Wenn Internet-Recherchen über rechtsextremen Kampfsport in eine Dortmunder Bank führen

rnRechtsextremismus

Dortmunder Nazis organisieren den „Kampf der Nibelungen“. Hooligans und Rechtsextremisten steigen in den Ring. Einer der Kämpfer mit Kontakt zu Nazis arbeitet bei einer Bank in Dortmund.

Dortmund

, 14.03.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

White Rex“ ist der Name eines rechtsextremen Kampfsport-Unternehmens des aus Russland stammenden Dennis „Nikitin“ – so kursiert sein Name im Internet. Tatsächlich heißt er Kapustin. Mit viel Geld aus teils unbekannten Quellen unterstützt er Hooligans in ganz Europa und tritt als Kämpfer oder Redner auch beim „Kampf der Nibelungen“ auf. Den Kampf der Nibelungen organisiert der Neonazi Alexander Deptolla aus Dortmund-Dorstfeld.

Konspirativ. Denn Behörden sollen so spät wie möglich von Termin und Ort der rechtsextremen Kampfsport-Veranstaltungen erfahren. Das erschwert Auflagen und Verbote. Deptolla zieht die Strippen und zeichnet für den Internetauftritt verantwortlich. Bei einem der letzten Kämpfe im sächsischen Ostritz hat auch ein junger Berufsanfänger der Sparkasse Dortmund mitgekämpft.

Bei Google leicht zu finden

Eine einfache Suche mit dem Vor- und Nachnamen des Bankers bei Google führte zu Texten und Fotos, die eine antifaschistische Organisation und sein Arbeitgeber veröffentlicht haben. Nach wenigen Klicks und einem Bildabgleich steht fest: Gesichter stimmen überein. Die Antifa-Organisation „Runter von der Matte“ erwähnt den jungen Mann im Umfeld von Hooligans und Kämpfern. Auf der Facebookseite der Sparkasse ist der junge Mann ebenfalls zu sehen, bekleidet mit einem Anzug. Zu Personalangelegenheiten möchte sich die Sparkasse nicht weiter äußern.

Jetzt lesen

Unter den Kämpfern auf der Seite „Runter von der Matte“ ist auch der wegen Totschlags und anderer schwerer Gewalttaten mehrfach zu langjährigen Haftstrafen verurteilte Sven Kahlin. 2005 hat er in der U-Bahnstation Kampstraße einen Mann mit einem Messerstich ins Herz getötet. Nach einer Heirat im Oktober 2017 heißt er jetzt Schröder. Auf Fotos wirbt er in sportlichem Dress für den „Kampf der Nibelungen“. Bei dem der Sparkassen-Angestellte mitgekämpft hat.

Nazis als Freunde bei Facebook

Die Facebook-Freundesliste des in Dorstfeld trainierenden Mannes ist inzwischen nicht mehr öffentlich sichtbar. Zu seinen „Facebook-Freunden“ und -Kontakten gehören der wegen mehrerer Gewalttaten seit Dezember 2018 in Untersuchungshaft sitzende Steven F., der Neonazi und „Kampf der Nibelungen“-Organisator Alexander Deptolla, der vorbestrafte Christoph Drewer und eine Person aus dem Rockermilieu.

Eng verbunden sind Nibelungen-Kämpfer international und lokal mit der Hooliganszene. Bundesweit organisierte Veranstaltungen werden von Dorstfeld aus aufgezogen. Beim Training für das Kräftemessen im Ring geht es nicht allein um einen Rang in der Kampfsportszene: „Die sprechen offen von einer Vorbereitung eines Straßenkampfes. Wenn man nicht an den Zufall glaubt, sind das jetzt die Vorzeichen“, sagt Georg Steinert vom Staatsschutz der Polizei in Dortmund.

Verfassungsschutz beobachtet Nibelungen-Netzwerk

Eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Innenministeriums sagte auf Anfrage, dass der NRW-Verfassungsschutz die „handelnden Akteure, Veranstaltungen und Trainingsgruppen“ des von Alexander Deptolla organisierten „Kampf der Nibelungen“ intensiv beobachte. Die Botschaft dieser Aussage aus dem Innenministerium: Wer in den Dunstkreis der international vernetzten politischen Extremisten eintritt, muss wissen: der Staat ermittelt mit verdeckten Methoden und speichert Erkenntnisse.

Wenn Internet-Recherchen über rechtsextremen Kampfsport in eine Dortmunder Bank führen

Wer in den Dunstkreis rechtsextremer Organsationen eintritt, gerät in den Blick der Polizei und des Verfassungsschutzes. © Peter Bandermann

Auch, weil es direkte Verbindungen zur Partei „Die Rechte“ gibt. Sie ist 2012 kurz nach dem Verbot des verfassungsfeindlichen „Nationalen Widerstand Dortmund“ gegründet worden. Dortmunder Neonazis sind teils als Vorstandsmitglieder in der Partei und beim „Kampf der Nibelungen“ aktiv.

Erlebniswelt Rechtsextremismus

Wie harter Rechtsrock zählt auch Kampfsport zur „Erlebniswelt Rechtsextremismus“. Professionell aufgezogene rechtsextreme Kampfsportveranstaltungen gewinnen laut Verfassungsschutz „zunehmend an Bedeutung“. Sie förderten den Zusammenhalt, bestätigten „ideologische Überzeugungen“ und würden durch Merchandising auch viel Geld einbringen, bei den Veranstaltern sogar zum Lebensunterhalt beitragen.

Kampf, Politik, Musik und Demonstrationen seien die „sozialen Mechanismen“ in dieser Szene, sagt Georg Steinert von der Dortmunder Polizei.

Der Kampf der Nibelungen bildet „junge Deutsche“ in Seminaren im Ruhrgebiet auch zum „Straßenkampf“ aus. Einen Termin soll es im April 2019 geben. Wettkämpfe organisieren die Macher laut Verfassungsschutz hochgradig professionell. Das mache sie attraktiv und erhöhe den Profit. Georg Steinert vom Staatsschutz in Dortmund: „Da gibt es Parkplatzkontrollen, äußere Kontrollen und innere Kontrollen.“ Die Orte für Seminare und Kämpfe in Fitnessstudios und Hallen halten die Organisatoren geheim.

White Rex lieferte Ideologie und Geld

Ideologisch und finanziell angeschoben wurde der Kampf der Nibelungen von Dennis Kapustin, dessen rechtsextremes Kampfsportunternehmen „White Rex“ als Sponsor viel Geld in die europäische Kampfsportszene gepumpt hat. Sein „White Rex“-Label ist in der Naziszene zu einer Marke für Sportartikel geworden. Aus welchen Quellen in Russland und auch der Ukraine noch mehr Geld fließt, ist nicht eindeutig bekannt.

Gesichert ist, dass Kapustin selbst Kampfsportveranstaltungen und Rechtsrockkonzerte organisiert und Rechtsextremisten trainiert. Nazis aus der Dortmunder Hooliganszene haben bereits in Russland mitgekämpft. Kapustin trainierte mehrfach in einem Kampfsportstudio in Huckarde, wo auch der Neonazi Timo K. vor seinem Rausschmiss aktiv war. Mit einem Transparent hatte K. im Jahr 2012 bei einem BVB-Heimspiel auf der Südtribüne für Solidarität mit dem „Nationalen Widerstand“ geworben.

Coba-Yana hilft beim Ausstieg

An ihren Arbeitsplätzen stellen Neonazis ihre Gesinnung eher selten zur Schau. Für die vom Bundesprojekt „Demokratie leben“ geförderte Dortmunder Ausstiegs-Beratung „Coba-Yana“ ist es aber kein Einzelfall, dass Rechtsextremisten oder dem Milieu nahestehende Personen im öffentlichen Dienst oder Unternehmen auffallen. „Arbeitgeber sind meist sehr unsicher, vor allem dann, wenn sie nicht genau wissen, wie tief ein Mitarbeiter in der Szene drin steckt“, sagt „Coba-Yana“-Mitarbeiter Lukas Schneider. Das Brisante: Mitglieder einer Naziszene haben Zugriff auf höchstpersönliche Kundendaten.

Coba-Yana bietet Ausstiegshilfen an und will den Ausstieg vor dem Einstieg organisieren. Der Verlust eines Ausbildungs- oder Arbeitsplatzes als Folge der Mitgliedschaft in einer rechtsextremen Vereinigung oder der Nähe zu ihr kann die Zugehörigkeit zur Szene verfestigen.

Arbeitgeber zeigen keine Toleranz

In bisher allen Fällen hätten die Arbeitgeber in Dortmund aber „sozial und engagiert“ reagiert. Lukas Schneider: „Sie investieren viel Energie und wollen das Beschäftigungsverhältnis aufrechterhalten, aber eine Mitgliedschaft in der rechtsextremen Szene auf keinen Fall tolerieren.“ In der Öffentlichkeit stehenden Unternehmen mit Kundenverkehr sei bewusst, dass ihnen ein Fall schaden könnte.

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt