Kaufhof-Ende: "Ich fürchte, dass ich das ohne Tabletten nicht aushalte"

rnAbschied vom Kaufhaus

Seit fast 33 Jahren arbeitet Bettina Pate (49) bei Kaufhof. 2013 kam sie nach Dortmund – "ihr" Haus in Düsseldorf war dicht gemacht worden. Das könnte ihr nun ein zweites Mal bevorstehen.

Dortmund

, 27.07.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

An ihren letzten Arbeitstag möchte sie erst gar nicht denken. Nach aktuellem Stand soll der Kaufhof am 31. Oktober geschlossen worden. Das Datum baut sich „wie ein Grabstein“ vor ihren Augen auf. Verkäuferin Bettina Pate muss damit rechnen, wie alle 86 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz zu verlieren. „Es ist jetzt schon schwer für uns“, sagt die Frau. Aber der letzte Tag, der werde besonders schlimm.

Die Stimmung unter den Mitarbeitern sei am Boden, und es passiere immer wieder, dass jemand zu weinen beginne. „Viele kommen mit der Situation einfach nicht klar“, sagt sie und denkt besonders an die Alleinerziehenden, die Kinder zu Hause haben.

Bettina Pate, kinderlos und nicht verheiratet, versucht sich irgendwie zu arrangieren mit dem, was kommt. Auch ihr fällt es erkennbar schwer. Ihr Gemütszustand während des Gesprächs gleicht einer Achterbahnfahrt: Mal scherzt sie, als wolle sie die Situation einfach weglachen. Ein anderes Mal füllen sich die Augen mit Tränen, dann muss sie an sich halten.

"Ich bin um drei Uhr nachts wach geworden"

Sie saß im Zug auf der Rückfahrt von Hamburg, als ihre Chefin per Anruf mitteilte, dass die drei Dortmunder Galeria-Häuser geschlossen werden sollten. Bettina Pate glaubte an ein Deja-vu: Sie hat bereits erleben müssen, wie der Düsseldorfer Kaufhof 2013 dicht gemacht wurde und ihr Arbeitsplatz verloren ging.

Deshalb war sie ja damals in die Dortmunder Filiale gewechselt. In der Hoffnung auf einen gesicherten Arbeitsplatz. Und jetzt? Das Gleiche nochmal von vorn? Was geschieht, wenn ein Mensch plötzlich Angst um seine Zukunft hat und er nicht weiß, was am 2. November sein wird?

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„Es zehrt an den Nerven“, sagt Bettina Pate. „Ich bin nachts um drei Uhr aufgewacht und durch die Wohnung gegangen.“ Eigentlich, sagt sie, müsste sie raus aus dem Einzelhandel. Man sehe doch, wie es mit den Jahren bergab gehe.

Andererseits ist der Einzelhandel ihr Leben. Im Einzelhandel hat sie gelernt, dort ist sie groß geworden. „Im August bin ich 33 Jahre bei Kaufhof.“ Und es ist nicht so, dass sie bereits abgeschlossen hätte. Noch seien die Lichter ja nicht aus, sagt sie. „Wir klammern uns an jeden Strohhalm.“

Aber sie weiß, dass die Rettung des Hauses mit jedem Tag in immer weitere Ferne rückt und umgekehrt der Tag der Schließung immer näher. Sie versucht darauf vorbereitet zu sein: Sie hat sich in die Transfergesellschaft eingetragen. Wie etwa die Hälfte der 86 Kaufhof-Beschäftigten. Die anderen Kolleginnen und Kollegen werden bis spätestens 31. Juli die Kündigungen erhalten und müssen sich dann selbst auf dem Arbeitsmarkt umsehen.

Vom Kaufhof als Zugbegleiterin zur Deutschen Bahn?

Frank Malmwieck, ihr Betriebsratsvorsitzender, geht davon aus, dass es im Falle einer Schließung kaum noch eine Verlängerung geben kann, um zumindest das Weihnachtsgeschäft mitzunehmen. „Sind die Kündigungen erst mal raus, kann Kaufhof die Frist bis zur Schließung meines Wissens über den 31. Oktober hinaus nach nicht mehr verlängern“, sagt Malmwieck.

Sechs Monate Transfergesellschaft sind nicht viel. Dennoch hofft Bettina Pate, dass es reicht. Dass sie vermittelt wird. Entweder in eine weitere Galeria-Filiale. Wieder in einer anderen Stadt. Oder in einen Job irgendwo anders. Die Leute von der Transfergesellschaft hätten berichtet, dass die Vermittlungsquote bei 73 Prozent liege, erzählt sie.

Die Plakate auf den Scheiben von Kaufhof sprechen aus Kundensicht eine deutliche Sprache.

Die Plakate auf den Scheiben von Kaufhof sprechen aus Kundensicht eine deutliche Sprache. © Gregor Beushausen

Und sie hat ein weiteres Eisen im Feuer: Sie hat sich auf Anraten eines Zugbegleiters bei der Deutschen Bahn beworben. Sie kann sich vorstellen, selber als Zugbegleiterin zu arbeiten, sagt sie. Stellenangebote im Internet hat sie dafür zwar nicht mehr gefunden. Trotzdem: Eine Bewerbung selbst ins Blaue hinein kann ja nicht schaden...

Kaufhof hat den Abverkauf gestartet. Jetzt sind sie plötzlich da, die Schlangen vor den Ladenkassen. Bettina Pate sieht es mit gemischten Gefühlen. Es fühlt sich an, als sei alles in Auflösung begriffen. „Es gibt viele Kunden, die uns ansprechen und ihr Mitgefühl ausdrücken“, erzählt sie. Das sei emotional schwer auszuhalten.

Eine Woche vor dem Aus flieht sie in den Urlaub

Dann berichtet sie über einen Stammkunden. Ein Mann „um die Mitte 50“, der ihr vor Jahren mal beim Einsortieren von Koffern in die oberen Regalreihen behilflich gewesen sei. Erst neulich habe er sie bestürzt gefragt, mit wem er sich denn künftig unterhalten solle, wenn Kaufhof erstmal geschlossen sei? „Dann müssen Sie wohl zu Karstadt gehen“, habe sie geantwortet. Es sind Gespräche, die ihr wehtun.

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Den 31. Oktober, den Tag, an dem Schließung anberaumt ist, werde sie im Geschäft nicht aushalten, sagt sie. „Ich kann das nicht.“ Es ist ein Samstag. Wie es derzeit aussieht, wird es der letzte Tag für Kaufhof Dortmund sein. Bettina Pate, das hat sie sich vorgenommen, wird an diesem Tag nicht im Laden stehen. Nicht mehr in der Lederwarenabteilung und auch sonst nirgendwo mehr.

Sie hat Urlaub genommen. Sie möchte sich eine Woche vorher, am 24. Oktober, von ihren Kolleginnen und Kollegen verabschieden. „In Düsseldorf hab' ich das damals auch so gemacht.“ Ihr letzter Tag werde schlimm, sagt sie voraus. Sie habe regelrecht Angst davor. „Ich fürchte, dass ich das ohne Beruhigungstabletten nicht aushalte.“

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