Lia (Bianka Lammert) und Julian (Thomas Ehrlichmann) legen eine Jam-Session zum Thema „Liebe" ein. Das ist nur eine der vielen Rollen, in die sie im neuen KJT-Stück schlüpfen. © Birgit Hupfeld
Theater

Ist Hass wie Liebe mit einem Minuszeichen?

Das KJT Dortmund feierte Premiere mit „Ich lieb dich". Auf engstem Raum gingen die Darsteller dabei auf (Liebes-)Tuchfühlung mit dem Publikum.

Während die Kastanien irgendwann verschrumpeln und das Zitroneneis, einmal nicht aufgepasst, in der Sommersonne dahinschmilzt, schwingen Omas Hüften beim Tanzen immer noch so schön wie früher. Zumindest für Opa, der immerhin schon 41 Jahre lang mit der ruhrpottlerischen Tee-Trinkerin verheiratet ist – und das bis zu seinem Tod wohl auch nicht mehr ändern will.

Für Julian (Thomas Ehrlichmann) ist letzteres kaum vorstellbar. Denn wenn er selbst sich zurückerinnert an die Art von Gefühlen, die ein Kind eben für Liebe hält – das Toben unterm Kastanienbaum, das geliebte Meerschweinchen und, klar, Zitroneneis -, erinnert er sich auch, wie vergänglich dieses seltsame Gefühl doch ist. Die bevorstehende Scheidung seiner Eltern verschlimmert diesen Eindruck noch.

Auf der anderen Seite ist da aber auch seine persönliche Zuneigung zu Lia (Bianka Lammert), deren Großeltern ihm zur Seite stehen. Kurz: Es ist kompliziert…

Darsteller verkörpern mehrere Rollen auf engstem Raum

Am Samstag (23.10.) fand im zweiten Saal des Kinder- und Jugendtheaters Dortmund die Premiere von „Ich lieb dich“ statt. Rund zwei Dutzend Zuschauer kamen in dem Raum so nah an das Darsteller-Duo heran, dass sie sich direkt in die Augen schauen lassen konnten. Da es in der schmalen Kulisse kaum Ablenkungen gibt, kann sich das Publikum ganz auf die Darsteller konzentrieren.

Wie man in so winziger Kulisse über 70 Minuten lang ein Publikum unterhält, zeigt sich rasch, als die Akteure zum ersten Mal ihre Rollen wechseln.

Während Ehrlichmann zu Beginn des Stückes den nachdenklichen Melancholiker an der E-Gitarre gibt, der ja so unsterblich in seine Jugendfreundin verliebt ist, schlüpft er wenig später in die Rolle des oben erwähnten Großvaters. Wenig später dann, warum auch nicht, wechselt er wieder die Rolle – diesmal wird er zur Großmutter.

Während Lammert zu Beginn die unverdorbene Lia spielt, die zwar weiß, dass sie Julian nicht liebt, keineswegs aber weiß, warum nicht, schlüpft sie wenig später abwechselnd in die Rollen der hüftenschwingenden Oma, des hobby-philosophierenden Opas – und sogar in die des gefühlvoll singenden (ja, richtig gelesen) Zitroneneis‘.

Dazu gibt Ehrlichmann einmal mehr den wehmütigen Sound an der E-Gitarre. Insgesamt wechseln die Schauspieler in „Ich lieb dich“ so oft und schnell die Rollen, dass der Junge in der ersten Reihe sich vor Belustigung irgendwann kaum mehr einkriegt.

Kinder wirken sich auf die Darsteller aus – und umgekehrt

Was in dem engen Raum wiederum durch die Darsteller mit Schmunzeln in die Rolle aufgenommen wird. „Autopoietische Feedbackschleife“ nennt das der Fachmann, wenn sich in einer Aufführungssituation das Verhalten des Publikums auf das Verhalten der Darsteller auswirkt und umgekehrt. Am Samstag ist dieser Effekt mehr als einmal eingetreten.

Wenn den Figuren ein „Scheiße“ oder „Halt die F…“ rausrutscht, wird das unter den Kindern im Publikum mit Gelächter aufgenommen. Die Figuren wiederum schmunzeln mit einem didaktischen Augenzwinkern zurück.

In der schmalen Kulisse von „Ich lieb dich
In der schmalen Kulisse von „Ich lieb dich“ springen die Darsteller von einer Rolle zur nächsten. © Birgit Hupfeld © Birgit Hupfeld

Auch inhaltlich wandeln sich die Vorstellungen der Liebe im Stück so oft wie die Rollen. Opa versucht einen Vergleich zum Schaufelgraben, bei dem man am Ende doch nichts findet. Oder sucht das Gegenstück zur Liebe – etwa Hass, der bloß Liebe mit einem Minuszeichen ist? Oder ist es am Ende die Angst, jemanden, den man liebt, zu verlieren? Lias Großeltern sind nur eine Station auf der Suche nach der Bedeutung des Begriffes.

Die führt später noch durch elektrische Jam-Sessions, Herbststürme und Blicke in die Zukunft. Als sich am Ende das gesamte Team auf der Bühne verbeugt, ist man kurz verblüfft, dass in der Stunde zuvor ja bloß zwei Menschen vor einem gestanden waren.

Weitere Informationen zum Stück sowie zum KJT sind zu finden unter www.theaterdo.de.