Krach bei der Chorakademie: Gründer und Geschäftsführer muss gehen

rnChorakademie Dortmund

Die Chorakademie ist Europas größte Singschule und genießt weit über Dortmund hinaus einen exzellenten Ruf. Doch hinter den Kulissen kracht es. Geschäftsführer Lars Kersting musste gehen.

Dortmund

, 30.06.2020, 05:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie haben eine gewaltige Aufbauarbeit geleistet. Als studentisches Projekt begann vor fast 20 Jahren die Geschichte der Dortmunder Chorakademie. Lars Kersting und Zeljo Davutovic machten aus dem Monteverdi-Junior-Chor und einer Singaktion in Dortmunder Grundschulen innerhalb weniger Jahre die „größte Singschule Deutschlands“ mit mehr als 1000 Sängerinnen und Sängern.

In den Kinderchören gewinnen Hunderte Jungen und Mädchen Freude am Singen, der WDR-Kinderchor hatte 2019 Auftritte in Südkorea, der Jugendkonzertchor gewann 2018 den Deutschen Chorwettbewerb und die Jungs des Knabenchores sind europaweit auf Opern- und Konzertbühnen gefragt. Die Festkonzerte im Konzerthaus zu Pfingsten und in der Adventszeit wirken wie ein großes Familienfest.

Streit zwischen Vorstand und Gründern

Doch hinter den Kulissen ist es mit der Harmonie nicht mehr weit her. Insider beklagen die mangelnde Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen und organisatorische Probleme.

Klar ist: Schon 2017 hat es Differenzen zwischen dem ehrenamtlichen Vorstand auf der einen sowie Geschäftsführer Kersting und dem Künstlerischen Leiter Davutovic gegeben. Damals trat der Vorstand mit dem früheren Regierungspräsidenten Gerd Bollermann an der Spitze zurück. Von „unüberbrückbaren Differenzen zu den künstlerisch Verantwortlichen und der Geschäftsführung“ war die Rede.

Rücktritt als „Warnschuss“

Die Chorakademie leiste zwar „eine künstlerisch und pädagogisch exzellente Arbeit“. Zu beklagen seien aber Intransparenz und fehlende Professionalität auf der betriebs- und finanzwirtschaftlichen Seite. Der damalige Rücktritt sollte ein „Warnschuss“ sein, erklärt Bollermann rückblickend.

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Auch der seit 2018 amtierende neue Vorstand unter Konzerthaus-Sprecher Jan Boecker ist mit der Arbeit Davutovics und Kerstings offenbar nicht einverstanden. Davutovic wurde im Januar als „Künstlerischer Leiter“ abberufen, leitet aber weiter den Bereich Mädchenchöre und den WDR-Kinderchor.

In dieser Funktion hatte Boecker ihn nach dem „Umweltsau“-Lied kritisiert. Nach einer Elternversammlung im Januar, bei der sich die Eltern der Chor-Mädchen geschlossen hinter Davutovic gestellt hatten und der WDR die Verantwortung für die Aufnahme des Liedes übernommen hatte, erklärte Boecker allerdings, auch der Vorstand stehe hinter Davutovic.

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Gutachter zur Struktur

Aktuell steht die kaufmännische Geschäftsführung im Fokus. Grundlage ist ein im Frühjahr 2019 in Auftrag gegebenes Gutachten über die Geschäfte der Chorakademie. Der Gutachter, der Dortmunder Rechtsanwalt und Notar Fritz-Martin Przytulla, übt darin heftige Kritik an der Geschäftsführung, heißt es in einem Brief des Vorstands, der unserer Redaktion vorliegt. Das Schreiben richtet sich an die Mitglieder des Vereins, in der Regel die Eltern der Chorkinder.

Als Kritikpunkte aufgelistet werden „vereinsrechtlich unklare finanzielle Vorgänge, ein fehlendes Controlling, verspätet eintreffende Jahresabschlüsse, unzureichende Bearbeitung von Vertragsangelegenheiten und fehlende Gehaltsbänder“.

„Zwei weitere unabhängige Gutachter, die vom Vorstand ebenfalls zu Rate gezogen wurden, kamen zu äquivalenten Ergebnissen“, heißt es in dem Schreiben.

Mehrere Fristen seien gesetzt worden, um die Versäumnisse aufzuarbeiten. Doch bis zuletzt habe es keine befriedigende Aufklärung gegeben. Deshalb zog der Vorstand am 19. Juni die Konsequenzen – und erklärte die Zusammenarbeit mit Geschäftsführer Lars Kersting für beendet.

„Unterschiedliche Auffassungen“

„Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen“, sagt Jan Boecker auf Anfrage. Doch das Ziel, „Transparenz und klare Strukturen sowie eine juristisch einwandfreie vereinsrechtliche Ordnung herzustellen“, sei nur mit einem personellen Neuanfang möglich.

Lars Kersting selbst spricht auf Anfrage unserer Redaktion von „unterschiedlichen Auffassungen hinsichtlich der aktuellen und zukünftigen Entwicklung von Europas größter Singschule“. Deshalb habe der geschäftsführende Vorstand beschlossen, sein Dienstverhältnis zu lösen.

„Zu unterschiedlich waren die Sichtweisen auf die Prioritäten der Geschäftsleitung und über die Gestaltung von standardisierten Betriebsabläufen, obgleich die vergangenen fünf Jahre auch in wirtschaftlicher Hinsicht sehr erfolgreich waren“, erklärt Kersting. „Das kommt in Einrichtungen und Unternehmen häufiger vor und ist deshalb nicht ungewöhnlich.“

Aufgrund „nachvertraglicher Schweigepflichten“ sei es ihm nicht erlaubt, sich zu Einzelheiten und Begründungen der Vertragsbeendigung zu äußern, teilt Kersting mit. Er wünsche „der Chorakademie, dem Team und den Sängerinnen und Sängern eine tolle Weiterentwicklung und weiterhin den größtmöglichen Erfolg“.

Neue Geschäftsführung gesucht

Der Vorstand der Chorakademie sucht jetzt einen neuen Geschäftsführer oder eine Geschäftsführerin. So lange übernehmen vier Mitarbeiter der Chorakademie die Leitung, unter ihnen der Leiter des Jugendkonzertchores, Felix Heitmann.

Die Arbeit der Chöre geht aktuell nach der Corona-Pause weiter - wenn auch sehr eingeschränkt. Geprobt wird meist nur mit Solisten oder kleineren Gruppen. Öffentliche Auftritte sind wegen Corona aktuell nicht möglich.cho

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