Nach fast 20 Jahren Leerstand soll der Riese abgerissen werden. Klaus Höveler passt seit 15 Jahren auf ihn auf. Geschichten aus dem Horror-Haus - und darüber, wie es so weit kommen konnte.

Dortmund

, 09.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Es muss vor zwei oder drei Jahren gewesen sein. Klaus Höveler (66) kam vom Einkaufen, als er „Klopfgeräusche“ aus dem Haus Kielstraße 26 hörte. Höveler tat, was er als Hausmeister seit nunmehr 15 Jahren macht: Er sah nach. Ging durch die Tiefgarage, schlich sich ins dritte Obergeschoss und beobachtete. Dann alarmierte er die Polizei.

Als die Beamten eintrafen, fanden sie drei Männer, die dabei waren, Wohnungswände aufzustemmen, um Kupferleitungen, Metallrohre und Kabel herauszubrechen. „Die haben ziemlich verdutzt geguckt, als die Polizei neben ihnen stand“, triumphiert Höveler.

Spannende Geschichten! Das kommt davon, wenn man den Job hat, in einem 18-geschossigen und verlassenen Betonklotz nach dem Rechten zu sehen. In einem Haus, das die Stadt zumauern ließ, weil alle 102 Wohnungen in einem desolaten Zustand waren.

Junkies, Brandstifter, Partys: Ins Horror-Hochhaus geht sogar der Hausmeister nicht alleine

Mit dem Verkauf des Hauses durch die Veba und der dann folgenden Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen fing das Drama an. © RN

Höveler könnte viele Geschichten über den traurigen Riesen an der Kielstraße erzählen, der unter dem Begriff „Horror-Hochhaus“ zu fragwürdiger Berühmtheit erlangt hat. „50 bis 70 Vorfälle“ hat Höveler in Erinnerung. Metallklau in Tateinheit mit erhoffter Wertsteigerung bei Verkauf. Junkies und Obdachlose, die ihren Schlafplatz suchen. Jugendliche, die Party machen. Brandstifter. „Alles dabei“, sagt Höveler.

Veba-Pläne stoßen auf Empörung

Voraussichtlich 2021 wird er nun abgetragen, der Wohnturm, mit dem so viele Menschen von gewinnsüchtigen Spekulanten ins private Unglück gestoßen worden sind.

Nach Jahren ist es der Stadt jetzt gelungen, jene 44 Einzeleigentümer und Eigentümergemeinschaften aufzuspüren, die sich vor langer Zeit für viel Geld Wohnungen hatten aufschwatzen ließen, die schon damals modernisierungsbedürftig waren. Inzwischen hat ihnen die Stadt die Wohnungen für einen Restwert abgekauft und so das „Horrorhochhaus“ in ihr Eigentum überführt. Sie wird es abreißen lassen und an seiner Stelle eine Kindertagesstätte bauen.

Junkies, Brandstifter, Partys: Ins Horror-Hochhaus geht sogar der Hausmeister nicht alleine

Eine heruntergekommene Sprechanlage und vereinzelte Schilder mit Namen erinnern daran, dass hier vor langer Zeit Menschen gewohnt haben. © Beushausen

Warnende Stimmen gibt es viele, als Ende 1992 bekannt wird: Eigentümerin Veba schickt sich an, das Hochhaus Kielstraße 26 zu verkaufen. Seit 1969 hängen dort die Gardinen vor den Fenstern. 102 Sozialwohnungen. Billige Mieten für Menschen, die nicht viel in der Tasche haben. Wohnraum ist wieder mal Mangelware.

Auf den Listen des Wohnungsamtes stehen rund 6000 Familien, die suchen. Der Mieterverein, Politiker und weitere Akteure protestieren gegen die Verkaufsabsichten der Veba, organisieren Unterschriftenlisten. Warum die Aufregung? – das ruft Veba ihnen zu. Für die Mieter ändere sich nichts. Mietsprünge seien nicht zu erwarten. Schließlich steckten die Wohnungen noch Jahre in der Sozialbindung.

Anfang Januar 1994 haben es die Mieter schriftlich: Veba hat das Haus verkauft. Aber nicht etwa an die Ruhr-Lippe, auf die man in Dortmund gesetzt hatte. Den Zuschlag erhalten die Eheleute Wachtmeester aus Wegberg bei Aachen. Binnen weniger Wochen stoßen sie die Immobilie wieder ab. Sie haben nur eine Zwischenrolle gespielt.

"Glücksritter, die absahnen wollen"

Im Februar 1994 melden sich drei neue Eigentümer: Die Kaufleute Gregor Burbaum und Mario Nikoloff sowie der Bankkaufmann Dieter Bieg aus Heilbronn bei Stuttgart, zusammengefasst in der Gesellschaft Burbaum, Bieg & Nikoloff GbR. Zu diesem Zeitpunkt ist das Haus 25 Jahre alt und bereits stark modernisierungsbedürftig. Die Veba hatte wenig investiert. Ein bisschen Geld für Reparaturen und Instandhaltung, mehr nicht.

Sehr bald erhalten die Bewohner Post von ihren neuen Vermietern. „Wir hoffen, dass ein angenehmes Zusammenarbeiten entsteht“, ist da zu lesen. Und dass „ein Vertreter aus unserem Haus bei Ihnen vorbeikommt“.

Junkies, Brandstifter, Partys: Ins Horror-Hochhaus geht sogar der Hausmeister nicht alleine

Der Ausblick, den Hausmeister Höveler von den oberen Geschossen hat, mag imposant sein. Beim Blick ins Innere des Gebäudes graust es ihm. © RN

Es tritt ein, was der Mieterverein und andere befürchten: Das Hochhaus mit seinen Wohnungen wird in Einzeleigentum zerlegt. Die angekündigten „Vertreter“ entpuppen sich als Verkäufer. Schellen bei Sozialhilfeempfängern und bei Aussiedlern und wollen ihnen die Wohnungen aufschwatzen, in denen die Menschen leben.

Die Herren erzählen, dass Wohneigentum „Steuervorteile“ mit sich bringe und gut sei für die Alterssicherung. Die Mieter winken ab. Sie beginnen, sich ernsthaft um ihre Bleibe zu sorgen. Die Situation im Haus spitzt sich zu: Es gibt massive Probleme mit Nebenkostenabrechnungen. Die ersten Bewohner stellen ihre Mietzahlungen ein.

„Glücksritter, die schnell absahnen wollen“, nennt Helmut Lierhaus, der Vorstandssprecher des Mietervereins, die Eigentümer. Er appelliert an die Veba, den Wohnblock zurückzukaufen. „Leichen im Keller haben leider die unangenehme Eigenschaft, von Zeit zu Zeit wieder aufzutauchen“, schreibt Lierhaus. Die Veba interessiert es nicht.

Ahnungslose Käufer aus Süddeutschland

Nach den erfolglosen Verkaufsgesprächen in Dortmund disponieren die Eigentümer um. Im März 1995 treffen sich Burbaum, Nikoloff und Bieg in den Räumen eines Notars in Stuttgart-Bad Cannstadt. Burbaum spricht für die GbR, seine beiden Partner plötzlich für die „nikocon Gesellschaft zur Vermittlung von Finanzierungen und Grundbesitz m.b.H.“, ebenfalls aus Stuttgart.

Mit am Tisch sitzt Ramazan S, ein 24-jähriger Kaufmann aus Kornwestheim. Er bringt eine Vollmacht mit. Ausgestellt haben sie der Lkw-Fahrer Cemil K. und dessen Gattin Havva K., „Hausfrau“. Sie leben in Süddeutschland und schließen einen Kaufvertrag für eine Wohnung in der Kielstraße 26 ab. Eine Wohnung, die sie nie zu Gesicht bekommen werden.

Junkies, Brandstifter, Partys: Ins Horror-Hochhaus geht sogar der Hausmeister nicht alleine

An der Kielstraße 26 kommt schon lange keine Post mehr an. Alle Anlagen sind dem Verfall preisgegeben. © Beushausen

Sie ahnen nicht, dass das Hochhaus in Dortmund immer stärker in Schieflage gerät. Denn natürlich nehmen auch Burbaum und Co. kein Geld in die Hand. Das türkische Ehepaar aber beschafft sich einen Kredit. Es kauft eine 88 Quadratmeter große Wohnung und zahlt dafür 237.600 Mark. Fast 2.700 Mark pro Quadratmeter.

Es ist ungefähr das Dreifache, das Veba beim Bau des Hauses investiert hatte. Dass ihre erzielbaren Mieteinnahmen höchstens 6336 Mark pro Jahr betragen und kaum zu steigern sind, scheint das Paar nicht zu interessieren. Oder sie wissen es nicht.

So wie all die anderen, die ahnungslos Wohnungen kaufen, die ihre beste Zeit lange hinter sich haben: Kraftfahrer, Schlosser, Ärzte, Goldschmiede. Nach Schätzung des Mietervereins fließen den Verkäufern rund 15 Millionen Mark zu. Den Wert des Hauses taxieren die Mieterschützer auf „rund vier Millionen Mark.“

Hausmeister kontrolliert in Begleitung

Das Hochhaus leert sich, immer mehr Bewohner suchen das Weite. Andere stellen ihre Mietzahlungen ein. Die Finanzierung der vielen neuen Einzeleigentümer, ohnehin auf töneren Füßen, bricht endgültig zusammen. Viele werden insolvent, können ihre Kredite nicht mehr bedienen. Selbst die Zahlungen der Mieter für die Strom- und Wasserrechnungen leiten die Eigentümer nicht an DEW weiter.

Im April 2002 kappt DEW alle Lieferungen. Zu dem Zeitpunkt steht bereits jede vierte Wohnung leer, etliche sind in Zwangsverwaltung. Nun flüchten auch die letzten Mieter - die Immobilie wird zum „Geisterhaus“. Zum Rückzugsort für Obdachlose, Junkies und Abenteuerlustige. Am 21. November 2002 mauert die Stadt den Betonklotz zu.

Im Juni 2019 spricht OB Ullrich Sierau rückblickend von „einem Kollateralschaden der Wohnungswirtschaft.“ Hausmeister Höveler von „einem Schandfleck“, der endlich wegkomme. Zweimal in der Woche geht er durch und kontrolliert. Er nimmt sich dann immer zwei Nachbarn mit, sagt er. Wegen der Sicherheit.

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