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(K)ein Leben hinter Klostermauern

rnFranziskaner Kloster Dortmund: Für viele die letzte Rettung

Sie nennen sich Brüder und verzichten auf Besitztümer. Sie beten, kochen, sitzen bei Sterbenden am Bett. Aber sie lieben auch Fußball und Pommes Currywurst. Es gibt Menschen, die über das Gewand der Mönche spotten. Für andere sind die 14 Brüder im Franziskaner Kloster Dortmund die letzte Rettung. Ein außergewöhnlicher Blick hinter Klostermauern.

Dortmund

, 18.06.2018 / Lesedauer: 7 min

Wenn es eine Verbindung gibt, die Bruder Augustinus zu einem Sinnbild inspiriert, dann diese: Auf dem langen Flur im ersten Stock des Franziskaner-Klosters Dortmund passiert man eine Tür, an der das Schild „Franziskaner Mission“ hängt – gleich darüber der grün-weiße und offizielle Aufkleber „Notausgang“. Den hat nicht Bruder Augustus geklebt, sondern die Feuerwehr. Aber die feine Ironie lässt den 61-Jährigen lächeln. Denn was ist der Glaube, wenn nicht immer auch ein Weg? Und einen Weg bieten auch die 14 Mönche mit ihrer ganz eigenen Form der Seelsorge an: Innen fest im Glauben, außen selbstlos in ihrer Arbeit für die Gemeinschaft. Arm unter Armen, gleich so, wie es Ordensgründer Franziskus von Assisi wollte.

(K)ein Leben hinter Klostermauern

Bruder Johannes in der St. Franziskus-Kirche. © Beushausen

800 Jahre ist es her, dass erstmals Franziskaner nach Dortmund kamen und am damaligen Stadtrand, am Schwanenwall, ein Kloster gründeten. In Nähe der dort lebenden Armen wollten sie ein Zeichen der Brüderlichkeit setzen. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts in politisch unruhigen Zeiten viele Klöster aufgelöst wurden, traf es 1805 auch die Dortmunder Franziskaner. Erst viele Jahrzehnte später, im Zuge der Industriealisierung mit Tausenden Arbeitern aus Polen, dem Münster- und dem Sauerland, kamen auch die Franziskaner wieder nach Dortmund. Ihre Gottesdienste hielten sie in einer viel zu kleinen Kapelle an der Hamburger Straße ab. Das war 1895. Später bauten sie am heutigen Ostfriedhof erst das Klostergebäude, dann die St. Franziskus-Kirche, die sie 1902 weihten.

Nachwuchsmangel drückt den Orden

Mit gerade 14 Brüdern im Alter zwischen 39 und 88 Jahren stellt Dortmund immer noch eines der größten Franziskanerklöster in Deutschland. Es mangelt an Nachwuchs. „Es gibt in Deutschland rund 300 Franziskaner in 34 Klostergemeinschaften", sagt Bruder Martin (53), der Hausleiter. Von all denen sei lediglich einer der Brüder jünger als 30 Jahre, vier weitere zwischen 30 und 40. „Wenn in unserer Gemeinschaft jemand 70 Jahre alt ist, kann er noch gut das Gefühl haben, zu den Jüngeren zu gehören“, erklärt Bruder Martin.

Und wenn schon. Was wirklich zählt, ist der Blick aufs große Ganze. Bruder Augustinus leitet die „Franziskaner Mission“, er hat Kontakte vor allem nach Brasilien, Ostafrika und Vietnam. Dort zum Beispiel interessierten sich jährlich etwa 80 Menschen für einen Eintritt in den Orden. „Wir müssen aufräumen mit dem geschichtlichen Stolz“, sagt er – denn warum sollte sich der Schwerpunkt nicht mal auf andere Kontinente verlagern? „Wir sind schließlich ein Weltorden.“ Es scheinen alle von Zuversicht geprägt – und von tiefer Freundlichkeit sowieso.

Eine Leiter in den Himmel

Selbst dann, wenn sie regelmäßig angesprochen werden zu Themen, die die gesamte Kirche betreffen. Ehrlichkeit im Umgang mit den Gläubigen. Transparenz in Bezug auf kirchliche Vermögen, ein besserer Umgang mit geschiedenen Menschen, mit Homosexuellen und Patchwork-Familien. Vertrauensverlust ist ein Thema, auch Kindesmissbrauch und mangelnder Aufklärungswille werden mitunter angeschnitten.

Das alles kann Bruder Martin gut verstehen. „Ich will aber nicht für alles in der Kirche geradestehen“, meint er. Die Mönche hoffen, dass die Menschen sie nicht mit diesen Fällen in Verbindung bringen, „sondern mit unserer Arbeit“.

(K)ein Leben hinter Klostermauern

Das Mittagsgebet gehört zum festen Bestandteil des Tages. © Beushausen

Die Flure sind lang, von ihnen gehen die Zimmer der Brüder ab. Es sind nur wenige Quadratmeter Privatsphäre, eingerichtet mit Bett, Tisch und Schrank, ein eigenes Badezimmer. Den Blick hinaus in den sonnenbeschienenen Garten begrenzen eine Blutbuche und zwei stattliche Linden. An der Kirchenmauer ist eine Leiter angebracht, die hoch zum Dach führt.

„Das ist unsere Leiter in den Himmel“, flachst Bruder Augustinus. Am Ende des Flurs befindet sich eine kleine Kapelle. In ihr finden sich die Brüder pünktlich um 7.45 Uhr zum „Laudes“ ein. Das Morgengebet bildet gemeinsam mit dem Mittagsgebet „Sext“ um 12 Uhr und dem Abendgebet „Vesper“ um 18.45 Uhr das Gerüst des Tages. Die Mönche versammeln sich mit Gott, bevor das profane Leben die zeitlichen Zwischenräume bestimmt. Profan? Bruder Philipp ist damit nicht einverstanden.

Eine halbe Stelle als Sozialbetreuer

Der Franziskaner steht am Herd, um seinen dunkelbraunen Habit trägt er eine Schürze. Der 57-Jährige ist der Koch der Gemeinschaft. Gelernt hat er Altenpfleger. Er schneidet Salat und erzählt. Sein Weg sei ein einziges Suchen gewesen. Philip hatte vorübergehend bei den Benediktinern angelegt, bevor er seinen Hafen bei den Franziskanern fand.

„Mir ging es immer um ,ora et labora‘ – bete und arbeite.“ Sich aber – wie bei den Benediktinern – primär der Gottsuche innerhalb einer Abtei zu widmen, das sei ihm dann doch zu wenig gewesen. Er habe viel öfter raus gemusst, hinaus ins Leben. „Das ,labora‘ war bedeutend stärker ausgeprägt bei mir.“

Das zeigt er nun, Tag für Tag. „Ich habe eine halbe Stelle hier in unserer Gemeinschaft und eine halbe Stelle in der sozialen Betreuung im Seniorenheim des Bruder-Jordan-Hauses nebenan. Und das mache ich sehr gerne.“ Am Nachmittag wird er mit den Seniorinnen Margot Sollmann, Anneliese Grünebaum und Waltraud Puchert eine Runde „Mensch-ärgere-Dich nicht“ spielen.

(K)ein Leben hinter Klostermauern

Bruder Philipp kocht für die Gemeinschaft. © Beushausen

Die Franziskaner wollen für die Menschen wirken, deshalb lassen sie das Kloster für ihre Sozialarbeit hinter sich. „Bei uns versteckt sich keiner hinter Mauern“, stellt Bruder Augustinus fest, „denn wir haben einen Tastsinn für die Wirklichkeit drum herum.“

Die Wirklichkeit wiederum reagiert unterschiedlich auf die Brüder in ihrem Habit. Manchmal spöttisch. „Ist denn schon wieder Karneval?“, hat schonmal jemand gefragt. „Aber es gibt auch viele Menschen, die sich für uns interessieren und mit uns ins Gespräch kommen möchten", sagt Bruder Martin.

Diebe in der Kirche

Im vergangenen Jahr sind drei Bilder aus der Kirche gestohlen wurden. Dennoch haben die Brüder davon abgesehen, die Kirche, die täglich von 8.30 Uhr 18.30 Uhr geöffnet ist, zu schließen.

Sie wollen daran festhalten, jedem, der es möchte, Minuten der Besinnung zu ermöglichen. Wer von der Überholspur des Alltags abbiegen und zu sich finden möchte, kann sich gegen einen Spendenbetrag in den beiden Franziskaner-Klöstern Wagen im Allgäu und Hülfensberg in Thüringen melden. „Wir hatten zwar auch schon Gäste für ein paar Tage oder ein Wochenende“, sagt Bruder Martin, „aber eingerichtet sind wir dafür eigentlich nicht.“

Essensausgabe für Obdachlose

Im Büro von Bruder Augustinus hängen großformatige Bilder des Fotografen Sebastiao Salgado, der der brasilianischen Landlosenbewegung ein Gesicht gab. Harte schwarzweiße Bilder, scharfe Kontraste. Kontraste prägen auch die Arbeit der Franziskaner.

Die Wirklichkeit steht morgens um neun bereits vor der Tür des Jordan-Treffs. Etwa 50 bis 70 Obdachlose bauen sich werktäglich für die Bewältigung der nächsten 24 Stunden vor der Essensausgabe im Tiefparterre des Klosters auf. Hier bekommt jeder sein Frühstück, 30 ehrenamtliche Mitarbeiter sorgen dafür.

Die Realität packt einen, wenn aus dem Hospiz des von der Caritas geführten Bruder-Jordan-Hauses ein Stöhnen herüberdringt von Menschen, die das Leben noch drückt. Und manchmal auch schon der nahende Tod. Sie können sicher sein, dass ein Franziskaner-Bruder an ihrem Bett wacht und tröstet, wenn sie es denn mögen.

Von der anderen Seite des Klosters herrscht das blühende Leben. Gesang aus dem benachbarten Kindergarten klingt herüber. Die Kinder nutzen den Klostergarten dazu, um die Schöpfung von Kräutern und Gemüse kennezulernen. Kindergarten einerseits und Bruder-Jordan-Haus andererseits: „Es ist unser Leben zwischen alt sein und klein sein“, fasst Augustinus zusammen.

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Im Seniorenheim das Bruder-Jordan-Hauses kümmert sich Philipp um ältere Menschen. © Beushausen

Bruder Martin spricht vom „nahen Nächsten“ und vom „fernen Nächsten“. Sie meinen ähnliches – sie sehen, was um sie herum und auf der Welt passiert. Bei Augustinus gilt das besonders. Der Leiter der Franziskaner Mission war selber 20 Jahre in Brasilien tätig und vertrat den Orden eineinhalb Jahre bei der UNO in New York. Er ist für Projekte wie „Abandonados“ zuständig, das drogenabhängigen Jugendlichen, zur Prostitution gezwungenen Frauen und Straßenkindern hilft.

Die Franziskaner-Mission finanziert sich ausschließlich aus Spenden. 2015 waren es beispielsweise 2,1 Millionen Euro. Im Zimmer von Bruder Augustinus liegt eine Weltkugel von mehr als einem Meter Durchmesser auf einem Rettungsring. Noch eines dieser Sinnbilder.

100 Euro im Monat zur freien Verfügung

Es ist ein Leben ohne persönliches Eigentum, das sie führen. Aber reich an Überzeugung. Bruder Martin weiß, was er hat. „Ich muss mir keine Sorgen um meinen Arbeitsplatz oder meine Wohnung machen“, sagt er, „und ich fühle mich getragen.“ Dafür lässt er sich von dieser Freiheit in die Pflicht nehmen, arbeitet als Seelsorger, kümmert sich um Gottesdienste, Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten oder um Angelegenheiten der Hausgemeinschaft.

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Bruder Augustinus im Garten des Klosters. © Beushausen

Selbstverständlich werden die Brüder für ihre Arbeit als Altenpfleger oder Gefängnisseelsorger entlohnt. Das Gehalt fließt auf das Konto der Deutschen Franziskanerprovinz, die jedem Haus das Geld überweist, das es benötigt. „Jeder bekommt, was er braucht“, erklärt Bruder Martin. Das Armutsgelübde legt nahe, dass es kein Vermögen sein kann. Es sind gerade 100 Euro pro Monat, für jeden Bruder zur freien Verfügung.

Der vielleicht schwerste Gang

Bruder Bernhard ist der unter ihnen, der die vermeintlich schwersten Gänge macht. Er betreut die Patienten im Hospiz. Er ist ein ruhiger Mann, trägt eine Kette mit einem Kreuz aus Holz auf dem dunkelroten Pollunder. „Es ist nicht immer traurig, aber manchmal schon“, sagt er. Er spürt dann die Angst der Todkranken und macht ein stilles Angebot – das Angebot, einfach da zu sein. „Viele sind schon aus der Kirche ausgetreten, aber das spielt keine Rolle“, betont er. Es gehe nicht darum, Seelen zu retten.

Es gehe darum, deutlich zu machen, dass Gott jedem nah sei – auch dem, der nicht an ihn glaubt. Und manchmal spürt Bruder Bernhard, dass sie ihm Vertrauen entgegenbringen, gleichsam die Tür zur Seele aufsperren. Um im Bild zu bleiben: Bruder Bernhard geht dann hindurch. Denn wer glaubt, hat Gewissheiten, dass er erwartet wird. Das kann erleichtern. Und wenn nicht? „Dann sprechen wir eben über Gott und die Welt.“

(K)ein Leben hinter Klostermauern

Die Kirche St. Franziskus mit dem Klostergebäude am Ostfriedhof. © Beushausen

Und doch hat alles nicht nur Schwere und Tiefe im Kloster. Den weltlichen Ansatz nimmt man im Aufenthaltsraum wahr: Dort steht ein großer Fernseher, Salzstangen liegen auf dem Tisch. Auch Franziskaner gucken Fußball. Im Schrank stehen Franziskaner-Weißbiergläser. „Ein Bierchen ist drin“, sagt Bruder Augustinus und schmunzelt.

Es klappert aus dem Refektorium, dem Speisesaal. Bruder Johannes deckt den Tisch, ein wenig später kommt er mit allen anderen in der Kapelle zum Mittagsgebet zusammen. Bruder René trägt aus dem Stundenbuch liturgische Texte vor, sie beten. „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“, liest man mit. Dann geht es hoch an den gedeckten Tisch. Bruder Philipp liegt ganz richtig mit seiner Auswahl. Es gibt Currywurst und Pommes.

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