Kinderarzt-Praxis nach Vorfall nur eingeschränkt geöffnet

Team bedroht

Was kann ein niedergelassener Kinderarzt mit eigener Praxis tun, der mit seinem Team verbal, körperlich und virtuell bedroht wird? Ein Arzt im Dortmunder Norden muss sich dieser Frage stellen. Eine Antwort hat er nicht, nur eine Notlösung: Seine Praxis läuft nach einem Vorfall am Montag nur mit eingeschränktem Betrieb.

DORTMUND

21.12.2016, 02:31 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ein Dortmunder Kinderarzt und sein Team werden bedroht.

Ein Dortmunder Kinderarzt und sein Team werden bedroht.

Als Arzt hat man ein grundsätzliches Interesse, seinen Patienten bestmöglich zu helfen – das gelingt mal mehr, mal weniger gut, und nicht jeder, der außerhalb eines Praxisteams steht, hat Verständnis für Wartezeiten oder das Vorziehen eines akuteren Falles. Das war generell schon immer so, auch in der betroffenen Kinderarzt-Praxis, obwohl man dort auf Wartezeiten unter einer halben Stunde kommt.

Was die Sache bei einem Kinderarzt vielleicht noch komplexer macht, ist der Umstand, dass für jedes Elternteil eines kranken Kindes das eigene Kind immer das wichtigste ist. So war das schon immer, aber es muss sich etwas verändert haben: Ob es eine gesunkene Toleranzschwelle ist, eine schnellere Erregbarkeit, ein mangelndes Verarbeitenkönnen von Frustrationen oder schlicht Respektlosigkeit – der Arzt, seit 23 Jahren in Dortmund niedergelassen, kann da selber nur mutmaßen. Was er aber weiß, ist, dass es Zeit war, eine Reißleine zu ziehen: „Ich muss mein Team schützen und aufgrund der Ereignisse schauen, wie ich es stabilisieren kann.“ Aus diesem Grund möchte er seinen Namen und die Praxis anonym halten. 

Bei Facebook bedroht

Die Ereignisse also: In der vergangenen Woche wurde der Mediziner durch einen Anruf darauf hingewiesen, dass es im sozialen Netzwerk Facebook eine Drohung gegen ihn gebe: Ein Elternteil drohte, in die Praxis zu kommen und den Mediziner wegen eines vermeintlichen Behandlungsfehlers umzubringen. Die Polizei wurde eingeschaltet, Profis sollten sich des bis dahin nur virtuellen Themas annehmen.

Am Montag dann lief letztlich eine Alltäglichkeit aus dem Ruder. Die Praxis war voll, da rief die Mutter eines Kleinkindes am Vormittag an und wollte einen schnellen Termin bekommen. Das Kind hatte, sagt der Arzt, offenbar Husten und Schnupfen. Frei war ein Termin erst am Nachmittag, dort hat die Praxis grundsätzlich ein Zeitkontingent für Akutfälle geblockt.

Der Mutter beschimpfte dann wüst das Praxispersonal. Kurz darauf rief der Vater an, auch er schimpfte und pöbelte. Auch dieses Gespräch wurde daher von der Kinderarztpraxis beendet. Wenig später dann stand der Mann mit dem Kind in der Praxis. Er habe gedroht, gebrüllt und gepöbelt und nach der Arzthelferin gegriffen, berichtet der Arzt.

Mediziner erteilt Hausverbot 

Es muss eine bedrohliche Situation gewesen sein, der Mediziner wurde hinzugerufen, dieser erteilte dem Mann in ruhigem Ton Hausverbot. Das Szenario ging noch einen Moment weiter, letztlich saß das kranke Kind, dem geholfen werden sollte, auf dem Boden. Die Polizei, die den Vorfall bestätigt, stand vor der Tür und jener Vater erstattete Anzeige gegen den Arzt – wegen Körperverletzung gegen sein Kind.

Für Prof. Dr. Dominik Schneider, Klinikdirektor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Dortmund, ist der Fall aus dem Norden „schon ein Hammer“. Schneider, der mit dem Mediziner am Diensatg telefoniert hatte, sagt, dass er seit neuneinhalb Jahren in der Pädiatrie arbeite, in dieser Zeit habe es immer mal wieder übergriffige Eltern gegeben. „In den letzten Jahren hat die Problematik deutlich angezogen.“

Sicherheitspersonal im Klinikum

Nein, Zahlen hat Schneider nicht, aber ein, zwei Dinge sind ihm aufgefallen: Das Aufbegehren, die Respektlosigkeit, das sei nicht volksgruppenspezifisch, „ich kann da nicht in eine Himmelsrichtung zeigen“. Generell sei es so, dass Attacken von Männern kommen. „In der Regel von Männern, die Probleme mit Frauen in verantwortlichen Positionen haben.“ Im Klinikum gibt es Sicherheitspersonal, das im Zweifel gerufen werden kann. Und einen Notfallknopf, der gedrückt werden kann. Dass es jetzt einen Kollegen mit eigener Praxis getroffen hat, lässt Schneider stutzen: „Ich dachte, der Kinderarzt gehört schon halb zur Familie.“

Es ist ein ähnlicher Grund, aus dem für den Kinderarzt im Norden ein Sicherheitsmann in der Praxis keine Option ist: Der würde die kleinen Patienten im Zweifel noch verschrecken. Wie die Praxis nach dem Jahreswechsel öffnet, ist noch unklar.  

Lesen Sie jetzt