Kinder haben einen Radar für elterliche Ruhezustände

rnEltern-Kolumne „Doppelkinder“

Oft spielt der Nachwuchs lange Zeit konzentriert und friedlich. Doch scheint ein gewisser kindlicher Instinkt immer genau dann zu greifen, wenn Eltern sich setzen, um Kaffee zu trinken.

Dortmund

, 17.03.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kinder haben einen ausgeprägten Sinn für Stimmungen und Unausgesprochenes, heißt es immer. Kinder haben aber vor allem einen ausgeprägten Sinn für Situationen, in denen sich ihre Eltern mit einem Kaffee oder einem anderen Heißgetränk hinsetzen und den frommen Wunsch hegen, dieses im noch warmen Zustand zu trinken.

Ich habe wirklich keine Ahnung, wie meine Söhne es anstellen, aber in acht von zehn Fällen greift ihr Frühwarnsystem reibungslos. Ich habe erst kürzlich am Wochenende die Möglichkeit für eine ausführliche repräsentative Studie in unserer Küche gehabt.

Nach dem Frühstücksmarathon

Es ist Samstagvormittag, ich bin alleine mit den Kindern. Nachdem ich den morgendlichen Frühstücksmarathon hinter mich gebracht hatte – „Mama, ich möchte Joghurt.“ „Mama, ich möchte etwas trinken!“ „Mama, ich möchte ein Brot.“ Mama, ich will lieber Marmelade als Honig!“ – verzieht sich die Brut ins Kinderzimmer.

Ich atme kurz auf. Die Geräuschkulisse lässt ein kreatives freies Spiel vermuten. Vielleicht malen sie aber auch nur mit Wachsmalstiften die Seiten sämtlicher Bücher an. Ich weiß es nicht und möchte es auch nicht all zu genau wissen. Es würde mir nur den Seelenfrieden rauben. Immerhin sind die Wachsmalstifte ökologisch unbedenklich.

Keine verdächtigen Geräusche

Ich schlage auf dem Frühstückstisch eine Schneise zwischen angebissenen Broten, halb aufgegessenen Eiern, Apfelschnitzen, Spielzeugautos, Milchbechern und Malzeug. Gewohnheitsgemäß lauscht mein Ohr Richtung Kinderzimmer, kann aber keinen verdächtigen Geräuschpegel verzeichnen.

Ich belege ein Brot, erhitze Milch für den Kaffee und freue mich auf mein Frühstück. Dann begehe ich einen Fehler: Ich nehme Platz. Das Radar meiner Kinder fängt unverzüglich Anzeichen mütterlicher Entspannung auf. Meine Söhne reagieren prompt mit einem bewaffneten Konflikt, nach dessen Beilegung nicht klar ist, wer zuerst mit einem Auto auf den Kopf des Bruder gehauen hat.

Maltisch als Kletterhilfe

Ich gehe zurück in die Küche, setze mich, beiße in mein Brot und rühre in meinem Kaffee. Ich vernehme zwar, dass nebenan Möbel gerückt werden, beschließe aber, nicht überzureagieren, nur weil einer von beiden vermutlich gerade mithilfe des Maltischs auf die Fensterbank klettert. Man soll seinen Kindern ja etwas zutrauen.

Dann passiert mir der nächste Fauxpas: Ich führe die Kaffeetasse zum Mund. „Mama, komm mal!“, ruft einer meiner Söhne, „schnell!“ Ich seufze, stelle die Tasse ab und folge dem Ruf. Als ich ins Kinderzimmer komme, eröffnet sich mir ein interessantes Szenario.

Zu hoch geklettert

Unsere Söhne haben Hochbetten. So lange sie aber noch nachts viel auf Wanderschaft sind, haben wir diese umgedreht, so dass sie ganz normale Betten sind, allerdings mit einer Art Überbau aus Streben, über die man hervorragend Tücher und Decken legen kann, um Höhlen zu bauen. Auf diesem Überbau hockt einer meiner Söhne nun, und gelangt augenscheinlich nicht mehr ohne Hilfe herunter.

Ich rette den Höhenwanderer, spreche mahnende Worte und kehre zurück in die Küche. Ich trinke einen Schluck Kaffee, der leider schon an Temperatur eingebüßt hat, und treffe eine finale Fehlentscheidung: Ich greife zu einer Zeitung. Das wird unverzüglich mit lautem Geschrei geahndet.

Mütterliche Kapitulation

Ich springe auf, da ich befürchte, dass meine Söhne sich gerade gegenseitig um ihr Augenlicht bringen, darf dann aber feststellen, dass der eine lediglich einen roten Baustein mehr hat als der andere und diesen vehement verteidigt. Ich kapituliere.

Ich unterstütze die Beilegung des Konflikts, indem ich mit einem Besenstil verschollene Bausteine unter dem Sofa hervorfische, hole mir meinen lauwarmen Kaffee und setze mich ins Kinderzimmer. Vielleicht darf ich ja in 13 Jahren in Ruhe frühstücken.

Alle Folgen der Kolumne „Doppelkinder“.

UNSERE KOLUMNE „DOPPELKINDER“

AUS DEM LEBEN EINER ZWILLINGSMAMA

In unserer Eltern-Kolumne berichtet Julia Scharnowski jeden zweiten Sonntag aus ihrem Alltag, den sie mit Ehemann und Zwillingssöhnen in Dortmund erlebt. Sie schreibt darüber regelmäßig auf ihrem Blog „Doppelkinder“ und bei Instagram.
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