Junkies hausten in städtischem Kunstbesitz

Bilder vergammelt

Neues Kapitel im Skandal um die rund 450 Kunstwerke, die der Stadt Dortmund verloren gegangen sind: Wie Kunstwerke aus dem städtischen Archiv im Laufe der Jahre vernichtet wurden, erklärte Stadtdirektor und Kulturdezernent Jörg Stüdemann am Dienstag im Kulturausschuss an einem bemerkenswerten Beispiel - das sich um vergammelte Bilder und fünf Drogenabhängige drehte.

DORTMUND

, 22.06.2017, 02:48 Uhr / Lesedauer: 2 min
Junkies hausten in städtischem Kunstbesitz

Das Gelände der Anne-Frank-Gesamtschule: Hier wurden die Bilder zwischengelagert, bevor sie in einer Garage verschwanden, in der später Junkies hausten.

Der Kunstschwund-Skandal im Überblick:

  • Rund 450 Kunstwerke sind aus dem städtischen Besitz verschwunden, anfangs waren sogar über 600.
  • Allein aus dem Kunstarchiv sind es seit dem Jahr 1993 403 Werke im Wert von über 100.000 Euro.
  • Die Stadt versucht, das Thema herunterzuspielen. Ihr Argument: Der Kunstschwund habe keine Auswirkungen auf die Bilanz der städtischen Kulturbetriebe.
  • Trotzdem räumt die Verwaltung Fehler bei der Lagerung und dem Verleihen von städtischen Kunstwerken ein.

 

Und das kam so: Als das damalige städtische Seniorenheim Burgholz, heute ein Seniorenwohnpark, im Jahr 2002 in einen Neubau nebenan zog, nahm man im Altbau 108 Bilder von den Wänden, die beim Kunstarchiv ausgeliehen worden waren. Statt sie dorthin zurückzugeben, bat das Heim die benachbarte Anne-Frank-Gesamtschule, die Bilder dort zwischenzulagern – und holte sie nie wieder ab.

Ab in die Garage

Die Anne-Frank-Gesamtschule brauchte aber irgendwann den Platz. Der Hausmeister parkte die Bilder deshalb kurzerhand in einer Garage. Dort schimmelten sie vor sich hin. Die Hausmeister wechselten, und irgendwann wusste niemand mehr, was das für Kunstwerke waren. Die Vermutung: Reste aus einem Kunstleistungskurs?

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Im Januar 2016 brachen fünf Drogenabhängige in die unbewachte Garage ein und hausten dort ein halbes Jahr lang im Schatten der schon angegammelten Kunst, ehe die Polizei einen Teil von ihnen aufgriff. Die Junkies schliefen und kochten dort, setzten ihre Spritzen und verrichteten ihre Notdurft. Stüdemann: „Das war nicht appetitlich.“

Alles musste weg

Wegen der Fäkalien, Essensreste und Spritzbestecke wurde das Gesundheitsamt eingeschaltet – und befand: Die Bilder müssen alle raus und weg.

Es sei ein Fehler gewesen, sagt Stüdemann, dass anfangs nicht Personen, sondern Ämter Kunstwerke ausgeliehen haben. Diese „organisierte Unverantwortlichkeit“ habe man im Jahr 2008 geändert. Seitdem können Stadtmitarbeiter nur noch persönlich Kunstwerke für ihre Amtsstuben ausleihen.

Auch Radierung von Max Ernst verschwunden

Trotzdem sind auch nach 2008 Kunstwerke weggekommen. Wie berichtet, waren es seit 1993 allein aus dem Kunstarchiv 403 Werke im Gesamtwert von rund 100.000 Euro – etwa jedes zehnte aus dem Bestand. Das Kunstarchiv kauft als Fördermaßnahme jedes Jahr Werke heimischer Künstler im Gesamtwert von 25.000 Euro auf.

Unter den 43 Kunstwerken, die im Museum Ostwall unwiederbringlich verloren gegangen sind, ist eine Radierung von Max Ernst. Damaliger Ankaufswert: 750 DM (383,47 Euro).

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