Ins Auto und los: Narantsetseg Shagdar arbeitet seit gut einem Jahr bei dem Ambulanten Pflegedienst Lichtblicke. In der Pflege werden Fachkräfte gesucht - und sie macht jetzt eine Ausbildung zur examinierten Pflegekraft. © Oliver Schaper
Arbeitsmarkt

In Dortmund fehlen Fachkräfte – wird Mutter in Zukunft nicht gepflegt?

Fachkräfte werden gesucht - oft vergeblich. 75 Prozent der Stellen, die 2021 der Arbeitsagentur gemeldet wurden, waren Stellen für Experten. So soll nun dem Fachkräftemangel begegnet werden.

Infolge der Corona-Pandemie hat Narantsetseg Shagdar ihren Job in der Textilbranche vor gut einem Jahr aufgegeben. Für die 46-Jährige gab es vorübergehend keine Beschäftigung, sie musste in Kurzarbeit. Ihr Weg führte sie zum Ambulanten Pflegedienst Lichtblicke in Hombruch. Da ist von Kurzarbeit keine Rede.

„Im Gegenteil: wir suchen händeringend Fachkräfte“, sagt Andrea Köhne, die bei dem Pflegedienst für das Personalwesen zuständig ist. Mindestens zwei Fachkräfte würde sie sofort einstellen, aber es gibt sie nicht. Narantsetseg Shagdar kam da gerade recht.

„Mir gefiel es sofort sehr gut und ich denke, das ist ein Beruf, den ich bis zu meiner Rente machen kann“, sagt die 46-Jährige. Nach einem Jahr als Hilfskraft hat sie nun die dreijährige Ausbildung zur examinierten Pflegekraft begonnen. „Darüber freuen wir uns sehr. Wir freuen uns immer, wenn wir Leute halten und weiterbilden können“, sagt Andrea Köhne.

Pflegedienste haben fast täglich Anfragen

„Tatsächlich“, stellt Heike Bettermann, die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Dortmund, fest, „wird der Fachkräfte-Engpass immer sichtbarer. Und auf der anderen Seite ist der Anteil der Menschen gestiegen, die aufgrund fehlender Qualifikation länger arbeitslos sind. Der Schlüssel, um Fachkräfte zu gewinnen, ist die Qualifizierung“, so Heike Bettermann. Sie freut sich daher über das Beispiel aus Hombruch. Daran zeige sich auch die Bedeutung des Qualifizierungs-Chancengesetzes, das sowohl für die Angestellte als auch für den Arbeitgeber den finanziellen Ausgleich für die Ausbildung schaffe.

Heike Bettermann, die Chefin der Arbeitsagentur in Dortmund, vermeldet einen angesichts der Corona-Pandemie relativ moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit. „Viele Arbeitsplätze werden aktuell durch Kurzarbeit gesichert“, sagt sie.
Heike Bettermann, die Chefin der Arbeitsagentur in Dortmund, vermeldet einen angesichts der Corona-Pandemie relativ moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit. „Viele Arbeitsplätze werden aktuell durch Kurzarbeit gesichert“, sagt sie. © Archiv

Gegen den Pflegenotstand braucht es viele solcher Beispiele. Schon heute stehen Familien in Dortmund vor der Situation, dass sie für den Vater oder die Mutter keine Pflege bekommen. „Wir können die Nachfrage nicht bedienen, wie sie Krankenhäuser, Kurzzeit-Einrichtungen und Angehörige an uns herantragen. Ich weiß, dass sämtliche Pflegedienste in Dortmund fast täglich Anfragen haben. Es gibt mehr Nachfrage, als man decken kann – und die geburtenstarken Jahrgänge kommen jetzt erst ins Rentenalter“, sagt Andrea Köhne.

Während sie damit auf den wachsenden Pflegebedarf in einer alternden Gesellschaft anspielt, ist für Arbeitsagentur-Chefin Heike Bettermann damit vor allem ein Arbeits- und Fachkräfteschwund verbunden. „Über 50.000 Beschäftigte gehen in Dortmund in den nächsten 10 Jahren in Rente. Rund ein Fünftel aller Fachkräfte mit einer dualen Berufsausbildung werden in den Ruhestand wechseln“, sagt sie. Der Bedarf an gut ausgebildetem Personal werde also weiter steigen: „Da, wo Beschäftigung angewachsen ist, waren schon im vergangenen Jahr immer Fachkräfte gesucht.“

IT-Firma würde sofort Fachinformatiker einstellen

Das gilt beispielsweise für die IT-Branche, die den durch die Corona-Pandemie ausgelösten Digitalisierungsschub zu schultern hat. „Wir können Projekte oft nicht so zeitnah umsetzen, weil einfach die Mitarbeiter fehlen“, sagt Armin Schade von der Grüninger GmbH & Co. KG für Büro- und Computertechnik.

16 Beschäftigte hat er zurzeit und sucht seit Oktober 2021 nach Verstärkung, um möglichst viele mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung betreuen zu können. „Auszubildende lösen das Problem erst mittelfristig. Kurzfristig muss man auf den Markt hoffen. Wir würden sofort zwei Fachinformatiker beziehungsweise Systemelektroniker einstellen“, so Armin Schade.

Mit der Suche nach Fachkräften ist er längst nicht allein. „75 Prozent der gemeldeten Stellen im vergangenen Jahr waren Stellen für Experten, nur zu 25 Prozent wurden Helfer gesucht. Das macht es schwer, den hohen Anteil an Geringqualifizierten mit den vorhandenen Stellen zusammenzubringen“, sagt Heike Bettermann.

Aktuell sind in Dortmund 33.759 Menschen arbeitslos – rund 2.200 Personen mehr als Anfang 2020. Durchschnittlich waren im vergangenen Jahr 36.561 Menschen arbeitslos. Gegenüber 2020 ist der Anteil an Langzeitarbeitslosen um 24,5 Prozent deutlich gewachsen. Im Jahr 2021 waren im gleitenden Jahresdurchschnitt 17.977 Menschen seit über einem Jahr ohne Erwerbstätigkeit.

Auch, wenn der Arbeitsmarkt sich in Dortmund trotz Lockdown, Teil-Lockdown und Kurzarbeit ziemlich robust gezeigt habe, stellt Dr. Regine Schmalhorst als Leiterin des Jobcenters fest, „bleibt das Thema Langzeitarbeitslosigkeit auch in 2022 weiterhin eine Herausforderung für den lokalen Arbeitsmarkt.“

Agentur-Chefin: „Wir werden Zuwanderung brauchen.“

Konkret kündigt sie an: „Wir wollen unter anderem 350 neue Einstellungen über das Teilhabechancengesetz realisieren und damit sowohl langzeitarbeitslose Menschen als auch Arbeitgeber nachhaltig unterstützen. Durch gezielte Qualifizierungs- und Aktivierungsmaßnahmen werden wir die Menschen fit für den Arbeitsmarkt machen und dadurch Möglichkeiten eröffnen.“

Das deckt sich mit dem von Heike Bettermann ausgegebenen Credo „Qualifizierung, Qualifizierung, Qualifizierung“ zur Behebung des Fachkräftemangels. Selbst wenn das aber sehr gut gelingt, so räumen beide Expertinnen ein, gebe der Dortmunder Arbeitsmarkt das Personal nicht her, um den Bedarf zu decken.

„Wir werden Menschen aus anderen Ländern brauchen, die auch schon ganz viel mitbringen“, sagt Regine Schmalhorst. Und Heike Bettermann unterstreicht das: „Wir werden Zuwanderung brauchen – von der Pflege bis hin zu verschiedenen Handwerksbereichen.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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