Wie Kindergarten-Kinder lernen, zu selbstständigen Menschen zu werden

rnEvangelischer Kindergarten Regenbogenhaus

Im Kindergarten Regenbogenhaus gibt‘s keine festen Gruppenräume, und die Kinder führen Zirkusnummern auf Englisch auf. Was das soll, erklären die beiden Leiterinnen im Interview.

Brackel

, 25.05.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der evangelische Kindergarten Regenbogenhaus hat uns auf ein bilinguales Zirkusprojekt in der Einrichtung am Kaldehofweg 53 aufmerksam gemacht. Grund, einmal mit Leiterin Karin Fröhling (60) und ihrer Stellvertreterin Angelika Möhring (56) über die generelle Ausrichtung dieses Kindergartens zu sprechen.

Hallo Frau Fröhling, hallo Frau Möhring, warum läuft das Zirkusprojekt bilingual?

Wir haben mit Janine Miller, die das Projekt mit Claudia Schaefer betreut, eine Kollegin, die mit den Kindern ausschließlich Englisch spricht. Das ist die Methode der Immersion, also des Eintauchens in eine andere Sprache. Die Kinder entscheiden selbst und intuitiv, ob sie Englisch oder Deutsch sprechen. Wir machen uns den Umstand zunutze, dass Kinder in ganz jungen Jahren viel leichter eine Fremdsprache lernen als später. Man sieht das zum Beispiel an Migrantenkindern, die oft schon nach ein paar Monaten sehr gut Deutsch können.

Nun gibt es aber auch Leute die sagen: Kinder in dem Alter sollen spielen und nicht schon so viel lernen müssen.

Wir haben vom Land NRW einen ganz klaren Bildungsauftrag, der aus zehn Punkten besteht. Sprache und Kommunikation gehören ganz klar dazu. Die Kinder lernen eine fremde Sprache spielerisch.

Wie lange machen Sie das schon und welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Seit elf Jahren. Und wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Kinder gehen gestärkt in die Schule und können ihr Wissen anwenden.

Zurück zum Zirkusprojekt: Durften die Kinder sich selbst aussuchen, was sie aufführen wollen?

Ja, und das gehört ebenfalls zu den Besonderheiten in unserer Einrichtung. Bei uns lernen die Kinder, Entscheidungen selbstständig zu treffen. Wir haben keine Gruppenräume mehr, sondern verschiedene Bildungsräume: die Turnhalle, die im vorigen Jahr für 20.000 Euro saniert worden ist, den Rollenspielraum, in dem gerade Geburt gespielt wird, das Atelier, die Cafeteria, den Bauraum, den Garten, die Literaturecke - die Kinder dürfen jeden Tag neu entscheiden, in welchen Raum sie gehen.

Könnten so viele Entscheidungen die Kinder nicht auch überfordern?

Na ja, wir lassen ihnen schon etwas Zeit. Am Anfang haben sie ihre festen Bezugserzieherinnen. Zu allererst ist es wichtig, dass jede Erzieherin in den ersten Wochen eine Beziehung zum Kind aufnimmt. In einer warmen, vertrauensvollen Atmosphäre werden Kinder dann aktiv und neugierig auf ihren Kindergarten und erforschen ihren neuen Lebensraum. Aber insgesamt wollen wir unsere Kinder fit fürs Leben machen. Und dazu gehört es eben, Entscheidungen zu treffen. Auch der Zirkus-Auftritt vor 80 Besuchern fällt in diese Kategorie. Da gehört Mut dazu. Unsere Kinder übernehmen auch die Morgenkreisleitung, und wir haben ein Kinderparlament. Wenn man sich dafür zur Wahl stellt und nicht gewählt wird, ist das verdammt hart und man muss erstmal damit fertigwerden. Aber auch das gehört eben zum Leben.

Wie Kindergarten-Kinder lernen, zu selbstständigen Menschen zu werden

Mia und Pepe proben für die Zirkus-Aufführung. © Andreas Schröter

Über was diskutiert das Kinderparlament?

Wir besprechen das „Miteinander“ in unserem Haus. Wenn in der Küche zu viel Wasser verspritzt wird zum Beispiel. Die Kinder können Projekte, Feste und Regeln mitbestimmen.

An welche Regeln müssen sich die Kinder noch halten?

Regeln haben wir vor allem im sozialen Bereich.

Zum Beispiel?

Die Stopp-Regel. Wenn sich zwei Kinder streiten, kann ein Kind „Stopp“ rufen. Das andere Kind akzeptiert das Wort „Stopp“. Bei schlimmen Auseinandersetzungen müssen sie auf den Friedens-Teppich und ihren Streit klären. Da ist dann auch eine Betreuerin dabei. Wir wollen auf diese Weise vermeiden, dass die Kinder bei jeder Gelegenheit angerannt kommen und sagen: „Karin, die hat mich gehauen.“

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