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In der Münsterstraße 261 sind Jacke und Hose nicht alles

Sozialkaufhaus der Diakonie

Es gibt sicherlich eine Menge Leute, denen das Wohlergehen anderer Jacke wie Hose, also egal ist. Die Diakonie indes fasst die Begrifflichkeit anders: in ihrem Sozialkaufhaus gleichen Namens in der Münsterstraße 261.

Nordstadt

, 11.02.2018 / Lesedauer: 4 min
In der Münsterstraße 261 sind Jacke und Hose nicht alles

Das Sozialkaufhaus „Jacke wie Hose“ an der Münsterstraße ist ein häufig frequentiertes Geschäft. © Gregor Beushausen

Man muss nicht mehr Geld ausgeben für guterhaltene Bekleidung, Möbel, für Hausrat, Bücher oder Spielzeug, wenn man nicht will – oder wenn man nicht kann. Hannelore W. ist mit ihrer Nachbarin Grete B. gekommen. Die Seniorinnen haben Kleidung abgegeben und eine Tagesdecke, nun streifen sie durch die Regalreihen, gucken, prüfen. „Hier gibt es hübsche Sachen“, findet Hannelore W., „so etwas hätten sie uns mal damals anbieten sollen, als wir noch nichts hatten.“ Ehedem teure Polohemden für sechs Euro, Blusen für drei bis sechs Euro, ein Doppelbett mit Lattenrost für 170 – es gibt hier einen Gegenwert für Qualität, der nicht teuer sein muss. Und der nachgefragt wird.

„Seit 2008 sind wir an diesem Standort“, sagt Björn Kastilan, der Leiter des Hauses. Am alten, ein paar hundert Meter weiter in Richtung Innenstadt liegenden, habe man schnell festgestellt, dass die 500 Quadratmeter zu klein waren. „Hier verfügen wir über 1200 Quadratmeter, und das ist ausreichend.“ Wohninseln sind aufgebaut, wer will, kann gleich mit Schrankwand und Couchgarnitur nach Hause fahren. Generell wird keine Ware aufgekauft, „denn wir leben von Spenden“. Aber es wird schon genau geguckt, bevor ein Wagen losfährt, um die Spenden abzuholen.

In der Münsterstraße 261 sind Jacke und Hose nicht alles

Björn Kastilan ist der Leiter des Hauses. © Gregor Beushausen

„Wir schauen uns die Sachen vorher an“, darauf weist Vera Schürholt von der Arbeitsgebietsleitung Jacke wie Hose hin. Nicht nur, ob das Angebotene es wert ist, weiterverkauft zu werden, sondern auch, ob es zur Kundschaft passt. „60er-Jahre-Stil mag bei Möbeln zwar wieder modern sein“, meint sie, „aber nicht für unser Klientel. Wir sind wirklich dankbar für jede Spende, manchmal können wir das Angebot aber auch nicht annehmen.“ Die Ware fällt dann unter verdreckt und kaputt, mithilfe der Diakonie wollen sich die Leute mitunter billig ihres Mülls entsorgen. Also: keine Chance. Es fällt auf, dass hier keine Küchenmöbel stehen, Herde et cetera. Das hat seinen Grund. „Wir haben festgestellt, dass es keine Küche gerne hat, dreimal auf- und abgebaut zu werden“, stellt Kastilan klar.

Nora gefällt die Arbeit

Inzwischen gehören vier Standorte dazu. Hallenmiete, Personal und Lkw kosten, und dass bei den niedrigen Verkaufspreisen nicht kostendeckend gearbeitet werden kann, ergibt sich von selbst. 71 Mitarbeiter sind es insgesamt, die bei Jacke und Hose arbeiten, 39 von ihnen als sogenannte Ein-Euro-Kräfte, die anderen als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Die Versorgung ihrer nicht besonders zahlungskräftigen Klientel mit guter Ware sei das eine, so Vera Schürholt. Das andere sei das Bieten von Arbeitsgelegenheiten, also zusätzliche Beschäftigungen für arbeitslose Menschen, die so wieder an den Arbeitsmarkt herangeführt werden sollen.

„Für mich“, sagt Nora K. (Namen der Mitarbeiter geändert), „war das Angebot hier arbeiten zu können lebenswichtig.“ Sie ordnet Ware im Regal und kontert den erstaunten Blick angesichts dieser großen Vokabel mit: „wirklich!“ Sie war 13 Jahre drogenabhängig, leidet unter Depressionen und Angstzuständen. Irgendwann besuchte sie mal als Kundin das Sozialkaufhaus. „Ist viele Jahre her, aber ich hab‘ damals zu meiner Freundin schon gesagt: Weißt Du was? Hier könnt‘ ich mir vorstellen zu arbeiten.“ Es sollte noch einiges an Zeit vergehen, bis sich überraschend die Gelegenheit ergab.

In der Münsterstraße 261 sind Jacke und Hose nicht alles

© Gregor Beushausen

Jede Kleidung wird gewaschen

Inzwischen arbeitet sie seit zweieinhalb Jahren als Vollzeitkraft. Kolleginnen und Kollegen seien ihr „wundervolle Ansprechpartner“, wenn mal wieder die alten Dämonen drohen. Jeder hier hatte mal den Punkt im Leben, an dem etwas nicht geklappt hat, beruflich, privat, gesundheitlich. Und alle können in diesen Fällen auf das sozialpädagogische Netzwerk der Diakonie zurückgreifen. Besucherzahlen werden statistisch übrigens nicht erfasst und Umsätze nicht veröffentlicht. Diakoniepressesprecher Tim Cocu: „Die Einrichtung soll sich selber tragen. Sollten mal Überschüsse erzielt werden, fließen sie ins Projekt zurück oder in andere soziale Aufgaben.“

Neben dem Verkaufsraum liegen das Lager und der Raum mit den Waschmaschinen und Bügelgeräten, weil jede Kleidung gewaschen und gebügelt wird, bevor sie ins Verkaufsregal kommt. Ingrid D. guckt kritisch, sortiert 1B-Ware aus, legt zusammen, streicht Hemden, Hosen, Blusen glatt. Sorgfalt mit schneller Bewegung. Sie arbeitet seit dem vergangenen September hier. „Ich hab‘ mich gut eingelebt.“ Auf die Profiausstattung zeigend sagt sie: „Wenn ich die zuhause hätte, wäre ich auch schneller fertig.“ In den Regalen Hutschenreuther Geschirr mit Goldrand, überhaupt einiges mit Stil. Es lohnt die Betrachtung.

Naivität verloren

Und, wird geklaut trotz der preiswerten Ware? Offensichtlich, denn neben den linken Schuhen im Regal steht ein Schild: „Den rechten Schuh erhalten Sie an der Kasse.“ „Am Anfang waren wir naiv“, erzählt Vera Schürholt, „da sind manche mit ihren alten Schuhen reingekommen und mit neuen rausgegangen…“ Und dass man ihnen schon Schrauben aus den Möbeln gestohlen hätte.

In der Münsterstraße 261 sind Jacke und Hose nicht alles

© Gregor Beushausen

„Manche Kunden sind freundlich, manche eben nicht“, sagt Kerstin M. aus dem Verkauf. Was soll’s. Als sie beim Jobcenter einen Infotag besuchte, um ihrem Leben in Arbeitslosigkeit irgendeinen anderen Dreh zu geben, kam der Vorschlag: Sozialkaufhaus. Jetzt ist sie bereits eineinhalb Jahre dabei. Sie hat Kundenkontakt, das mag sie, und wie alle achtet sie auf kleine Dinge, die das Leben schöner machen. „Denn manchmal“, sagt sie, „findet man auch etwas für sich.“ Klar, eine Bluse oder ein paar Schuhe. Oder wieder einen Job, eine Kollegin, einen Kontakt mit Kunden, Selbstbestätigung. Es ist schließlich – ein soziales Kaufhaus.

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