KHS aus Dortmund schafft es mit Bier und Cola bis in die Weltspitze

rnFirmenporträt

Wo auch immer auf der Welt heute Getränke abgefüllt werden - die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dabei eine Firma aus Dortmund ihre Technik mit im Spiel hat. Die Rede ist von KHS.

Dortmund

, 22.02.2020, 08:20 Uhr / Lesedauer: 5 min

Bergleute trinken Bier. Dortmund ist eine Bergbaustadt, also boomen Brauereien. 1840 gibt es hier 74, weitere folgen bald, zum Beispiel 1854 Thier, 1867 Stifts und 1868 DAB. Sie alle brauchen für ihr Handwerk technische Geräte. Carl Kappert

und sein Schwiegersohn Louis Holstein erkennen das und gründen 1868 das Unternehmen Holstein & Kappert.

Als Händler beliefern sie zunächst vor allem Brauereien und Mälzereien mit technischem Gerät. So beginnt die Geschichte eines Unternehmens, das nach einer mehr als 150-jährigen Firmengeschichte heute weltweit zu den größten Systemanbietern der Getränkeindustrie zählt.

Granaten statt Abfüllmaschinen

Als um die Wende zum 20. Jahrhundert Flaschenbiere immer stärker in Mode kommen, wandelt sich Holstein & Kappert 1905 vom Händler zum Produzenten. 1910 beispielsweise wird die automatische Flaschen-Reinigungsanlage „Phoenix

Modell 1910“ 350 Mal an Firmen im In- und Ausland verkauft.

Das Geschäft floriert, Holstein & Kappert wächst, baut sein Firmennetz 1912 schon bis nach Südamerika aus, eröffnet 1925 ein neues Werk in der Juchostraße. Dort liegt bis heute der Hauptsitz des Unternehmens. Der Zweite Weltkrieg bringt eine tiefe Zäsur. Statt Abfüll- und Reinigungsanlagen für Getränke werden Granaten und Bomben für den Krieg produziert.

Steiler Aufstieg nach dem Neustart

Als der Krieg zu Ende geht, ist das Werk an der Juchostraße fast vollständig zerstört. Mit Molkereimaschinen gelingt 1945 der Neuanfang. Es ist der Neustart für einen steilen Aufstieg. Heute zählt die KHS GmbH, in der Holstein & Kappert aufgegangen ist, zu den führenden Unternehmen der Branche mit weltweit fast 5100 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 1,1 Milliarden Euro (2018). KHS produziert für Kunden wie Coca Cola, Pepsi und Heineken.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Firmenporträt KHS

Bilder aus der langen Firmengeschichte von KHS, die mit zwei cleveren Männern ihren Anfang nahm.
19.02.2020
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Carl Kappert 1868.© KHS
© Dieter Menne
© Dieter Menne
© Dieter Menne
Ein Blick in die Produktionshalle um 1910.© KHS
Die Firmenzentrale in der Juchostraße.© Dieter Menne
Das Logo des Konzerns vor der Firmenzentrale.© Dieter Menne
Die Maschinen, die KHS produziert, bestehen aus vielen kleinen Einzelteilen.© Dieter Menne
Der Fertigungsprozss wird am Bildschirm überwacht,© Dieter Menne
Die Fertigung erfordert Präszisionsarbeit.© Dieter Menne
Im Krieg wurde die Fabrik nahezu vollständig zerstört.© KHS
Louis Holstein.© KHS
1925 wurde das neue Werk in der Juchostraße eröffnet.© KHS

Dabei ist sich das Unternehmen bis heute treu geblieben. Noch immer geht es bei KHS um Abfüll- und Verpackungsanlagen für Getränke, obwohl KHS theoretisch auch Anlagen etwa für Shampoos, Ketchup und Medikamente herstellen könnte. Warum das so ist, beschreibt Kai Acker (51), der seit gut einem Jahr Geschäftsführer der KHS GmbH ist, so: „Wir sind sehr gut positioniert bei Abfüll- und Verpackungsanlagen und dieser Kern soll auch so bleiben. Ich vergleiche das

gerne mit Fußball und Handball. Beides sind Ballsportarten. In beiden geht es darum, ein Tor zu treffen, aber wenn Sie ein Handball- oder Fußballteam zusammenstellen, dann brauchen Sie vom Trainer über die Spieler bis zu den Stadien ganz andere Bedingungen. Auch die Zuschauer sind andere. Wir wollen Fußball spielen.“

Der Klöckner-Einstieg

Trotz dieser Kontinuität musste sich Holstein & Kappert immer wieder neu erfinden. 1977 steigt die Klöckner-Werke AG mit 25 Prozent ins Unternehmen ein. Immer wieder gelingt es Holstein & Kappert durch Zukäufe anderer Firmen und Beteiligungen, seine Marktposition auszubauen. Der aus heutiger Sicht wichtigste Schritt ist die Fusion von H & K mit der SEN im Jahr 1986. SEN, dahinter verbergen

sich die 1982 fusionierten Seitz-Werke und die Enzinger-Union-Werke. Beide Werke haben ihre Wurzeln Ende des 19. Jahrhunderts in Bad Kreuznach beziehungsweise Worms. Sie sicherten sich mit der Erfindung von Bier- und Weinfiltern einen großen Markt. Seitz und Enzinger und später die fusionierte SEN waren über Jahrzehnte Hauptkonkurrenten von H & K. Jetzt gehören sie zusammen, was sich ab 1993 auch im Namen widerspiegelt: H & K und SEN verschmelzen unter dem Dach der Klöckner-Werke AG zur neuen Klöckner Holstein Seitz AG (KHS) mit Sitz in Dortmund.

Nachdem Salzgitter 2007 die Mehrheitsbeteiligung an den Klöckner-Werken erworben hatte, wurde die KHS AG 2010 zunächst in eine GmbH umgewandelt, um dann 2010 vollständig in den Salzgitter-Konzern integriert zu werden. Das

sei eine kluge unternehmerische Entscheidung gewesen, sagt Kai Acker: „Am Ende ist die Zugehörigkeit zu einem Konzern wie Salzgitter schon hilfreich, weil eine starke Mutter auch in schlechten Zeiten eine starke Hilfe sein kann.“

Hauptverwaltung mit 1000 Mitarbeitern

Doch aller Wandel in der Gesellschaftsstruktur verändert nicht den Expansionsdrang von KHS und den Zukauf von Firmen, die das Portfolio des Unternehmens stärken, egal ob das Spezialisten für Etikettier- und Reinigungsmaschinen oder solche für den Umgang mit PET-Flaschen sind. Heute

produziert KHS in Deutschland an fünf Standorten. Neben Dortmund sind das Worms, Bad Kreuznach, Kleve und Hamburg.

In der Dortmunder Zentrale sitzt die Hauptverwaltung und mit rund 1100 Mitarbeitern ist es auch die größte Produktionsstätte. Dabei sind fünf Standorte nicht wirklich die perfekte Lösung, sagt Kai Acker: „Es wäre natürlich schön, wenn man alles an einem Standort hätte, aber das ist historisch so gewachsen

und daher hat jeder Standort seine Berechtigung.“

Auch in China, Indien und Brasilien

Daran, den ein oder anderen Standort aufzugeben und sich auf weniger zu konzentrieren, denke man nicht, sagt Acker. Dadurch würde auch zu viel Know How bei den Mitarbeitern verloren gehen. Im Übrigen würden an jedem Standort

spezielle Produkte hergestellt. „Die Zahl der Standorte kann sowohl ein überschaubarer Nachteil als auch ein klarer Vorteil sein“, sagt Acker.

Was für Deutschland gilt, gilt auch für die Welt. KHS produziert in Werken in Indien, China, USA, Mexiko und Brasilien, ist auf jedem Kontinent mit Niederlassungen vertreten. Handelskriege und Diskussionen um Zölle seien zwar grundsätzlich schlecht, aber für KHS sei die dezentrale Produktionsstruktur

ein großer Vorteil: „Wir merken schon, dass wir nicht so zwischen die Fronten geraten wie andere“, sagt Acker.

Kräftige Investitionen

Damit die Zukunft genauso erfolgreich wird wie in den vergangenen

151 Jahren, investiert KHS kräftig, zum Beispiel in der Industriehalle an der Juchostraße aus den 1940er-Jahren, in die locker ein Fußballfeld hineinpassen würde. Hier hat die Zukunft schon begonnen. Blechfertigung heißt ein wenig prosaisch, was hier geschieht. Das klingt nach Funken sprühenden Maschinen und rot glühendem Metall. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Die ganze Wahrheit hat eher mit Star Wars und dem Kommandozentrum einer Raumkapsel zu tun. Hier werden die Bleche zugeschnitten, gekantet und gebohrt, die für die Abfüllanlagen benötigt werden, die im Werk in Bad Kreuznach gefertigt werden.

Riesiger Technologiesprung

„Wir haben hier einen Technologiesprung von 10, 15 Jahren gemacht“, sagt Andreas Borchert, der in diesem Bereich von KHS das Sagen hat. Die alten Maschinen wurden durch neue ersetzt, alleine 4,5 Millionen Euro wurden in sie investiert, 1,5 Millionen Euro zusätzlich kostete die Ertüchtigung der Halle. Die Fertigung läuft jetzt, dank Digitalisierung, völlig vernetzt: „Der Konstrukteur zeichnet das Teil. Dann knallt es mannlos durch bis auf die Maschine, wird hier gelasert und geschnitten“, erklärt Borchert. Automatisch wird das Edelstahl-Blech in die richtige Position gerückt. Die Schnitte werden so gewählt, dass ein Blech möglichst optimal genutzt wird.

Und dann schlägt wie bei Star Wars der Laser zu, schneidet in extrem hohem Tempo die Bleche zu, brennt Löcher an die passenden Stellen. Ein einzelner Mann an der Maschine überwacht die Arbeit an einem Computer-Display, das einem Flugzeug-Cockpit alle Ehre machen würde, greift aber nur im Notfall ein. Die neuen Maschinen lassen sich mit weniger Personal bedienen, aber: „Ganz werden wir die Menschen hier nie ersetzen können“, sagt Borchert.

Suche nach gutem Nachwuchs

Schließlich setze KHS nicht auf Massenprodukte, sondern auf kleine Losgrößen. „Unsere Anlagen werden eben immer ganz individuell auf die Bedürfnisse des Kunden abgestimmt“, sagt er. Der Schritt zur weiteren Automatisierung sei einfach notwendig gewesen. „Mit den alten Anlagen waren wir in keinster Weise mehr wettbewerbsfähig“, sagt Borchert, da in Osteuropa die Lohnkosten deutlich niedriger seien. „Da gab es natürlich die große Diskussion: Investiert man hier

am Standort Dortmund oder in Osteuropa? Durch gemeinsame Anstrengungen haben wir es geschafft, dass hier investiert wurde. Wir müssen einfach sehen, dass wir alles mit möglichst wenig Personal hinkriegen“, sagt Borchert.

Mit den neuen Maschinen spare man nicht nur Material und Zeit, sondern auch Kosten. „Betriebsbedingte Kündigungen gab es aber nicht.“ Heute arbeiten hier noch 45 Menschen, am KHS-Standort Dortmund insgesamt etwa 1100. Dabei macht sich der Nachwuchsmangel auch bei KHS bemerkbar. „Es wird immer schwieriger, richtig guten Nachwuchs zu finden. Wir suchen Auszubildende, die qualifiziert sind, mit Hightech umzugehen. Andererseits tragen sie trotzdem einen Blaumann. Das passt jungen Leuten leider oft nicht mehr“, sagt Borchert. „Ich finde das schade, denn als Technologieunternehmen bieten wir in einem spannenden und zukunftsträchtigen Umfeld einen sicheren Arbeitsplatz

mit zahlreichen Weiterbildungsmöglichkeiten. Unser Nachwuchs sind unsere Spezialisten von morgen, die wir selbst ausbilden wollen.“

Modernisierung geht weiter

Und von denen wird KHS auch in Zukunft viele benötigen, denn die Modernisierung geht weiter, kündigt Kai Acker an: „Wir haben am Standort Dortmund eine gewachsene Infrastruktur. Sukzessive wollen wir das jetzt aufräumen. Wir werden hier – wie auch an den anderen Standorten – weiter investieren. In Dortmund werden wir teilweise auch Gebäude sanieren oder ganz abreißen, um eine saubere Struktur zu schaffen.“

Die lange Tradition des Unternehmens sei dabei Fluch und Segen zugleich. „Fluch sind natürlich die Sprüche wie ,Das haben wir immer schon so gemacht, warum sollen wir das ändern?‘, die muss man natürlich mit Veränderungen aufbrechen. Segen ist, dass man eine gewisse Gelassenheit und Erfahrung hat und

seine Kompetenz nachweisen kann.“ Nachfahren der beiden Gründer Louis Holstein und Carl Kappert gibt es heute nicht mehr im Unternehmen KHS. Aber

die Idee, mit der sie einst antraten, die lebt weiter. Um es mit Kai Acker zu sagen: KHS spielt weiter Fußball.

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