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Kokain-Hauptstadt Dortmund: ein Report über Koks-Konsum, Hintermänner und den Handel

rnDrogen in Dortmund

In keiner anderen deutschen Stadt werden pro Einwohner mehr Kokainrückstände im Abwasser gefunden als in Dortmund. Die Stadt ist gleichzeitig ein zentraler Umschlagplatz für die Droge.

Dortmund

, 05.09.2018 / Lesedauer: 15 min

Vor fünf Jahren, 2013, stand es zum ersten Mal geschrieben: „Dortmund ist Kokshauptstadt Nr. 1 in Deutschland“. Das behaupteten die Zeitungen. Eine Abwasserstudie aus der Schweiz diente als Beleg.

Studien gibt es ja immer viele, aber die hier, die war damals neu. Im Abwasser zu prüfen, in welchen Städten Menschen was an Drogen konsumieren, liefert ein Ergebnis, das in seiner Genauigkeit jede Umfrage in den Schatten stellte. Wer gibt schon - selbst anonym befragt - zu, regelmäßig Drogen zu nehmen? Abwasser dagegen verheimlicht nichts. Wenn man weiß, was man in ihm suchen muss, liefert das Abwasser präzise Zahlen.

Kolumbien der Bundesrepublik.

Dr. Christoph Ort ist Wissenschaftler, er ist Projektleiter am Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag und spürt den Drogenrückständen im Abwasser zusammen mit einem größeren internationalen Konsortium seit 2011 hinterher. Seit 2013 auch denen im Dortmunder Abwasser. Damals, als die ersten Zahlen veröffentlicht worden waren und Dortmund vom Boulevard quasi zum Kolumbien der Bundesrepublik ausgerufen worden war, hat sich Ort, so sagt er es heute, schon ziemlich geärgert.

Neben Dortmund hatte das Konsortium in Deutschland lediglich noch die Abwässer von Dülmen und Dresden unter die Lupe genommen. Drei sehr unterschiedliche Städte, was Lage und Größe oder auch das durchschnittliche Einkommen angeht. Repräsentativ war das alles nicht. Ein großes Problem damals war, dass viele Kommunen kein Interesse zeigten, als sich ein Schweizer Wissenschaftler meldete und um Abwasserproben bat, um diese auf Drogenrückstände zu untersuchen. Dass Dortmund 2013 schon dabei war, lag schlicht an einem persönlichen Kontakt.

Kokain-Hauptstadt Dortmund: ein Report über Koks-Konsum, Hintermänner und den Handel

Ann-Kathrin McCall und Christoph Ort untersuchen in der Kanalisation die Transformation von Mikroverunreinigungen und Nanopartikeln im Abwasser. © Eawag

Heute suchen die Schweizer Forscher in insgesamt 14 deutschen Städten, 60 sind es europaweit. Und die Schlagzeile, über die sich Ort damals geärgert hat, taucht weiterhin jedes Jahr wieder auf. Immer, wenn die aktuelle Studie veröffentlicht wird, steht Dortmund bundesweit auf Platz eins. Hier finden die Wissenschaftler proportional gesehen das meiste Benzoylecgonin im Abwasser. Benzoylecgonin ist der Stoff, den Menschen ausscheiden, nachdem sie Kokain zu sich genommen haben. Der sogenannte Metabolit von Kokain.

Am Wochenende wird etwas mehr konsumiert als unter der Woche

Davon finden sie hier mehr als in Frankfurt. Oder Hamburg. Oder mehr als in der vermeintlichen Feiermetropole Berlin. Bei anderen Drogen, Amphetaminen, Methamphetaminen oder auch MDMA (Ecstasy) liegen andere Städte vorn, nicht aber beim Kokain. Samstags und sonntags steigt der Kokain-Konsum im Vergleich zur Restwoche in Dortmund leicht an, aber wenn man alles zusammenrechnet, steht dann eine Zahl für 2017 im Raum: 461,6 Milligramm des schwer auszusprechenden Stoffes Benzoylecgonin finden sich im Schnitt pro Tag in dem Abwasser von tausend Personen in einer Kläranlage in Deusen. Europaweit liegt Dortmund mit diesem Wert auf Platz zehn. Spitzenreiter ist Barcelona, es folgt Zürich, dann Antwerpen auf Platz drei.

„Wir haben das jetzt über viele Jahre gemacht“, sagt Ort. „Was man sagen kann, ist, dass Dortmund ziemlich weit vorne mit dabei ist.“ Und so überraschend das 2013 war, so überraschend ist es noch heute.

An Dortmund, meint man ja, ist wenig schillernd und noch weniger reich, und Koks muss man sich ja auch erst mal leisten können.

Wo also kommt der Stoff her?

Warum ist er hier?

Und wie lange ist das schon so?

Die Zahl der Drogendelikte in Dortmund ist zuletzt stark gestiegen

Bei Herrn Weber im Büro riecht es süßlich nach Gras, er bekommt es an annähernd jedem Tag frei Haus ins Büro geliefert. Große und kleine Tüten, versehen mit Protokollen, Fundzeiten und -orten. Hier werden die Drogen, die seine Kollegen sichergestellt haben, Sachbearbeitern zugewiesen und aus einem Drogenfund wird ein dienstlicher Vorgang. Dirk Weber beschäftigt sich hauptberuflich seit zehn Jahren mit Betäubungsmitteln, seit drei Jahren ist der „Erste Hauptkommissar“ Dienststellenleiter bei der Dortmunder Polizei, ansässig im Polizeipräsidium. Weber sagt zu der Abwasser-Studie, dass er dazu nichts sagen könne. Er sei kein Wissenschaftler, er sei Kriminalbeamter. Was er als solcher sagen kann, ist, dass die Betäubungsmittel-Kriminalität in Dortmund über die Jahre enorm angestiegen ist.

Allein von 2016 auf 2017 um über 22 Prozent. Von 3258 auf 3978 Drogendelikte. Ganz weit vorn seien da laut Weber „Cannabisprodukte in allen Facetten“. Haschisch, Marihuana, Produkte, die man in der Regel kiffen kann. Weber blickt mit seinen Kollegen auf den gesamten illegalen Drogenmarkt in Dortmund, Kokain kommt ihnen hier verhältnismäßig selten unter: Acht bis zehn Prozent der festgestellten Delikte beträfen den Besitz und Handel mit Kokain. Bei denen gehe es aber nicht in den Kilobereich. Neulich gab es mal einen Fund von 16,7 Gramm Kokain, das sei schon viel gewesen. Ein andermal 43,5 Gramm, und dann, schon länger her, sogar mal 200 Gramm. Das sei schon außergewöhnlich gewesen.

Kokain-Hauptstadt Dortmund: ein Report über Koks-Konsum, Hintermänner und den Handel

Marihuana und Haschisch sind die Drogen, mit denen die Dortmunder Polizei hauptsächlich zu tun hat. Auf dem Bild ist Marihuana zu sehen, das die Polizei bei Kontrollen im Westpark gefunden hatte. © Bandermann

Richtig außergewöhnlich war dann einer der größten Erfolge der Dortmunder Drogenfahnder im vergangenen Jahr: Zwei Niederländer wurden festgenommen, die im Raum Dorstfeld Amphetamine herstellten und sie im großen Stil per Post durchs Land schickten. Hier waren die Hersteller auch die Händler, ihre Kunden trafen sie im Internet, als die Ermittler davon Wind bekamen, gründeten sie eine Ermittlungskommission, sie hieß EK Spahrbier. Walter Spahrbier war, die Älteren mögen sich erinnern, Postbote und einer der bekanntesten Statisten des deutschen Fernsehens, erst bei Peter Frankenfeld, dann bei Wim Thoelke. Lange her ist das, damals gab es drei Fernsehprogramme und kein Internet. Keine Verschlüsselungsprogramme für das Handy und kein Darknet.

Sichergestellt wurden dann bei den Niederländern 21 Kilogramm Amphetamin, rund 6 Kilogramm MDMA, über 27.000 Ecstasy-Pillen und 1,1 Kilogramm Kokain. 1,1 Kilogramm Kokain entspricht zufälligerweise ziemlich genau dem Dortmunder Tagesbedarf. Denn das ist die Zahl, die auch das Abwasser verrät.

Das Abwasser in Deusen ist ein ziemlich repräsentativer Querschnitt

Die Abwässer der Stadt werden nicht in ein einziges Klärwerk geleitet und gereinigt. Wenn irgendwo in Dortmund etwas weggespült wird, geht es einen von drei möglichen Wegen. Wege, die sich, das ist historisch bedingt, noch an Flussläufen orientieren. Ein Abwasser-Weg führt über die Ruhr, das ist ein sehr kleiner Teil des Dortmunder Abwassers, er stammt aus dem äußersten Dortmunder Süden.

Der zweite Abwasser-Kanal orientiert sich an der Lippe, hier kommen schon deutlich mehr Abwässer zusammen. Ein Großteil der Dortmunder Abwässer zieht sich in Kanälen an der Emscher entlang, sie fließen ins Klärwerk Deusen. Diese Abwässer stammen von rund 371.000 Menschen, Dortmund hat insgesamt 600.000 Einwohner. In Deusen wird unter anderem das Abwasser von Hörde oder Aplerbeck geklärt. Man muss nur dem Flussverlauf auf der Karte folgen, um eine Idee davon zu bekommen, dass das Deusener Abwasser ein ziemlich repräsentativer Dortmunder Querschnitt ist: Was die Bevölkerungsstruktur angeht, ist alles dabei, in der Tendenz sind die Menschen aber eher ärmer als reicher.

Kokain-Hauptstadt Dortmund: ein Report über Koks-Konsum, Hintermänner und den Handel

Ein Teil der Kläranlage Deusen. Hier, aus dem Nordosten von Dortmund, stammen die Abwasserproben. © Schütze

Die Menge des Stoffwechselproduktes Benzoylecgonin aus dem Dortmunder Abwasser, das die internationale Forschergruppe ausgemessen hat, ist über die Jahre angestiegen. Waren es 2013 noch 324,1 Milligramm pro tausend Bewohner, waren es 2017 dann 461,55 Milligramm. Wenn man diesen Wert umrechnet auf die Gesamtbevölkerung und eine Reinheit der Droge von 90 Prozent ansetzt, kann man daraus hochrechnen, dass an einem Tag in ganz Dortmund rund 1,1 Kilogramm Kokain konsumiert werden. Und diese Schätzung ist eine, die laut Orts Kollegen eher als gering anzusehen ist. Ein Kilogramm Kokain hat einen Straßenverkaufswert von grob geschätzt 75.000 Euro.

„Wir kennen jetzt diese Zahl“, sagt Ort. „Aber wir wissen viele andere Dinge nicht. Ob viele Menschen vergleichsweise wenig Kokain konsumieren oder vergleichsweise wenige Menschen sehr viel, das verrät uns zum Beispiel das Abwasser nicht. Auch müssten wir mehr als nur eine Woche messen, um den Jahresdurchschnitt zuverlässiger zu ermitteln.“

Der klassische Kokainist schnupft und sucht sich selten Hilfe

„Der klassische Kokainist“, sagt Dr. Arne Lueg, Funktionsoberarzt in der LWL-Klinik in Aplerbeck, „schnupft Kokain durch die Nase, er braucht ungefähr 0,1 Gramm für eine Dosis, die Wirkung hält rund 90 Minuten an.“ Den klassischen Kokainisten sieht Lueg ziemlich selten in seinem Behandlungszimmer im vierten Stock des Klinikhochhauses. Wen er häufiger sieht, sind langjährige Süchtige, die Kokain und Heroin spritzen. Und, davon noch mehr, jüngere Menschen, die Cannabis und Amphetamine zu sich nehmen und als Ersatz auf Kokain ausweichen.

Kokain wirkt im zentralen und peripheren Nervensystem, der Körper schüttet Dopamin aus, man fühlt sich intelligent, sexy, omnipotent und etwas konzentrierter. Schnupft man es, dauert es ein bisschen länger, bis die Wirkung einsetzt, dafür hält der Rausch länger an. Raucht man es, setzt die Wirkung deutlich schneller ein und ist viel stärker, dafür ist der Rausch kürzer.

„Man muss“, sagt Lueg, „wenn man Kokain raucht, viel schneller nachlegen.“ Wer höher steigt, kann auch hier tiefer fallen. Und so kann ein Konsum-Kreislauf entstehen: Ein Rausch, der im Zweifel über Tage anhalten und nur noch von den Bargeldmöglichkeiten gestoppt werden kann. Oder vom Herz-Kreislauf-System.

Dr. Gerhard Reymann ist ein Kollege von Lueg, er beschäftigt sich mit Suchterkrankungen in Dortmund seit 25 Jahren. Eigentlich schon länger. Zuvor war er als Notarzt im Einsatz und kam damals bereits mit Kokainkonsumenten vereinzelt in Berührung. In der Regel in Bordellen, in denen Männer Herzprobleme bekamen, nachdem sie sich unter Kokaineinfluss „übernommen“ hatten, wie der Arzt sagt. Reymann ist Chefarzt in der LWL-Klinik und sagt heute: „Kokain ist eine konstante Komponente in Dortmund und über die Jahre immer ein nennenswertes Problem geblieben.“

In der Suchtambulanz unterscheiden sie drei Sorten von Konsumenten

Drei Sorten von Nutzern gibt es für Reymann. Da sind einmal die Süchtigen, die so gut wie alles konsumieren: Heroin, Kokain, Alkohol, Cannabis, Amphetamine, Tabak. Menschen, die dann irgendwann bei seinem Kollegen Arne Lueg landen. Entweder, weil der Körper zusammenbricht. Oder, weil sie aufgrund ihrer Sucht kriminell werden. Und zum Beispiel als Auflage bei einer Verurteilung eine Therapie machen müssen.

Die zweite Sorte Nutzer ist bürgerlich gut integriert, sie konsumiert Kokain, sonst vielleicht noch Tabak und Alkohol. Diese Gruppe entspricht teilweise dem, was man sich so als Leistungsdrogenkonsumenten vorstellt. Das sind nicht nur die „Schönen und Reichen der Gesellschaft“, das sind auch ganz normale Berufstätige. Weiter gibt es eine dritte Gruppe, die der zweiten Gruppe ähnelt, hier spielt das Rotlicht aber noch eine größere Rolle. Da wird Kokain genommen, um die Intensität des sexuellen Erlebens und die Leistungsfähigkeit zu steigern. „Chem-Sex“ nennt das der Arzt, so etwas werde auch in Bordellen entsprechend angeboten.

„Jede Dosis ist im Prinzip lebensgefährlich.“

Diese beiden Gruppen, so schätzt es Reymann ein, stelle die Mehrheit der Konsumenten. Und die, so sagt er, hätten kaum Kontakt zum Hilfesystem. Ab und an melden sich Menschen freiwillig in der Suchtambulanz der LWL-Kinik, weil ihnen ihre Sucht auf Dauer zu teuer geworden ist. Oder vielleicht, weil die Partnerin das mitbekommen hat und jetzt auf eine Therapie drängt. Aber sonst?

Kokain-Hauptstadt Dortmund: ein Report über Koks-Konsum, Hintermänner und den Handel

Das Hochhaus der LWL-Klinik im Dortmunder Stadtteil Aplerbeck, hier bei einer Feuerwehrübung 2014. Das Gebäude gehört zu einem großen Psychiatrie-Komplex. In dem Hochhaus werden unter anderem auch Süchtige behandelt. © Menne

Wenn ein Mensch Kokain konsumiert, erhöht sich die Sterblichkeit statistisch gesehen erheblich, es kann zu einem Herzinfarkt oder einer Gehirnblutung kommen. „Der Körper wird beim Konsum extrem aufgepeitscht, so ist jede Dosis im Prinzip lebensgefährlich - und je älter der Mensch wird, desto höher wird das Risiko, zu versterben.“ Sagt Reymann. Ansonsten aber, auf der Langstrecke Leben, sind die tatsächlichen Killer Tabak und Alkohol, das ist inzwischen wissenschaftlicher Konsens. Und abgesehen von einem möglichen Loch in der Nasenscheidewand verkürzt der Kokainkonsum rein medizinisch gesehen das Leben in der Regel nicht so sehr wie etwa Alkohol. Alkohol ist ein reines Gewebegift. Kokain hat aber nicht nur körperliche Folgen.

Sucht kann eine verdammte Familiengeschichte werden

In Dortmund lebt eine Frau, die nie in ihrem Leben Kokain konsumiert hat und deren Leben über ein gutes Jahrzehnt dennoch maximal vom Kokain beeinflusst wurde. Ihr Vater, Inhaber einer mittelständischen Firma und ein durchaus angesehener Mann, begann irgendwann, an einzelnen Wochenenden zu verschwinden. Die Familie ging zunächst von einer Affäre aus, der Vater und Ehemann verschwand häufiger, irgendwann war er fast eine ganze Woche verschwunden. Als er damals dann heimkehrte, heulte er, rief die Frau und die beiden Kinder zusammen. Alle erwarteten, jetzt die Geschichte von einer neuen Geliebten zu hören.

Doch die neue Geliebte war gar nicht so neu, der Vater hatte sie schon ein paar Jahre und sie hieß Kokain. Der Mann in Tränen ausgebrochen, das Geständnis, endlich Klarheit – die Familie lag sich in den Armen. Man wollte das zusammen durchstehen, füreinander da sein und die Sucht gemeinsam angehen und besiegen. Was sich anhört wie ein Ende, war der Beginn einer jahrelangen Leidenszeit, in der die Frau sich hin und wieder wünschen sollte, ein Anruf würde eingehen, in der ihr mitgeteilt würde, ihr Vater sei tot. Herzinfarkt vielleicht. Oder mit dem Auto vor den Baum oder so etwas.

In irgendeinem Puff hatte es angefangen.

Die Sucht des Mannes hatte klassisch begonnen. In irgendeinem Puff war er auf den Geschmack gekommen. Die Dosen hatten sich dann gesteigert, die Zeitintervalle zwischen den Abstürzen hatten sich verkürzt, es war ein Prozess von über zehn Jahren Dauer, den außerhalb der Familie niemand mitbekam. Der Mann war ja nach wie vor gut angezogen, hatte ein Auto, das so aussah, als hätte er es geschafft, die Fassade hielt notdürftig. Es wusste ja niemand, dass die Tochter, die heute eine erwachsene Frau ist und die damals gerade mit ihrem Studium begonnen hatte, alle naselang zuhause blieb, damit der Vater nicht wieder auf Tour ging. Heute sagt sie, dass die ganze Entwicklung der Familie, ihre eigene Entwicklung und die ihres Bruders über all die Jahre quasi gestoppt oder maximal gebremst wurde, weil sich alles an der Sucht des Vaters ausrichtete. Familie hält ja zusammen. Auch wenn das vermeintliche Oberhaupt dann nach dem x-ten Exzess einmal mehr zerstört und depressiv nach Hause kam.

Nach einer längeren Konsumphase wird oft eine Depression behandelt

So sensationell und omnipotent sich ein Konsument während eines Rausches auch fühlen mag: Am Ende ist er fertig und fällt in ein Loch. Kokain wirkt im zentralen Nervensystem. Die Ausschüttung der körpereigenen Botenstoffe Dopamin, Noradrenalin und Serotonin wird deutlich erhöht. Das macht das Hoch aus. Gerade, wenn das häufiger geschieht, bildet das Gehirn mehr Rezeptoren, an die die Botenstoffe andocken sollen. Wenn die dann fehlen, „schreien die Rezeptoren dann nach Dopamin, wenn das Kokain ausbleibt.“ Sagt Arzt Arne Lueg. Kommen Patienten auf Entzug nach einer längeren Konsumphase in die LWL-Klinik, „müssen wir bei ihnen oft zunächst eine Depression behandeln.“ Auch Kokainpsychosen seien möglich, bei denen sich die Patienten Stimmen einbilden würden oder Wahnvorstellungen entwickeln würden. Krabbeltierchen, die massenhaft auf oder unter der Haut sitzen würden, kämen öfter vor.

Die Menschen, die freiwillig in die LWL-Suchtambulanz kommen und es ernst meinen, löschen die Nummer des Dealers. Aber das reicht, so die Erfahrung von Arzt Reymann, nicht. Wer es richtig ernst meine, der müsse sich schon eine neue Handynummer besorgen. Denn wenn sie sich länger nicht bei ihrem Dealer melden, so Reymann, meldet der sich: „Ey, gibt es dich noch, willst du noch mal?“ Und da könnte ein Kokainist kaum Nein sagen.

In den letzten Jahren, so seine Beobachtung, habe der Kokainkonsum zugenommen, es würden mehr Menschen in die Ambulanz kommen. Und wenn man über sie sprechen würde, müsse man auch über die extrem hohe Rückfallgefahr, die finanziellen Konsequenzen und die Nähe zum Rotlichtmilieu sprechen. In allen Altersklassen und in allen Milieus. Konsumiert wird in der Nordstadt und im Süden der Stadt. Oder auf der Südtribüne des BVB.

Auch auf der Süd hat sich das Kokain breit gemacht

Einer, der diesen Bereich des Signal-Iduna-Parks und seine Verschachtelungen seit vielen Jahren kennt, sagt, dass die Süd ein ausgeprägtes Drogenproblem hat. Man kann das einerseits riechen, wenn man auf ihr steht, süßliche Marihuana-Schwaden sind dort schon lange keine Seltenheit mehr. Inzwischen aber habe sich auch das Kokain breit gemacht. „Es ist inzwischen so, dass du manche Menschen gar nicht mehr ansprechen kannst, so dicht sind die.“ Und das sei früher, noch vor ein paar Jahren, nicht so gewesen.

Natürlich ist nicht jeder auf der Süd ein Drogenkonsument. Doch: Sich stark fühlen, omnipotent, furchtlos, keiner kann einem was und wo man selber ist, da ist vorn – das passt schon sehr gut mit einem Stadionbesuch zusammen. Aber eben auch mit vielen anderen Lebenslagen.

1,1 Kilogramm Kokain am Tag in Dortmund ist eine Zahl, die Dr. Reymann nicht überrascht. „Ich halte das für vernünftig gerechnet.“ Die Anzahl der Patienten, die freiwillig in die Ambulanz kämen, sei zwar überschaubar. „Aber was sie berichten, wo sie konsumieren, wie viele andere Menschen da sind und wie „normal“ das in solchen Kreisen ist, in denen sie verkehren – da überrascht mich diese Zahl wirklich nicht.“

Koks auf dem Klo für alle.

Man könne sich das vorstellen wie einen Abend unter Freunden. Nur statt dem Glas Rotwein gebe es dann die Nase Kokain. Partys, auf denen auf dem WC Kokain für alle ausliegt. „Und das wird als ganz großzügige Geste des Gastgebers gesehen – nicht als in Versuchung führen und potenziell fertigmachen.“

Es gibt auch Menschen, die alle zwei oder sechs Wochen konsumieren – aber das ist für Reymann nicht die große Menge. Die große Menge der Konsumenten konsumiere irgendwann regelmäßig. Bei langjährigem nasalem Konsum kann dann ein Loch in der Nasenscheidewand auftreten. Dort, wo sich zwei Schleimhäute und ein wenig Knorpel befinden. „Kokain vermindert ausgesprochen stark die Durchblutung, das Gewebe stirbt ab.“ Das Loch zu schließen, sagt der Arzt, sei medizinisch gesehen ausgesprochen anspruchsvoll. Es gebe inzwischen, zum Beispiel in Düsseldorf, spezialisierte Chirurgen, deren Haupteinnahmequelle es sei, solche Löcher wieder zu verschließen. Das koste den Patienten aber sehr viel Geld.

Kokain-Hauptstadt Dortmund: ein Report über Koks-Konsum, Hintermänner und den Handel

Ein Fahnder zeigt Kokain, das in Hamburg sichergestellt wurde. Dort und in Bremerhafen wurden 2017 insgesamt sieben Tonnen beschlagnahmt. © dpa

Das Kokain stammt aus Südamerika, eine wesentliche Rolle für den deutschen Markt spielt Hamburg. Im dortigen Abwasser fanden die Forscher zwar weniger Abbauprodukte. Doch dort wird, gemeinsam mit Bremerhaven, ein Großteil des Kokains sichergestellt, das in Deutschland beschlagnahmt wird. 2017 waren das knapp sieben Tonnen – mehr als dreimal so viel wie 2016. Es ist, seitdem die Zahl bekannt wurde, die Rede von einer Kokainschwemme. In Südamerika, so die Annahme, wurde die Kokain-Produktion erhöht, was unter anderem zu einer Zunahme von Exporten nach Europa und Deutschland geführt habe. Ein BKA-Mitarbeiter sagte, als das alles Ende 2017 bekannt wurde, dem Sender NDR: „Offensichtlich verfahren die Täter nach dem Motto: Angebot schafft Nachfrage.“ Das Angebot ist da, die Nachfrage auch.

„Dortmund ist das Verteilerzentrum im Westen geworden“.

Wenn man irgendwo in interessierten Kreisen in Nordrhein-Westfalen nachfragt, wo es gutes Kokain gibt, dann lautet die Antwort in der Regel Dortmund. Das sagen nicht nur Konsumenten auf der Straße, das hört man so auch in der Staatsanwaltschaft der Stadt. Sieben Staatsanwälte kümmern sich dort, teilweise im Bereich Betäubungsmittel, teilweise im Bereich organisierte Kriminalität, um den Drogenhandel in der Stadt.

Wer beispielsweise in Berlin Kokain erwirbt, bekommt in der Regel einen Stoff mit einem Reinheitsgrad von 50, vielleicht 60 Prozent. Ein Dealer, der in Dortmund solches Kokain anbieten würde, so sagt es ein Strafverfolger, wäre schnell weg vom Fenster. Hier würde ein Reinheitswert von 90 Prozent aufwärts erwartet und geliefert.

Wenn vor Dortmunder Gerichten Kokainbesitz verhandelt wird, wird auch immer die Reinheit der Droge gemessen. Der festgestellte Wirkstoffgehalt hat bei einer eventuellen Verurteilung einen Einfluss auf das Strafmaß. Ein Richter sagt, es komme bei Verhandlungen eigentlich nicht vor, dass der Wirkstoffgehalt unter die 90 Prozent fällt. Man kann das jetzt als eingebauten Werbeblock für den Dortmunder Drogenmarkt verstehen. Der hohe Reinheitsgrad belegt aber vor allen Dingen, dass die Droge hier noch nicht durch viele Hände gegangen ist. Je mehr Menschen mit ihr verdienen wollen, desto gestreckter ist der Stoff. „Dortmund ist das Verteilerzentrum im Westen geworden“, weiß man schon etwas länger in der Staatsanwaltschaft.

Sicher ist: Vor 20 Jahren war der Stoff hier Durchschnitt

Wann genau das begonnen hat, können auch altgediente Strafverfolger nicht mehr genau sagen. Sicher ist: Vor 20 Jahren war der Stoff hier Durchschnitt, seit mindestens fünf Jahren hat er die heutige Qualität. Auch in der Staatsanwaltschaft hält man die 1,1 Kilogramm Durchschnittsverbrauch pro Tag für realistisch gerechnet, geht aber davon aus, dass mindestens die gleiche Menge von hier aus weiterverkauft wird.

Warum das so ist? Den einen Grund scheint es nicht zu geben, es sind offenbar mehrere Komponenten, die dazu geführt haben. Da ist einerseits die Nähe zu den Beneluxländern. Kokain wird wie bereits erwähnt in Südamerika produziert und kommt dann auf dem Seeweg in Westeuropa an. Dortmund ist eine der ersten Großstädte im Westen Deutschlands und hat im Vergleich mit Duisburg etwa den strategischen Vorteil, gut erreichbar zu sein. Man ist von hier aus wieder schnell verschwunden und muss mit Kokain im Kofferraum nicht erst einmal noch durch das ganze Ruhrgebiet fahren. Und dann, ein wesentlicher Grund aus Sicht der Strafverfolger, gibt es hier die Nordstadt.

Da liegt einerseits ein Hafen. Man mag ihn für klein halten, aber auch hier kam in den vergangenen Jahren ein Container aus Costa Rica an, in dem Kokain versteckt war – und der bei Kontrollen in Rotterdam durchgerutscht war.

Andererseits ist das Kokaingeschäft, das sagen unisono Vertreter von Strafverfolgungsbehörden, fest in libanesischer Hand. Zwei Clans teilten sich bisher das Geschäft, ein dritter versucht gerade, sich hier ebenfalls zu etablieren. Und diese Clans haben ihre Bunkerwohnungen und ihre Infrastruktur in der Nordstadt.

Gute Standplätze für Verkäufer sind begehrt

Hier haben Verkäufer feste Standplätze, man kann sich das fast wie einen Wochenmarkt vorstellen. Hier wie dort sind die guten Plätze umkämpft, jeder will sie haben. Doch das ist nur ein Vertriebsweg: Kokain wird, wie alle anderen Drogen auch, inzwischen vermehrt über das Internet geordert. Aber am häufigsten in Dortmund noch per Handy, es wird geliefert. Nach einem Telefonat oder einer SMS kommt der Stoff in eine Wohnung oder an eine Straßenkreuzung.

Vor wenigen Jahren gelang etwas äußerst Seltenes: Ein Clanmitglied eines weiteren und bis dahin im Dortmunder Kokain-Markt sehr aktiven Clans sagte gemeinsam mit einem Lieferanten aus. Das ist extrem ungewöhnlich bis fast unmöglich, denn der Familienzusammenhalt ist in diesen Strukturen extrem eng. Dazu kommen sprachliche und kulturelle Barrieren, die es fast unmöglich machen, jemanden von außen hineinzuschleusen. Noch schwieriger ist es eigentlich nur, vertrauliche Kontakte in extremistische religiöse Kreise zu bekommen, zum Beispiel zu radikalen Salafisten. Denn ihren Lohn erwarten religiöse Extremisten im Gegensatz zu Drogenhändlern in der Regel nicht im Diesseits.

Kronzeugen im Zeugenschutz.

Der Clan wurde damals zerschlagen, die Ermittler bekamen seltene Einblicke in seine Struktur, noch heute sagen die beiden Kronzeugen, beide im Zeugenschutz, vor Gerichten aus. Als der Clan Geschichte war, entstand ein Vakuum im Vertriebsnetz. Im Mai 2015 wurde es in der Nordstadt kurz unruhiger als sonst, erst kam zu Schlägereien, dann fielen später auch Schüsse in der Stahlwerkstraße. Dort wurden damals die Reviergrenzen neu ausgehandelt, die Behörden sprachen von „Streitigkeiten im Drogenmilieu“. Man kann das verstehen, wenn man eine Idee davon bekommt, welches Geld im Drogenmarkt steckt.

Kokain-Hauptstadt Dortmund: ein Report über Koks-Konsum, Hintermänner und den Handel

Einschusslöcher in einer Schaufensterscheibe einer Bar in der Stahlwerkstraße in der Dortmunder Nordstadt. In der Gegend kam es 2015 und 2017 zu Revierkämpfen im Drogenmilieu. © Bandermann

In den Reihen der Staatsanwaltschaft Dortmund schätzt man konservativ, dass pro Jahr in Dortmund ein Umsatz von 150 Millionen Euro mit Drogen gemacht wird, Kokain macht in dieser Rechnung mindestens die Hälfte aus. 150 Millionen Euro Umsatz ist eine Wahnsinnssumme. Der Gewinn ist nicht zu versteuern und beträchtlich: Laut der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht geben Dealer im Durchschnitt 38 Euro für ein Gramm Kokain aus und verkaufen es für 76 Euro weiter. In Dortmund zahlt man auf der Straße je nach Dealer und Menge zwischen 50 und 100 Euro pro Gramm – nur bekommt man in der Regel kein Gramm sondern eher 0,7 bis 0,8 Gramm. Was aber relativ egal ist, denn erstens machen es fast alle auf der Straße so.

Und zweitens haben, wenn man so will, die Clans, die nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hinter dem Kokainhandel in Dortmund stecken, das Aldi-Prinzip für sich entdeckt und adaptiert: Bundesweit gesehen liefern sie konstant hohe Qualität zu einem verhältnismäßig niedrigen Preis.

Drogenbekämpfung hat politisch gesehen im Moment keinen Vorrang.

Woran sich wahrscheinlich in den kommenden Jahren nicht viel ändern dürfte. Zwar gibt es für die Nordstadt inzwischen eigene Staatsanwälte und auch die Polizei will mit einer eigenen Ermittlungskommission der „erhöhten Kriminalität“ entgegenwirken. Aber die Drogenkriminalität und speziell ihre Bekämpfung wird von der Politik im Moment nicht als oberste Priorität betrachtet.

An welchen Fronten die Polizei sich im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten extrem streckt, ist immer auch eine politische Entscheidung und von der Frage abhängig, wo aktuell besonders viel Druck herrscht. In Dortmund war das zum Beispiel über viele Jahre die Einbruchskriminalität. Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2017 pro Tag im Schnitt in 5,5 Wohnungen eingebrochen. 2016 waren es noch 7,8 Wohnungen am Tag. Einen solchen Rückgang schafft man nur mit einem immensen Personaleinsatz. Personal, das wiederum an anderer Stelle fehlt.

Was aus der Kriminalstatistik nicht herauszulesen ist, ist, wie viel Aufwand in den Kampf gegen radikalen Islamismus gesteckt wird. Wie viele Polizeiarbeitsstunden im Fußball stecken und wie viele im Kampf gegen den Rechtsextremismus. All das sind die Themen, bei denen politisch gesehen Druck auf dem Kessel ist.

Es wird weiter nach Gras riechen und Koks geschnupft werden

Bei Polizist Weber wird es im Büro weiter nach Gras riechen. In Dortmund werden am Tag weiterhin die konservativ errechneten 1,1 Kilogramm Kokain geschnupft oder geraucht werden. Und weiter werden mit Drogen im Jahr 150 Millionen Umsatz in Dortmund gemacht. Ebenfalls konservativ geschätzt. Welchen Einfluss die daraus gezogenen Gewinne auf die legale Wirtschaft haben, ist kaum absehbar.

Die Frau, deren Vater mit seiner Sucht über ein Jahrzehnt die Familie in Atem hielt, ist inzwischen an die 40 Jahre alt. Ihr Studium hat sie deutlich später als erwartet abgeschlossen, ihre Rentenbezüge werden deutlich schlechter ausfallen.

Das, was die Familie mal an Besitz hatte, ist so ziemlich komplett verpulvert worden.

Die Eltern sind an ein anderes Ende der Republik gezogen.

Dort, als alle Verbindungen gekappt waren, nach Therapien wegen Depressionen und Abhängigkeit, war die Suchtgeschichte irgendwann zu Ende. Vielleicht lag es auch am Alter des Mannes.

Gesprochen wird in der Familie heute nicht mehr über diese Phase. Aber alle in der Familie werden sich daran erinnern, wenn es wieder heißen wird: „Dortmund ist Kokshauptstadt Nr. 1 in Deutschland.“

Ob das Abwasser in Deutschland in den kommenden Jahren wieder so umfangreich wie 2017 untersucht werden kann, ist laut den Forschern im Moment noch nicht gesichert.

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