Können Starenkästen die Wallraser stoppen?

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Erneut hat die Polizei einen Fahrer aus dem Verkehr gezogen, der mit über 100 km/h im Tiefflug über den Innenstadt-Wall gerast ist. Die Kontrollen sind in der Szene längst bekannt - doch die Raser aus Dortmund und umliegenden Städten geben ungeniert Vollgas. Können fest installierte Blitzer abschrecken?

DORTMUND

, 18.08.2015, 02:55 Uhr / Lesedauer: 3 min
Können Starenkästen die Wallraser stoppen?

Können Starenkästen die Raser abschrecken?

Bei Tempokontrollen am Freitag- und Samstagabend (14./15.8.2015) sind der Polizei auf dem Innenstadt-Wall wieder etliche Raser ins Netz gegangen. 50 km/h sind erlaubt. Spitzenreiter waren Fahrer mit 79, 80, 82, 83 und 104 km/h. Auf sie kommen Bußgelder, Punkte und Fahrverbot zu - doch Polizei und Stadt Dortmund müssen die Raserszene zurückdrängen, um Verletzte oder sogar Tote zu vermeiden. Denn ein schleudernder PKW kann verheerende Folgen haben: "Ein Auto, das schon bei 60 km/h ins Schleudern gerät, baut nicht mehr zu kontrollierende Kräfte auf. Der Masse, die da in Bewegung ist, sind Fahrer und Unfallopfer hilflos ausgeliefert", erläutert der KFZ-Gutachter Roland Jakubczyk vom Dortmunder Sachverständigenbüro Schumann die Physik. 

Skepsis gegenüber Blitzern

Wenn die der Szene bekannten Polizeikontrollen nicht durchschlagend abschrecken, helfen dann mehrere fest installierte "Blitzer" auf dem 3,7 Kilometer langen Innenstadt-Wall weiter? Würde die Stadt Dortmund in beiden Fahrtrichtungen auf jeder der sechs Wall-Straßen je einen Blitzer aufbauen, würden die Raser nicht weit kommen, ohne fotografiert zu werden. Einen durchschlagenden Erfolg kann Dr. Peter Meintz vom ADAC Westfalen auch hier nicht erkennen: "Die rasen dann woanders weiter." 12 zusätzliche Blitzer in Dortmund, alle auf dem Wall - auch die Stadt Dortmund hält nicht viel davon und setzt lieber auf mobile Blitzer, die aus dem Kofferraum heraus auslösen. Stadtsprecher Hans-Joachim Skupsch: "Die sind flexibel einsetzbar und damit effizienter." Wie denken Sie darüber? Hier geht's zu unserer Umfrage:

Raser nutzen die Dortmunder Wall-Straßen und das Areal im Industriegebiet Phoenix-West im Stadtteil Hörde für illegale Rennen. Die Folgen eines Unfall für Mensch und Material dürften den risikobereiten Fahrern bekannt sein. Warum sie den besonderen Kick suchen, kann Polizeisprecher Kim Freigang nicht beantworten: "Die glauben offenbar, dass Verkehrsschilder der Verschönerung der Landschaft dienen ... Man muss sich die Frage stellen, ob die Fahrer charakterlich dazu geeignet sind, ein Fahrzeug zu führen." Von der Stadt Dortmund angeordnete medizinisch-psychologische Untersuchungen (MPU) sollen feststellen, ob ein Raser nach einem Führerschein-Entzug die "Fleppe" zurück erhalten kann. Eine einfache MPU kostet rund 400 Euro. Müssen die Prüfer zusätzlich Alkohol- und Drogenabstinenz testen, kommen teure Laborkosten dazu.

"Das habe ich so nicht gewollt"

Polizeisprecher Kim Freigang glaubt nicht an Zufälle, wenn seine Kollegen einen mit über 100 km/h erwischten Raser aus dem Verkehr ziehen. "Wenn jemand mit über 100 km/h über den Wall rast – will er andere Leute möglicherweise bewusst und gewollt einem hohen Risiko aussetzen?", fragt er. Wer bei so hohem Tempo einen schweren Unfall verursache und sich deshalb vor Gericht verantworten müsse, könne nicht einfach sagen: "Das habe ich so nicht gewollt."

Die Szene ist kaum zu beeindrucken

Raser seien nur mit aller Härte des Gesetzes zu beeindrucken, sagt ADAC-Sprecher Peter Meintz. "Die Fleppe wegnehmen. Damit müssen sie fest rechnen", sagt er. Ansonsten sei die Szene von außen kaum zu beeindrucken. Auch der Hinweise, die Raser sollten sich auf Rennstrecken austoben, führen nicht weiter. Meintz: "Auch auf Rennstrecken gelten Regeln. Diese Szene will sich aber keine Regeln aufzwingen lassen." Wer mit dieser Einstellung Auto fahre, sei charakterlich nicht zum Führen eines Fahrzeugs geeignet.

Internationaler Bußgeld-Vergleich

Bußgelder sind zwar nicht billig, im internationalen Vergleich kommen Raser in Deutschland aber noch günstig davon. Beispiel Dortmund: Der Raser, der am Wochenende mit 104 km/h erwischt worden ist, muss 280 Euro Bußgeld und 28,50 Euro Gebühren bezahlen (dazu 2 Punkte und ein Fahrverbot). Im Kanton Zürch in der Schweiz liegt allein die Verwaltungsgebühr bei bereits 335 Euro. Innerhalb geschlossener Ortschaften über 50 km/h zu schnell unterwegs - hier eine Übersicht auf einige europäische Länder (Quelle: ADAC im Juli 2015):

  • ab 100 Euro in Polen
  • ab 240 Euro in Deutschland
  • ab 450 Euro in Schweden
  • ab 535 Euro in Dänemark
  • ab 600 Euro in Spanien
  • ab 660 Euro in den Niederlanden und in Kroatien
  • ab 950 Euro in Norwegen
  • 1500 Euro in Frankreich
  • bis 2180 Euro in Österreich
  • bis 3500 Euro in England

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