnungen der Alleinstehenden wird voraussichtlich Gemeindereferentin Christina Gäbel dabei sein. Sie bringt Therapie-Hund Nala mit. Die Hündin hat das Talent, in möglicherweise unangenehmen Situationen das Eis zu brechen. Das Duo arbeitet seit Januar in der Gemeinde und besucht unter anderem Menschen in Seniorenheimen. Nala schafft es, ganze Gruppen von Senioren zu unterhalten, hat aber auch bereits einen festen Freundeskreis von etwa 30 Senioren, die sie regelmäßig besucht.

Christina Gäbel hat längst gelernt, damit umzugehen, dass sie kaum jemand wahrnimmt, sobald Nala im Raum ist. „Nala kann in einem ganzen Raum voller Menschen alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.“

Christina Gäbel wertet ihr erstes Jahr im Pastoralverbund am Revierpark auch dank Nalas Charme als Erfolg.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt