Warum Schauspiel-Intendant Kay Voges das Ordnungsamt übernehmen will

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Schauspiel-Intendant Voges geht nach Wien. Mit ihm hat das Schauspiel in 10 Jahren viele Erfolge gehabt – trotz zeitweise „unwürdiger“ Umstände. Ein Interview zur Premiere der letzten Arbeit.

Dortmund

, 10.10.2019, 18:14 Uhr / Lesedauer: 4 min

Kay Voges trägt ein kariertes Sakko und ein „The Clash“-T-Shirt. Er kommt gerade aus einer Probe und muss gleich in eine Beiratssitzung der Akademie für Theater und Digitalität. Mit Ende der Spielzeit 2019/2020 endet auch seine Zeit als Intendant des Dortmunder Schauspiels. Er wechselt ans Volkstheater Wien. Zeit für ein Gespräch: über die Premiere seiner letzten Dortmunder Regiearbeit „Play: Möwe / Abriss einer Reise“ am Freitag (11.10.) und über zehn Jahre Schauspiel in Dortmund.

Herr Voges, als Sie nach Dortmund gekommen sind, haben Sie in einem Ihrer ersten Interviews gesagt, Sie wollten „den Atem der Stadt spüren“. Tatsächlich ist Ihnen dann erstmal Gegenwind ins Gesicht geblasen worden. Zehn Jahre später: Wie war Dortmund zu Ihnen?

Kay Voges: Wir sind hier mit einer großen Skepsis empfangen worden. Liebgewordene Menschen sind gegangen und dann kommen auf einmal diese Neuen. Ich glaube aber, dass die Menschen in dieser Stadt schnell gemerkt haben, dass wir sie ernst nehmen und uns für sie und für die Kunst aufs Spiel setzen. Wir haben gesagt, dass wir auf der Suche nach einem Theater der Gegenwart sind. Und auf diese Suche sind wir dann gemeinsam gegangen.

In Ihrer letzten Regiearbeit in Dortmund geht es auch um eine Rückschau auf diese Suche der vergangenen zehn Jahre. Wo haben Sie da angefangen?

Wir haben uns erst mal zusammengesetzt – das gesamte Team – und anderthalb Wochen lang gesprochen und uns erinnert: Was waren für uns besondere Ereignisse? Woran sind wir gewachsen und woran gescheitert? Diese ganz persönliche Reise, die wir gemacht haben, haben wir dann über Anton Tschechows „Möwe“ gelegt.

Und was erwartet das Publikum?

Ich glaube, es wird ein Abend, der nur für das Publikum in Dortmund gemacht ist. Um zu sagen, das ist unsere Zeit, die wir hier gemeinsam erlebt haben, in dieser Stadt und an diesem Theater. Und es wird um die Frage gehen: Was heißt eigentlich Abschied nehmen?

2015 musste das Schauspiel wegen Bauarbeiten in den ehemaligen BVB-Megastore umziehen. Wie blicken Sie mit ein bisschen Abstand darauf zurück?

Wir haben niemals unter schlechteren Bedingungen arbeiten müssen. Das war eines Stadttheaters unwürdig. Das ist die negative Seite. Die positive: Wir sind zusammengerückt, um den Megastore mit Kunst zu füllen. Die Zeit dort war also auch eine Frischzellenkur für das gesamte Theater.

Im Megastore wurde dann der Mega-Erfolg „Die Borderline Prozession“ aufgeführt. Ist das symptomatisch für Schauspiel in Dortmund, aus wenig viel zu machen?

Die Frage ist ja, welchen Stellenwert geben wir als Gesellschaft der Kunst. Und was sind wir bereit, dafür zu zahlen? Es ist sehr erfreulich, dass wir die Gagen soweit anheben konnten, dass wir ansatzweise auf das Niveau zum Beispiel von Bochum gekommen sind. Dafür bin ich auch Herrn Stüdemann (Kulturdezernent Jörg Stüdemann, Anm. d. Red.) sehr dankbar. Ich finde aber auch, dass der Kulturetat in dieser Stadt immer noch zu wünschen übrig lässt.

Warum Schauspiel-Intendant Kay Voges das Ordnungsamt übernehmen will

Ein Blick auf die Bühne bei "Play: Möwe / Abriss einer Reise". © Birgit Hupfeld

Zum Spielzeitende 2011/2012 haben Sie mit dem Ensemble gesungen, Sie wollten „für immer Punk“ sein. Ihre liebste Punk-Band?

Das ist eine ganz schwierige Frage. (lacht) Heute trage ich das Clash-T-Shirt. Also die alten Jungs, The Clash, Ramones, die Stooges, die sind es schon. Und ich bin Düsseldorfer, da ist man auch irgendwie mit den Toten Hosen groß geworden. Wobei man das heute nicht mehr Punk nennen darf.

Dem Punk wohnt ja auch die Revolution inne. Haben Sie das Dortmunder Schauspiel revolutioniert?

Nee, ich glaube wir haben gearbeitet und immer wieder neue Versuche gemacht. Über die Auswirkung sollen andere entscheiden.

Unter Ihrer Leitung ist das Schauspiel jedenfalls auch politischer geworden. Welches gesellschaftliche Thema sollte dringend mal auf der Bühne behandelt werden?

Ein wichtiges Thema, neben der Klimaerwärmung, wird in Zukunft sicher auch die Erschaffung des neuen Menschen sein. In China ist über Genmanipulation jetzt der erste künstlich gemachte Mensch geschaffen worden. Und natürlich der Wandel, den die Digitalisierung mit der gesamten Gesellschaft gemacht hat, der war für mich auch extrem wichtig und wird das auch weiter bleiben.

Über Ihre Inszenierung von „Meister und Margarita“ haben Sie gesagt, Sie wollten „das Unspielbare spielbar machen“. Und über „Hamlet“ haben Sie gesagt, das sei „mal wieder eine Zumutung für die Schauspieler“. Suchen Sie die Herausforderung?

Permanent. Sonst wird es ja langweilig. So zu sein, wie ich gestern war, interessiert mich nicht, sondern so zu werden, wie ich morgen sein werde. Und eine Zumutung zu sein, finde ich toll, weil das ja heißt, ich traue denen den Mut zu, etwas Neues zu entdecken.

Wenn Sie gerade mal nicht im Schauspiel waren, was haben Sie dann von Dortmund entdeckt oder erlebt?

In erster Linie habe ich tolle Menschen hier kennengelernt. Die Mentalität ist schon eine offene. Man kann als Fremder in diese Stadt kommen und sich schnell wohlfühlen.

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Sie hinterlassen Dortmund mit der Akademie für Theater und Digitalität ja ein Erbe. Werden Sie auch weiter als kultureller Akteur in Dortmund aktiv sein?

Ich plane eine enge Kooperation zwischen der Akademie und dem Volkstheater in Wien. Und ich werde sicher auch als Dozent tätig sein. Ich hoffe, dass mich die Akademie ein Leben lang begleiten wird.

Bevor Sie nach Wien gehen: Gibt es noch einen Job, den Sie in Dortmund gern machen würden?

Ich empfinde es so, dass in diesen zehn Jahren das Nachtleben in Dortmund wirklich zusammengebrochen ist. Als ich hier angefangen bin, habe ich gedacht, was ist das für eine wunderbar lebendige Stadt. Und wenn ich jetzt abends um elf Uhr aus der Probe komme, ist diese Stadt wirklich tot. Das haben wir dem Ordnungsamt zu verdanken, das immer stärker auf die Einhaltung von Regeln, zum Beispiel zu Lautstärken geachtet hat, und damit junge Leute von Orten vertrieben hat, wo sie auch abends um zwölf noch zusammensitzen konnten. Es ist unrentabel geworden, in dieser Stadt unter diesen Bedingungen solche Orte zu schaffen. Also: Ich würde das Ordnungsamt übernehmen, um dagegenzusteuern.

Wenn Freitag der Vorhang für Ihre letzte Premiere im Schauspielhaus hochgeht, wo sind Sie dann und was machen Sie?

Da werde ich mit meinem gesamten Regie-Team in meinem Büro sitzen. Wir haben da einen Fernseher und können uns die Übertragung anschauen, die Daumen drücken und ein Bier trinken.

Play: Möwe / Abriss einer Reise

Die Uraufführung von Kay Voges‘ letzer Dortmunder Regiearbeit findet am Freitag (11.10.) im Schauspielhaus statt. Weitere Termine: 16.10., 23.10., 25.10., 10.11., 15.11., 24.11., 19.12., 28.12., 11.01.2020., 25.01.2020. Karten kosten zwischen 9 und 23 Euro und sind erhältlich beim Schauspiel oder auf theaterdo.de.
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