Viren im Treppenhaus und grüne Hoffnung: Was unseren Autor in der Isolation bewegt

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Eine Gesellschaft im Grenzgebiet zur Panik hat Probleme: Die Schwierigkeit, sich darauf zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Und die Frage, was nach der Krise kommt.

Dortmund

, 24.03.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Eine Zimmerpflanze freut mich im Moment jeden Morgen. Es ist ein Einblatt, eine popelige Allerweltspflanze. Ich weiß gar nicht, wie lange sie schon bei uns ist, richtig lange auf jeden Fall. Am vorletzten Wochenende habe ich sie zum ersten Mal seit Jahrzehnten umgetopft und jetzt kann ich ihr dabei zusehen, wie es ihr jeden Tag besser geht, wie sie kräftiger wird und größer. Das Einblatt als mein Apfelbaum, umgetopft, auch wenn morgen die Welt untergeht. Nur ohne Äpfel. Aber dafür einzelne Blätter.

Auf was soll man sich konzentrieren?

Bizarr ist das Adjektiv, das in den letzten Tagen häufiger als sonst durch meinem Kopf geht. Überall Geschichten, die hochkommen wie Perlen im Sektglas, aneinander gereiht ohne Ende. Verzeihung, ich denke meistens in Geschichten, ich bin wohl schon zu lange Journalist.

Was mir gerade auffällt: Ich hab bisher nie verstanden, warum ein Raubfisch durch einen Schwarm Heringe verwirrt sein kann. Soll er sich doch auf einen konzentrieren, hab ich mir immer gedacht. Jetzt verstehe ich den Raubfisch deutlich besser. Auf was soll man sich konzentrieren, wenn es plötzlich überall aufflackert?

Verbote, Verbote, Verbote, Verbote

Herzlichen Glückwunsch, die Geschichte des Jahrhunderts geht gerade draußen ab und ich bin gelähmt. Ist vielleicht gar nicht schlecht, denn gerade rennen alle los und wittern die Geschichte des Jahrhunderts und machen dann doch sehr ähnliche Sachen.

Was verboten wurde, was aktuell verboten ist, was verboten werden wird. Wie sich die Menschen dabei verhalten. Warum das alles richtig oder falsch ist. Und, vielleicht die wichtigste Frage, was das jetzt alles bedeutet.

Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht konzentrieren. Zu viele Heringe. Dafür Sorgen.

Ich befürchte, dass das Gesundheitssystem sehr schnell zusammensacken wird, weil es schon jetzt viele Menschen dort gibt, die sich nicht testen lassen, weil sie das Ergebnis befürchten. Weil, sollte es positiv sein, diese Menschen erst einmal nicht mehr arbeiten dürften. Und in der Folge dann das Gesundheitssystem ohne sie nicht mehr arbeiten kann.

Ausnahmsweise hat mal wer Recht

Es heißt, die Friedhöfe seien voll mit Menschen, die sich für unersetzbar gehalten haben - aber ich glaube, die Jungs und Mädels aus dem Gesundheitswesen haben jetzt mal ausnahmsweise Recht mit dieser Annahme.

In Berlin rufen Krankenhäuser die Bevölkerung zu Mithilfe auf, wenn medizinische Kenntnisse vorhanden sind und all diese Sachen zusammen lassen mich befürchten, dass eine Ausgangssperre kommen wird. Sie wird vielleicht anders heißen, Freizeitverbringungsverordnung oder Lebensrettungszeitgebot.

Oder sie wird gleich zum 11. Gebot: Du. Sollst. Nicht. Rausgehen!

Da steht die Mehrheit gegen die Minderheit

Was gerade passiert, ist unvorhersehbar, konnte man sich nicht vorstellen? Ich weiß nicht genau, ich weiß aktuell überhaupt nichts Wesentliches genau, ich bin weder Virologe noch Sozialpsychologe noch Wirtschaftsweiser. Ich weiß nur: Was wir im Moment erleben, erinnert mich stark an die Politik in den Jahren vor Corona.

Da steht eine Mehrheit auf der einen Seite, eine Minderheit auf der anderen Seite, die Mehrheit ist vernünftig, die Minderheit ruft den Kampf um die persönliche Freiheit aus. Und ihr Mantra lautet „Der Gott der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte“. Vermutlich wollte er Husten. Frei, sozial und hustenkrank.

Viele Grüße aus dem Grenzgebiet zur Panik

So, wie die Minderheit gerade um Ausgangssperren bettelt, wird sie sie bekommen. Ich bin, ich muss das so schreiben und selber von mir überrascht, aktuell ein Freund dieser Ausgangssperre. Um hier mal für einen Moment Ruhe herein zu bekommen. Um genug Stäbchen für diesen bescheuerten Test besorgen zu lassen. Und auch, um sich aus dem Grenzgebiet zur Panik, wo man nie genau weiß, wo man selber gerade steht, zurückzuziehen.

Was werden restriktive Verhaltensregeln, wie immer man sie nennen wird, für Folgen haben? Menschen, die Struktur brauchen, haben sie nicht mehr. Werden Beschränkungen letztlich mehr Menschen schädigen, als es die Krankheit tut? Im Moment überwiegt bei mir die Sorge vor der Krankheit. Aber ich habe gut reden, ich wohne mit Menschen zusammen, die mir wichtig sind. Wir haben einen Balkon. Ich fühle mich verdammt privilegiert. Immer noch.

Aber ich erschrecke mich aktuell vor mir selber, wenn ich gedankenverloren an dem Stift, den ich Hand habe, knabbern will. Ein Freund sagte neulich, sein aktueller Zustand sei, er würde gleich seine Kinder aufessen müssen, obwohl der REWE gegenüber noch auf hat. Ich kann das gut nachvollziehen. Ich fühle ihn, wie man heutzutage so sagt.

Noch einmal: Was passiert da gerade?

Da ist ein Virus, das eine Anzahl an Menschen töten wird. Wir werden mit diesem Virus leben müssen und verändern gerade unsere fundamentalen Freiheitsrechte in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Und mit diesen Rechten gehen Wirtschaftsbetriebe in die Knie.

Wer jetzt seinen Job verliert, steht vor einem Scherbenhaufen. Wer jetzt einen Verwandten oder Freund verliert auch.

Diese Sperren, wer soll die eigentlich durchsetzen? Ordnungsämter und Polizei? Die Ordnungsämter gehen am Stock. Und auch an der Polizei geht das Coronavirus nicht vorbei. Wer flächendeckende Ausgangssperre sagt, wird wohl in der Konsequenz auch Bundeswehr sagen müssen.

Will Smith hat in „I am Legend“ alt ausgesehen

Man kommt sich vor wie Will Smith in dem Film „I am Legend“. Ich habe „I am Legend“ lange nicht mehr gesehen, aber ich glaube, am Ende ging es für Will Smith nicht richtig gut aus. Obwohl er ein Mensch war, der allein war und allein dazu in der Lage war, vernünftige und gute Entscheidungen zu treffen.

Angenommen, und das ist ja immer noch das wahrscheinlichste aller Szenarien, der überwiegende Teil der Menschen überlebt das Virus. Wenn dann also diese Krise vorbei ist, dann kommt ja erst die ganze Arbeit.

Sagen wir mal optimistisch: September. Dann haben alle Menschen in „systemrelevanten Jobs“ 30 Tage Urlaubsanspruch und 100.000 Überstunden. Pro Person. Gehen die dann alle zeitgleich in die Ferien? Werden wir dann erst alle verhungern?

Kein Scheiß, wir haben jetzt schon kaum noch Toilettenpapier. Also hier bei uns daheim. Aber immerhin ein Einblatt.

Der Vater der Nachbarin ist positiv

Gerade geht unsere Nachbarin durchs Treppenhaus. Sie telefoniert, vermutlich mit ihrem Vater, der ist positiv, wissen wir seit gestern. Mir macht das Sorge. Um den Vater, ich kenne den Mann kaum, aber als er seiner Tochter half, Möbel in den 3. Stock zu schleppen, bin ich ihm kurz beigesprungen, da war er schnell außer Atem.

Professor Christian Drosten - momentan ja sowas wie der Virologe der Nation - hat gesagt, dass die Viren auf den Boden fallen werden und vermutlich liegen sie jetzt schon in unserem Treppenhaus.

Kann ich jetzt noch ins Treppenhaus gehen? Oder muss ich auch die Kinder essen? Was sagen dann meine Schwiegereltern, die facetimen abends jetzt immer mit den Kindern.

Abstand ist die neue Nähe, woraus mehr Nähe erwachsen wird

Was ja auch ein spannender Aspekt ist: Wenn Abstand die neue Nähe ist, wird dieser Abstandsmodus irgendwann als naturgegeben angesehen. Woraus dann ein Bedürfnis nach mehr Nähe erwachsen wird, weil man ja isolierter ist. Was sich bei mir auf jeden Fall schon zeigt: Ich habe in den letzten Tagen mehr mit Menschen telefoniert und intensivere Gespräche geführt als in den Wochen und Monaten vor Covid.

Wir müssen vorbereitet sein, das lernen wir gerade. Wenn wir mehr Lagerhaltung brauchen, braucht es dann nicht auch mehr Lagerarbeiter? Wenn wir regionaler arbeiten sollen, braucht es dann auch nicht mehr Jobs in der Region? Wenn wir gerade sehen, welche Jobs wirklich systemrelevant sind, sollten wir die dann nicht auch entsprechend bezahlen?

Wenn sich eh alles ändert, was kann man noch ändern?

Sollten wir, wenn sich eh gerade so viel ändert, nicht darüber nachdenken, was sich zum Besseren verändern ließe?

Und wo wir gerade beim Besseren sind: Eine Krise zu überstehen, indem man in der Wohnung bleibt, erscheint mir machbar. Da gab es, so menschheitsgeschichtlich gesehen, echt schon ein paar deutlich herbere Klamotten.

Ein guter Bekannter aus Bayern wünschte mir und den meinen „die Kraft, das jetzt mal alles abzuwettern“. Was für ein wundervolles Wort, dachte ich und musste es erst einmal nachschlagen.

Abwettern bedeutet in der Schifffahrt, dass man Schiffe bei einem herannahenden Sturm aus ufernahen Bereichen oder Häfen auf das offene Wasser bringt, damit das Schiff dort weniger Schaden nimmt. Wettern wir also ab. Irgendwann ist das hier auch wieder vorbei.

Ich geh jetzt das Treppenhaus putzen. Und dann das Einblatt wässern.

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