Käuflicher Sex und Corona: „Wir sind hier doch Menschen zweiter Klasse“

rnProstitution in Dortmund

Seit über drei Monaten ist die Linienstraße dicht. Zwei Prostituierte, eine Haushälterin und ein Hausbetreiber sprechen über existenzielle Sorgen. Und die Angst davor, für immer geschlossen zu bleiben.

Dortmund

, 29.06.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Linienstraße liegt leer in der Mittagssonne, die Fenster sind verwaist, kleine Schilder an den Fenstern. Lady Charly hinterließ die Nachricht, dass sie am 30. März wieder da wäre. Lady Sina hat ihre Arbeitszeiten hinterlegt, unter der Woche außer mittwochs von 11.00 bis 17.30 Uhr. An einem Dienstag im Juni gegen 14 Uhr ist sie nicht zu sehen. Wie auch sonst niemand.

Es wirkt ein bisschen so wie in den Katastrophenfilmen, wenn auf einmal alles stehen- und liegengelassen wurde und wo noch das Geschirr auf den Tischen steht – und ein bisschen war es ja auch so, als am 15. März 2020 die Linienstraße auf einmal nicht mehr das war, was sie über 100 Jahre lang war: Die Rotlichtmeile in Dortmund, 365 Tage im Jahr und das 24 Stunden.

Rund 150 Frauen vor Corona

Rund 150 Prostituierte haben sich hier in den Schaufenstern am Tag angeboten in den Häusern, schätzt einer, der es wissen sollte. Er betreibt drei der Häuser und das auch nicht erst seit gestern. Oder besser: Er betrieb, denn hier passiert ja nichts mehr. Und außer regelmäßig nach dem Rechten zu sehen, ist im Moment nicht viel zu tun.

Viele der Frauen, die hier tätig waren, sind zu Beginn der Corona-Krise in ihre Heimatländer gefahren. Und während viele Branchen in NRW ihre Probleme nach außen trugen und sich zu Wort meldeten, war es um die Prostitution still geworden. Oder besser, es wurde, wenn überhaupt, über sie gesprochen. Und nicht (oder allenfalls selten) mit denen, die in der Branche arbeiten.

Forderung nach einem Sexkaufverbot

Karl Lauterbach ist SPD-Bundestagsabgeordneter und Gesundheitsexperte seiner Fraktion, er hatte Mitte Mai in einem gemeinsamen Brief mit mehreren anderen Abgeordneten gefordert, „keine Lockerung bei der Prostitution und keine Öffnung von Bordellen zuzulassen“.

Während der Corona-Pandemie ist das ein nachvollziehbarer Wunsch, doch in dem Brief steckte mehr. Die zweite Forderung war de facto ein generelles Sexkaufverbot. Die Bundesregierung sollte sich an dem sogenannten nordischen Modell orientieren und nicht die Prostituierten, sondern deren Freier kriminalisieren.

Und jetzt, wo es immer mehr Lockerungen gibt und viele Branchen zumindest ein Licht am Ende des Tunnels erahnen können, ist in der Linienstraße weiterhin komplett unklar, wie und wann es weitergehen kann.

Über 100 Jahre Rotlichtstraße

Vier Menschen sitzen in einem der Häuser in der Linienstraße an einem Tisch in einer kleinen Küche im Souterrain. An der Wand hängen Ausflüge in die Geschichte der Linienstraße, erst in die jüngere: Das Foto eines Hauses, gelb gestrichen, aus jedem der sechs Fenster schaut eine Frau hinaus, über ihnen das BVB-Logo und dazu der Schriftzug „Die Linienstraße gratuliert dem BVB zur Deutschen Meisterschaft.“ 2012 war das.

2012 änderte sich die Fassade dieses Hauses. Schalker, so sagen sie in der Linienstraße, hätten seit diesem Tag manchmal Probleme, hier einzutreten.

2012 änderte sich die Fassade dieses Hauses. Schalker, so sagen sie in der Linienstraße, hätten seit diesem Tag manchmal Probleme, hier einzutreten. © Tobias Großekemper

Daneben eine alte Postkarte, von 1904, die die Linienstraße zeigen soll, schon damals sei das hier die Rotlichtstraße gewesen.

Zwei Prostituierte sitzen an dem Tisch, eine Haushälterin, die hier schon seit 20 Jahren tätig ist, und der Betreiber. Sie möchten darüber sprechen, wie es ihnen geht und was die Corona-Krise für sie bedeutet.

„Welcher Politiker geht für uns in den Ring?“

„Komplett perspektivlos ist unsere Situation zurzeit“, sagt eine der Frauen. Sie sei, sie wird das mehrfach sagen, keine Zwangsprostituierte, sie habe sich selbst für diese Tätigkeit entschieden und könne sich nichts anderes vorstellen. Jetzt habe sie das Gefühl, dass Corona dazu ausgenutzt werden soll, die Prostitution komplett zu verbieten.

Was Lauterbach da angestoßen habe, sei letztlich der Tatsache geschuldet, dass die SPD immer unwichtiger werde. 50 Prozent der Wähler seien Frauen, und von denen fände es die überwiegende Mehrheit bestimmt gut, wenn es keine Bordelle mehr geben würde. Andererseits hätten die Bordelle und die Prostituierten „keine Lobby, denn welcher Politiker geht für uns in den Ring?“

Lauterbach wisse einfach nicht, was die Prostituierten für die Gesellschaft täten, sie würde, sagt die Frau, den Mann gerne mal einladen, damit er sich selbst ein Bild davon machen könne.

Anzahl der Prostituierten in der Stadt unbekannt

Dass ganze Branchen unter der Corona-Krise leiden, ist kein Alleinstellungsmerkmal. Gastronomien, Restaurants, Hotels, Taxen, viele mehr, es wäre vermutlich eine kürzere Aufzählung, wenn man die Branchen auflisten würde, die keinen Schaden davontragen. Richtig problematisch sieht es für Clubs und Diskotheken aus, die auch nicht wissen, wie oder wann es weitergehen kann.

Das aber eine Branche komplett abgewickelt werden könnte, ist ein Vorstoß, der ziemlich einzigartig ist. Wie viele Prostituierte es alleine in Dortmund gibt, ist unklar. 608 Frauen hatten sich allein in der Stadt als Prostituierte registrieren lassen, doch die Stadtverwaltung geht davon aus, dass die Zahl der tatsächlichen Prostituierten „deutlich höher“ ist.

Ein wenig zu optimistisch oder vielleicht noch vor der Corona-Krise verfasst wurde die Nachricht an einem der Fenster.

Ein wenig zu optimistisch oder vielleicht noch vor der Corona-Krise verfasst wurde die Nachricht an einem der Fenster. © Tobias Großekemper

Denn einerseits können auch Frauen hier arbeiten, die sich in anderen Kommunen haben registrieren lassen. Andererseits gibt es eine unbekannte Zahl an Frauen, die nicht registriert sind.

Legale würden bestraft, Illegale ignoriert

Der Betreiber erzählt, er habe in seinen Häusern in der Linienstraße insgesamt 23 Mitarbeiter, Putzfrauen seien dabei, Wirtschafterinnen oder Haushälterinnen, allesamt hätten sogenannte 450-Euro-Jobs, rund die Hälfte davon seien Rentner. Er sei, sagt der Mann, kein Virologe, er wisse auch nicht, was zu tun sei. „Aber wo ist der Unterschied zwischen einer Tantra-Massage und uns?“

An einem Wochenende, noch gar nicht lange her, habe es in einem Swingerclub in Fröndenberg schon wieder eine Veranstaltung gegeben. Für ihn ist die Situation wie folgt: Die Frauen, die auf der Linienstraße arbeiten, seien angemeldet und könnten nicht arbeiten. Die, die nicht angemeldet seien, die in irgendwelchen Parks oder im Netz ihre Dienste anbieten: Die würden aber arbeiten. Die Legalen also würden bestraft, die Illegalen ignoriert.

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Die Hauswirtschafterin, die auch am Küchentisch sitzt, sagt auf die Frage, was sie am 15. März gedacht habe, als die Betriebe auf der Linienstraße dichtmachten: „Um Gottes Willen, wie soll das jetzt weitergehen?“ Heute habe sie auf die Frage immer noch keine Antwort und wisse immer noch nicht, was sie sagen soll.

Auch die Mitternachtsmission drängt

Die Mitternachtsmission in Dortmund ist eine Fachberatungsstelle für Prostituierte. Sie hatte sich Anfang Juni wie folgt positioniert: „Wir wünschen uns eine Gleichstellung von erotischen mit anderen körpernahen Dienstleistungen und damit eine zeitnahe Beendigung des Arbeitsverbotes für Menschen in der Prostitution, natürlich unter Berücksichtigung von notwendigen Hygienemaßnahmen.“

Viele Menschen in der Prostitution stünden aktuell vor dem Nichts und fürchteten um ihre Existenz. „Mit großem Unverständnis beobachten wir die Bestrebungen von Organisationen und einzelnen Poltiker*innen, die die jetzige Krisensituation zum Anlass nehmen und ein Sexkaufverbot fordern.“

„Wir sind Menschen zweiter Klasse“

Die zweite Frau, die hier normalerweise anschaffen geht, hört lange einfach nur zu. Dann sagt sie, sie habe es satt, kriminalisiert zu werden und immer als Zwangsprostituierte zu gelten. Im Moment lebt sie von ihren Ersparnissen. Wie es weitergeht, wenn die aufgebraucht sind? Schulterzucken.

„Wir sind hier doch“, sagt sie, „Menschen zweiter Klasse.“ Bei denen komplett ignoriert werde, was sie für die Gesellschaft tun. Niemand werde gezwungen, hierher zu kommen. Prostitution, sagt ihre Kollegin, sei doch gar nicht nur der klassische Sex.

Verbalerotik komme vor, einfach nur ein Gespräch sei auch nicht selten, „es gibt Tage, an denen arbeite ich hier und habe keinen sexuellen Kontakt und trotzdem Kunden.“

Ein wenig zu optimistisch oder vielleicht noch vor der Corona-Krise verfasst wurde die Nachricht an einem der Fenster.

Ein wenig zu optimistisch oder vielleicht noch vor der Corona-Krise verfasst wurde die Nachricht an einem der Fenster. © Tobias Großekemper

Wie das jetzt alles werden soll, wissen sie nicht. Das Virus ist da, der Job verboten, die Straße leer. Ab und an fährt die Polizei Streife, ab und an geht ein Mann durch die Straße und schaut, ob immer noch alles zu ist. Wenn man Linienstraße bei Google eingibt, wird als dritter Treffer „Linienstraße wieder offen“ angezeigt.

Vermutlich wird sie irgendwann wieder offen sein. Doch wie und wann und wie sie dann aussehen wird, ist komplett unklar.

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